Ex-Umweltminister Töpfer "Wohlstand ist auch ohne Kernenergie möglich"

Müssen die älteren Meiler in Deutschland dauerhaft vom Netz? Eindeutig ja, meint Klaus Töpfer. Im Interview spricht der frühere Umweltminister über die Risiken der Atomenergie, die Folgen der Japan-Katastrophe und den irrigen Glauben an die Zukunft der Kernkraft.

REUTERS/ NHK

SPIEGEL ONLINE: Herr Töpfer, Atomanhänger haben in der Vergangenheit stets die Sicherheit von Atomkraftwerken betont. Die Katastrophe in Japan beweist nun das Gegenteil. Welche Konsequenzen müssen daraus gezogen werden?

Töpfer: Menschliches Entscheiden ist immer ein Entscheiden bei unvollkommener Information. Es werden also immer wieder Tatbestände eintreten - egal in welchem Teil menschlichen Lebens, bei welcher Technologie auch immer - die nicht vorhergesehen worden sind. Deswegen muss es darum gehen, solche Technologien zu entwickeln und zu nutzen, die selbst im absoluten Versagensfall keine irreversiblen Schäden verursachen. Aus diesem Grund habe ich schon vor Jahren gesagt, dass wir eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung hat jetzt ihr bisheriges Energiekonzept gekippt und die vorsorgliche Abschaltung der sieben ältesten Atomkraftwerke angekündigt. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Töpfer: Die Entscheidung ist absolut richtig. Es kann schließlich nicht sein, dass eine gänzlich unerwartete und nicht prognostizierbare Entwicklung bei der Nutzung einer Technologie eintritt, die auch wir nutzen - und wir dann nur dem Hinweis folgen, dass Japan weit entfernt von uns liegt und dass dort etwa wegen der starken Erdbebengefährdung andere Rahmenbedingungen herrschen als bei uns. Es gibt immer die Möglichkeit, dass ein ähnlicher Fall auch bei uns eintritt. Fukushima zeigt uns unmissverständlich, dass unerwartete Ereignisse eintreten können, die die Atomtechnologie nicht oder nur bedingt beherrschbar werden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lautet Ihre Prognose für die sieben deutschen Altreaktoren - werden sie jemals wieder ans Netz gehen?

Töpfer: Kanzlerin Angela Merkel hat ein dreimonatiges Moratorium des Gesetzes über die Verlängerung der Atomlaufzeiten angekündigt. Vorausgreifende Aussagen zu dieser Frage wären deshalb unglücklich. Ich bin aber davon überzeugt, dass gerade die älteren Kernkraftwerke in Deutschland möglichst schnell und dauerhaft vom Netz gehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundeskanzlerin betont, dass die deutschen Atomkraftwerke die sichersten der Welt seien. Reicht es aus, über die angeblich sichersten Atomkraftwerke zu verfügen?

Töpfer: Vor dem Unfall in Fukushima hätte eine große Mehrheit der Japaner gesagt, dass sie über die sichersten Atomkraftwerke der Welt verfügen. Sie hätten auch gesagt, dass ihre Atommeiler Tsunamis und Erdbeben standhalten. Unsere Atomkraftwerke werden sicher betrieben. Es gilt aber auch: Wenn man ein Kernkraftwerk abschaltet, muss man selbst am Tag des Abschaltens sicher sein, dass man es weiter betreiben könnte. Man kann ein Kernkraftwerk nicht auf Verschleiß hin fahren. Das kann man vielleicht bei einer Textilfabrik tun, nicht aber bei einem Atommeiler.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich Politik und die Energiekonzerne in Deutschland zu lange vor der Frage gedrückt, ob der Betrieb vermeintlich sicherer Atomkraftwerke auch im Desaster enden kann?

Töpfer: Nein, ich glaube nicht, dass man sich davor gedrückt hat. Und ich unterstelle auch niemandem, dass er des schnellen Profits wegen bewusst Risiken eingegangen ist, die nicht verantwortbar sind. Aber die zentrale Frage ist jetzt diese: Müssen wir nicht alles daran setzen, Alternativen für eine Technologie zu realisieren, mit der wir derartige Risiken nicht eingehen?

SPIEGEL ONLINE: War es ein Fehler der schwarz-gelben Koalition, nach dem Wahlsieg den von Rot-Grün eingeleiteten Atomausstieg rückgängig zu machen?

