Ex-RAF-Terrorist Klar kommt frei Bewährung für einen Reuelosen

Mehr als ein Vierteljahrhundert saß Christian Klar im Gefängnis. Jetzt hat das Oberlandesgericht Stuttgart entschieden: Der Ex-Terrorist kommt vorzeitig frei, im Januar auf Bewährung. Sein Fall ist umstritten, doch Klars Rolle bei der RAF wird oft überschätzt.

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Berlin/Stuttgart - Mehr als ein Dutzend Mal hatte Christian Klar seit April bereits Ausgang, teilweise in Begleitung, aber auch allein. Am 3. Januar 2009 wird der heute 56-Jährige endgültig entlassen, nach 26 Jahren im Gefängnis, die meisten davon saß er in der JVA Bruchsal ein. Die Richter gehen nicht davon aus, "dass von Christian Klar künftig erneut erhebliche Straftaten zu befürchten sind", heißt es in der Begründung, die das Oberlandesgericht Stuttgart heute verkündet hat.

Zellentrakt in der JVA Bruchsal, Ex-Terrorist Klar: "Nicht schießen!"
AP

Zellentrakt in der JVA Bruchsal, Ex-Terrorist Klar: "Nicht schießen!"

Das Oberlandesgericht Stuttgart hatte ihn 1985 wegen neunfachen, gemeinschaftlich begangenen Mordes und elffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Später entschied dasselbe Gericht, er müsse wegen "besonderer Schwere der Schuld" mindestens 26 Jahre im Gefängnis verbringen.

Es war der 16. November 1982, als ein 30 Jahre alter Mann in einem Trainingsanzug durch den Sachsenwald bei Hamburg lief. Als mit Schnellfeuergewehren bewaffnete Polizisten aus ihren Verstecken sprangen, rief er "Nicht schießen!" und ließ sich auf den Boden fallen.

Die Polizeibeamten beschrieben den Mann, den sie als Christian Klar identifizierten, als "völlig erschöpft" und "total abgemagert". Er hatte sich über sechs Jahre im Untergrund gehalten, länger als die allermeisten seiner Kampfgenossen der Roten Armee Fraktion (RAF). Der Gang durch den Sachsenwald war für mehr als ein Vierteljahrhundert Klars letzter Gang in Freiheit. Wenn er Anfang Januar in der Haftanstalt Bruchsal seine Sachen packen wird, hat er länger im Gefängnis gesessen als beispielsweise der NS-Verbrecher Albert Speer, der für den Tod von Millionen von Zwangsarbeitern in Nazi-Deutschland verantwortlich war.

Der 1952 in Freiburg geborene Klar stammt aus einer bürgerlichen Familie. Seine Mutter war Physiklehrerin, sein Vater übergab als Vizepräsident des Oberschulamtes Nordbaden Elisabeth Buback ihre Urkunde zu Ernennung als Beamtin, der Schwiegertochter des von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback.

"Er hatte Gerechtigkeitsgefühl, war ein Moralist"

"In guter Erinnerung", habe er Klar, sagte sein ehemaliger Deutschlehrer über ihn. "Er war, wie man sich einen Schüler wünscht, er hatte Gerechtigkeitsgefühl, war ein Moralist." Doch genau diese Eigenschaften waren es wohl, die ihn dazu brachen, mit aller Gewalt gegen die herrschenden Verhältnisse zu revoltieren.

Klar schrieb sich im Herbst 1972 an der Universität in Heidelberg ein, aber war vor allem in linksradikalen Gruppen wie dem Heidelberger "Komitee gegen die Folter an politischen Gefangenen" aktiv. Er lebte mit Gesinnungsgenossen in Wohngemeinschaften zusammen und besetzte im Oktober 1974 in Hamburg das Büro von Amnesty International, um gegen die "Vernichtungshaft" von Ulrike Meinhof und anderen RAF-Gefangenen zu protestieren.

Es dauerte allerdings noch bis zum Herbst 1976, bis er sich zusammen mit Günter Sonnenberg, Knut Folkerts und Adelheid Schulz der RAF anschloss. Die Gruppe hatte sich erst kurz zuvor in einem Palästinenser-Lager im Südjemen reorganisiert. Die vier Karlsruher diskutierten lange, bevor sie endgültig in den Untergrund gingen. Weil sie aus der Nähe des Schwarzwalds kamen, hießen sie intern "Förstergruppe".

Ehemalige RAF-Kampfgenossen haben Klar als eifrig, bisweilen übereifrig in Erinnerung. Aber als die Gruppe ihre "Offensive 77" startet, verfügt sie über erfahrenere und besser trainierte Kader als ihn. Peter-Jürgen Boock sagt, dass Klar oft überschätzt werde. Bei dem Attentat auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977 beispielsweise sei er, wenn überhaupt, nur ein Helfer am Rande gewesen.

