Exklusive Studie Deutschland, uneinig Vaterland

Ist zusammengewachsen, was zusammengehört? 18 Jahre nach dem Mauerfall hat der SPIEGEL in einer großangelegten Untersuchung jüngere und ältere Deutsche in Ost und West gefragt, wie sie über ihr Land denken. Das Ergebnis: Von Einheit kann keine Rede sein - aber das Land ändert sich.

Von Ansbert Kneip


Hamburg - Bilden die ersten Deutschen, die ohne Mauer aufwuchsen, bereits so etwas wie die "Generation Einheit", denken sie gesamtdeutsch oder noch immer im Ost-West-Muster?

Jugendliche an der Berliner Mauer: Larmoyanz ist keine Frage mehr von Ost und West
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Jugendliche an der Berliner Mauer: Larmoyanz ist keine Frage mehr von Ost und West

Um das herauszufinden, ließ der SPIEGEL bundesweit 1000 repräsentativ ausgewählte Bürger befragen. 500 Befragte stammen aus der Altersgruppe zwischen 14 und 24 Jahren: Als die Mauer fiel, waren sie maximal sechs Jahre alt. Was es hieß, in einem geteilten Land zu leben, konnten sie noch nicht überblicken.

Zum Vergleich befragte TNS Forschung 500 Vertreter der Elterngeneration, im Alter von 35 bis 50 Jahren. So lässt sich herausfinden, was die Jüngeren von den Älteren trennt, und wo sich Ost und West noch unterscheiden. Das Ergebnis: Allen Festreden zum Trotz kann von einem geeinten Land immer noch keine Rede sein. Ostdeutsche sind weniger zufrieden und weniger optimistisch als Westdeutsche. Sie sind von der Demokratie nicht so überzeugt wie die Westdeutschen – und dass der Sozialismus eigentlich eine gute Idee war, aber nur schlecht ausgeführt wurde, glauben im Osten deutlich mehr Menschen als im Westen.

Die Ost-West-Differenzen zeigen sich vor allem in der Rückschau, wenn die Befragten die alte DDR beurteilen sollen: Wie gut das Schulsystem gewesen ist, zum Beispiel. Hier sehen die Ostdeutschen ihr Land deutlich milder als die Wessis. 92 Prozent der 35- bis 50-jährigen Ostdeutschen etwa sagen, eine besondere Stärke der DDR sei die soziale Absicherung ihrer Bürger gewesen. Ihre Kinder, die Ost- Jugendlichen, glauben das nur noch zu 47 Prozent. Das ist zwar immer noch mehr als im Westen, aber der Unterschied ist nicht mehr so groß.

Die gute Nachricht lautet deshalb: Der Ostdeutsche denkt und fühlt zwar noch immer anders als der Westdeutsche. Aber die Jungen sind einander oftmals nicht mehr so fremd wie ihre Eltern. Ganz, ganz langsam scheint da doch etwas zusammenzuwachsen. Ob einer jammerig ist und larmoyant oder ob er optimistisch in die Zukunft blickt und das System bejaht, das ist nicht mehr unbedingt eine Frage von Ost oder West. Es ist auch eine Frage der Generation.

"Wie lange wird es dauern, bis die Einheit vollendet ist?", lautete eine der TNS-Forschung-Fragen. Keine fünf Jahre mehr, antworteten ein Viertel der jungen Westdeutschen und ein Fünftel der jungen Ossis. In der Elterngeneration glauben das nur zwölf, beziehungsweise vier Prozent.

Ob sich junge Ost- und Westdeutsche überhaupt noch voneinander unterscheiden, wollte TNS Forschung wissen. Aber ja doch, mehr oder weniger stark sogar, antworteten da 67 Prozent der Jungen in Ost und West. Und, nächste Frage, wie ist es mit den Älteren? Unterscheiden die sich? Mit "Ja" antworteten diesmal 82 Prozent. Mit anderen Worten: Die Jungen fremdeln nicht mehr so stark wie die Alten.

Die ostdeutschen Jugendlichen sehen die vereinte Bundesrepublik als ein Land, in dem ihre Eltern sich nicht immer zurechtfinden. In ihren Familien lernen sie Weisheiten aus dem Mythenschatz des realen Sozialismus, obwohl sie ihn nie erlebt haben. Die Jungen aus dem Osten sehen die alte DDR in freundlicheren Farben als ihre Altersgenossen im Westen, zum Teil sogar freundlicher als ihre eigenen Eltern. Den Lebensstandard in der DDR zum Beispiel schätzen sie höher ein als ihre Eltern – die sich ans Schlangestehen noch erinnern können.

So sind die jungen Ossis auf merkwürdige Weise zwiegespalten: Was ihren Optimismus angeht, sind sie ihren Altersgenossen im Westen ähnlich, was die Vergangenheit angeht, sind sie eher ostdeutsch geprägt als durch ihre Generation. Wenn man so will, macht dieser Mix die erste echte Einheitsgeneration aus.

"Schade, dass nichts von dem geblieben ist, worauf man in der DDR stolz sein konnte", sagen selbst 60 Prozent derjenigen, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben. Vielleicht aber ist das gar nicht so merkwürdig, vielleicht entsteht hier gerade so etwas wie eine neue Identität Ost. Die DDR wird dabei als Herkunft begriffen, als Ort, aus dem die Familie stammt – aber nicht unbedingt als ideologische Heimat. Ein DDR-Gefühl ist das, ohne Partei und Sozialismus.


Am 9. November 1989 entstand ein neues Deutschland. Die Kinder, die an diesem Tag in Berlin auf die Welt kamen, werden in dieser Woche volljährig. Sie sind die erste Generation Ostdeutschlands, die in einer Demokratie groß wurde. Sind sie jetzt wirklich frei? Lesen Sie dazu die Titelgeschichte "Die Früchte der Revolution" im aktuellen SPIEGEL.

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