Töpfer: Wenn neue Ereignisse eintreten, stellt sich vieles, was man einst mit sehr guten oder vermeintlich sehr guten Argumenten entschieden hat, als Fehler heraus. Das wird immer dort der Fall sein, wo man mit Risiken zu tun hat. Es geht deshalb jetzt nicht darum, Entscheidungen als mögliche Fehler zu kritisieren. Wichtig ist vielmehr, die Lage neu zu bewerten. Deshalb ist es völlig richtig, dass die Bundesregierung die deutschen Kraftwerke auf den Prüfstand stellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte der Weg zu einer weltweiten Energiewende aussehen?

Töpfer: Bei uns in Deutschland ist es gesellschaftlicher Konsens, dass die Atomenergie eine Brückentechnologie ist, also zu einem Ende kommen muss. Diese Meinung gibt es in anderen Ländern nicht, beispielsweise weder in China, Russland oder Frankreich. Es wäre also im globalen Bereich zunächst wichtig, dass man überhaupt zu dem Ergebnis kommt, Atomenergie nicht länger als zukunftsträchtige Technologie anzusehen. Die Kernenergie hat uns eine große Hypothek hinterlassen: Wir haben geglaubt, mit ihr den Energieengpass überwunden zu haben. Über Alternativen zur Atomenergie wurde deshalb lange Zeit überhaupt nicht nachgedacht. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Deutschland auch für andere Länder den Beweis erbringt, dass wirtschaftlicher Wohlstand auch ohne Kernenergie möglich ist. Alternative Energien müssen auch für die Länder attraktiv werden, die die Atomenergie derzeit noch für eine Zukunftstechnologie halten.

Das Interview führte Björn Hengst

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
robiflyer 17.03.2011
1. Wohlstand
Nun , es sei mal bemerkt ,daß Wohlstand mit "Kohle" korreliert , also idealerweise mind 4% Einkommenszuwachs p.a. Wnn sich das Einkommen auf Töpfer-Niveau bewegt, kann man übrigens leicht von gewissen Dingen reden . Gilt auch für die Merkel ,die sich einbidet ,soabld man die AKW abschaltet MUSS der Strompreis steigen ---- Der Strompreis MUSSSSSSS immer steigen , wenn Solar , wenn Windkraft , wenn....
Huuhbär, 17.03.2011
2. ...
Nach fünfundzwanzig Jahren politischen und wirtscchaftlichen Nasebohren zu so einer geistigen Erkenntnis zu kommen. Kopfschütteln. Typisch Christlich-Abendländische CDU Denkweise. Es geht auch anders, nur müßte Herr trink Brüderle trink mal in die Gänge kommen. http://www.youtube.com/watch?v=sxC9iGmYexc
hladik 17.03.2011
3. titel
Warum hat Herr Toepfer wohl diesen Standpunkt nicht vertreten, als er Umweltminister war und tatsaechlich etwas haette aendern koennen? Merkwuerdig...
sprechweise, 17.03.2011
4. Schuldig geblieben
Zitat von sysopMüssen die*älteren Meiler in Deutschland dauerhaft vom Netz? Eindeutig ja, meint Klaus Töpfer.*Im Interview spricht der frühere Umweltminister*über die Risiken der Atomenergie, die Folgen der Japan-Katastrophe*und den irrigen Glauben*an die Zukunft*der Kernkraft. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751423,00.html
Den Weg zum Wohlstand ohne Kernenergie ist Töpfer schuldig geblieben. In einer Welt wo viele Staaten nicht auf Kernenergie verzichten, müssen andere Energieträger wirtschaftlich konkurrenzfähig sein. Die unsinnige Förderungen der Photovoltaik sollte sofort eingestellt werden. Wer mit den Risiken der Kernkraft nicht leben will, kann praktisch nur auf Windkraft setzen. Dann müssen aber auch die entsprechenden internationalen Stromnetze gebaut werden, was die "Dagegen-Partei" nicht will. http://www.buerger-fuer-technik.de/body_erneuerbare_energien_und_deren.html
spiegelmaus 17.03.2011
5. Sonne statt Regen
Die einzige vernünftige weil umweltneutrale Energiequelle für die nächsten 1000 bis 10000 Jahre ist die Sonne, die noch ein paar 100 Millionen Jahre scheinen wird. Warum fängt man nicht an, Brennspiegel zu bauen und aufzustellen. Braucht nur einige tausend Quadratkilometer Sahara-Grund. Erdwärme wäre auch eine Möglichkeit, ist aber wohl teurer in der Installation.
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