Erwiesen hingegen ist, dass Klar zusammen mit Brigitte Mohnhaupt den Bankier Jürgen Ponto ermordete. Da es eigentlich geplant war, Ponto zu entführen, wird Klar intern dafür kritisiert, dass er angefangen habe zu schießen. Er ist aber nicht Mitglied des vierköpfigen Kommandos, das Hanns-Martin Schleyer und seine Begleiter erschoss.

Nach dem "Deutschen Herbst" 1977 wuchs Klars Bedeutung in der RAF dadurch, dass Stefan Wisniewski verhaftet wurde und Peter-Jürgen Boock sich absetzte. Während 1980 fast die Hälfte der Gruppe ausstieg und mit Hilfe der Stasi in der DDR unterkam, machte Christian Klar weiter. Die Gruppe allerdings erholte sich ideologisch und operativ nicht von der Niederlage des Herbstes 1977. Anschläge auf die US-Militärs Alexander Haig und Frederick Kroesen scheiterten; die Gruppe lebte über lange Zeit im Ausland und beschränkte sich auf Banküberfälle.

Das Leben unter dem ständigen Fahndungsdruck war auszehrend. Es dauerte lange, bis diagnostiziert wurde, dass Klar an Tuberkulose litt. Ein Untergrund-Arzt der RAF kurierte ihn schließlich. Unter anderem weil er den Fahndern auf spektakuläre Art und Weise entwischte, stieg Klar in den Medien zum "Top-Terroristen" auf.

Nach seiner Festnahme im Sachsenwald wurde Klar sieben Jahre in strenger Einzelhaft gehalten: 23 Stunden am Tag allein in der Zelle in Hochsicherheitstrakten in Straubing, Frankenthal und Stammheim; Kontaktverbot zu Mitgefangenen; Einzelhofgang; tägliche Zellenkontrollen; vollständiges Ausziehen und Kleiderwechsel vor und nach jedem Schritt aus dem Trakt; Besuche nur mit Trennscheibe und Überwachung durch Polizeibeamte. Erst nach einem großen Hungerstreik im Jahre 1989 wurden die Haftbedingungen für Klar und andere inhaftierte RAF-Mitglieder langsam denen normaler Gefangener angepasst.

"Das sitzt zu tief drin"

Als die RAF sich 1993 spaltete, weil eine Gruppe von Gefangenen eine Gesprächsinitiative mit der Bundesregierung initiierte, ohne vorab alle anderen RAF-Leute zu informieren, gehörte Klar zum orthodoxen Flügel um Brigitte Mohnhaupt. Gleichwohl hatte er zuvor schon über die RAF geschrieben: "Sie ist inzwischen Geschichte."

In einem im November 2001 ausgestrahlten Fernsehinterview mit Günter Gaus fragte dieser Klar, ob er ein "Schuldbewusstsein" habe und ein "Reuegefühl" hege. "In dem politischen Raum, vor dem Hintergrund von unserem Kampf sind das keine Begriffe", antwortete Klar. "Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere die Gefühle, aber ich mache sie mir nicht zu eigen. Das sitzt zu tief drin, dass gerade hier in den reichen Ländern zu viele Menschenleben nichts zählen. Vor der Trauer müsste sich sehr viel ändern."

Gaus überredete Klar, ein Gnadengesuch beim Bundespräsidenten zu stellen, doch Johannes Rau traf keine Entscheidung. Horst Köhler erwog über Monate eine Begnadigung, doch nach einem Gespräch mit Klar entschied er sich dagegen. Der Präsident hatte Klar vorgehalten, dass man nicht das Schweigen der Generation der Nazis zu ihren Taten kritisieren und gleichzeitig nichts zu seinen eigenen Taten sagen könne. Klar sah das als Versuch, "die Geschichte der RAF als Kriminalfall zu besprechen" - was er grundsätzlich ablehnt. Er hat sich nie zur Sache geäußert, sondern vor Gericht nur politische Erklärungen abgegeben.

Wenn Klar in Freiheit ist, sitzt nur noch ein ehemaliges Mitglied der RAF im Gefängnis. Birgit Hogefeld wurde 1993 festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Oberlandesgericht Frankfurt hat im vergangenen Jahr entschieden, dass sie frühestens 2011 entlassen werden dürfe.

Christian Klar will sich jetzt erst einmal in seiner süddeutschen Heimat erholen. Dann wird er entscheiden, ob er das Angebot des Theater-Intendanten Claus Peymann annimmt, am Berliner Ensemble eine Ausbildung zum Bühnentechniker zu absolvieren.

Die Arbeit werde hoffentlich nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen, hat er gesagt, "weil natürlich viele Bedürfnisse da sind, Leute zu besuchen, über die frühere Geschichte zu sprechen, einen guten Alltag zu haben".

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