Ex-SED-Chef Krenz auf Lesereise Märchenstunde mit Egon

Der letzte SED-Generalsekretär als ständiger Vertreter der DDR in der Bundesrepublik: Egon Krenz erzählt auf seiner Lesereise, wie die Diktatur aus seiner Sicht wirklich war. Maueropfer und Stasi kommen in der Krenz-Welt nicht vor - dafür erklärt er sich zum wahren Helden des 9. November 1989.

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Güstrow - Es ist als sei man in eine Zeitschleife geraten. Alter Film. Alte Sprüche. Alte Stimmung. Fehlt nur noch der Geruch von DDR. Vorn sitzt Egon Krenz. Gleiches Großformatgrinsen, gleiche Lautstärke, mit der er im Mai 1989 verkündet hatte, 99 Prozent der DDR-Bürger hätten die Kandidaten der Nationalen Front gewählt. Zum Glück ist das West-Fernsehen da, ein sicheres Indiz, doch nicht wieder in der DDR gelandet zu sein. Keine Hände vor den Kameras, keine Stasi-Typen, die den toughen ARD-Mann abdrängen. Nur misstrauische Blicke: Was will der denn hier?

Egon Krenz: "Lieber ein Betonkopf als ein Weicheich"
DDP

Egon Krenz: "Lieber ein Betonkopf als ein Weicheich"

Egon Krenz, 71, FDJ-Chef, letzter SED-Generalsekretär auf Lesung. Vier Jahre war er in Haft, weil er für die Schüsse an der Mauer verantwortlich war. Er hat ein Gefängnis-Tagebuch verfasst. Passend zu seinem Urteil ist an diesem Abend in Güstrow der Veranstaltungsort gewählt. 200 Genossen treffen sich im alten Schützenhaus.

Aber Krenz ist gar nicht da, um vom Knast, von seiner Zeit als "politischer Häftling" zu berichten. Er ist hier als Ständiger Vertreter der DDR in der Bundesrepublik unterwegs, nicht etwa als der "Witwer am Grab der DDR". Man merkt sofort: Krenz, über Jahrzehnte Berufsjugendlicher in der DDR, ist eine richtige Spaß-Kanone.

Ein putziges Ländchen mit sozialer Gerechtigkeit

Fast zwei Stunden lang hat er Lustiges im Angebot. Eine lustige DDR ohne Maueropfer, ohne Stasi, ohne Bautzen und ohne Mangelware. Aufklärung ist seine Mission, sagt er, weil er ein Wort von Bundespräsident Horst Köhler ernst nehme, der Aufklärung über die DDR gefordert hatte. Man könne die DDR-Erinnerung ja nicht Joachim Gauck, Marianne Birthler und Rainer Eppelmann überlassen. Wieder Lachen im Saal, aber schon nicht mehr so nett.

Krenzens DDR ist ein putziges Ländchen mit sozialer Gerechtigkeit, ohne Arbeitslosigkeit und mit Aufstiegschancen für Arbeiterkinder. Seine DDR ist "der einzige deutsche Staat, der keinen Krieg geführt hat", in dem es eine Verfassung gab, über die alle abgestimmt hatten, in der - nur leider - "die Arbeitsproduktivität nicht die beste war". Es gab auch Umweltprobleme, "da verschließe ich nicht die Augen". Nur warum Hunderttausende Menschen aus diesem Paradies davon gelaufen sind, kann er nicht so schnell erklären. Für das Thema schlägt er einen Extra-Abend vor.

Viel lieber redet Krenz über die Geschichte, er ist ja auch unterwegs um sein Bild in der selben gerade zu rücken. Gemeinhin gilt er als größter Trottel der Arbeiterbewegung, als Prinz Charles des Sozialismus, den Erich Honecker so lange nicht an die Macht ließ. In der DDR wurde über Krenz gespottet. Wenn Katharina Witt das schönste Gesicht des Sozialismus ist, dann sei Krenz das dümmste. Selbst seinen Genossen war er 1990 zuwider: Sie riefen "Egon lass den Affentanz, wir wollen unsern Modrow, Hans". Aber vier Jahre Knast haben aus Dumm-Egonchen den Super-Krenz gemacht: "Ich habe nie gewinselt", sagt er und die versammelten Graugesichter, die Ex- und Noch-Genossen, die früher Spalier standen, Winkelemente schwenkten und den Abnick-Muskel trainierten, die jubeln ihrem Egon zu.

"Umdenken ist erlaubt"

Dann sind Fragen zugelassen und einer will wissen, was er denn von Günter Schabowski halte. Aha, Schabowski. Schon vor der Antwort Lachen, aber noch böser als über Birthler, Gauck und Eppelmann. "Umdenken ist erlaubt", sagt Krenz, das gestehe er - wie großzügig - jedem zu. Aber eben "nicht auf der Hacke umkehren". Achtung, nächster Gag: "Lieber ein Betonkopf als ein Weicheich".

Und dann lässt er seinem Ärger über das Politbüromitglied Schabowski freien Lauf. Am 9. November 1989 habe Schabowski alles vermasselt. Das ZK hatte einen Plan zur Öffnung der Grenzen beschlossen, "ein neues Reisegesetz". Am 10. November sollte alles seinen sozialistischen Gang gehen, verkündet und durchgeführt werden. Nach der ZK-Sitzung habe Schabowski gefragt: "Egon, hast du noch was für die Presse?" Dann habe Krenz ihm den Entwurf des Gesetzes plus Pressemitteilung gegeben, aber nicht um ihn gleich herauszupusten wie es Schabowski "unkonzentriert" tat.

"Der Zettel" brüllt Krenz, nun ganz erregt, dieser berühmte Zettel, "das war der Zettel von mir." Nur gut, dass am Tag darauf Super-Krenz Dienst tat und Schlimmes verhinderte, die Grenztruppen, Gorbatschow und Kohl beruhigte. Ja, ja, ihr Lieben so war das in Wirklichkeit.

Ernste Mienen im Saal, Krenz von sich selbst beeindruckt, ein Mann der bekennt: "Ich habe mich sehr wohl gefühlt in der DDR". Ein weiterer, der erklärt: "16 Millionen DDR-Bürger tragen die DDR im Herzen". Krenz der sagt: "Die Enkel werden es besser ausfechten." Vielen Dank, Blumen für Herrn Krenz, die er seiner Frau weiterreicht.

Auf Wiedersehen, eine nette Märchenstunde im Schützenhaus ist zu Ende.



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