Experte Auch Muskelfleisch kann verseucht sein


Zürich/Göttingen - Der Schweizer Molekularbiologe Markus Moser hat davor gewarnt, Muskelfleisch von Rindern als gänzlich BSE-frei einzustufen. Möglicherweise könne Fleisch durch die Tötung der Tiere mit einem Bolzenschuss oder durch die Spaltung des Rückenmarks mit Kettensägen verseucht werden, sagte der Experte.

"Es ist fahrlässig, den Leuten weiszumachen, dass überhaupt kein Risiko besteht, sagte Moser. Die Tatsache, dass im Muskelfleisch, das bisher als unbedenklich gilt und in Wurstsorten wie Rindswürsten oder Rindersalami verarbeitet wird, noch nichts gefunden worden sei, rechtfertige noch "kein absolutes Unbedenklichkeitszertifikat", sagte der Miterfinder des Prionen-Tests.

Göttinger Forscher verfüttern unterdessen Hirnsubstanz BSE-infizierter Rinder an Affen, um mögliche Übertragungswege des Erregers der Rinderseuche zu erforschen. Zugleich sollen in Göttingen - wie schon auf der Ostseeinsel Riems - Kälber von BSE-Kühen beobachtet werden. Die Wissenschaftler hoffen auf neue Erkenntnisse darüber, wie das gesundheitliche Risiko für den Menschen ausgeschaltet werden kann. "Die Forschung steht aber erst am Anfang", sagte der Sprecher des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen, Michael Schwibbe, und bestätigte damit entsprechende Informationen der "Frankfurter Rundschau".

Im Rahmen der Studie, an der Wissenschaftler in Frankreich, Italien und Schweden beteiligt sind, werden in diesen Staaten insgesamt 80 Affen mit BSE-Material gefüttert. An den Versuchen in Göttingen nehmen 18 Javaner-Affen teil. Die Tiere erhalten verschiedene Mengen der Risikomaterialien, die kranken Rindern aus Großbritannien entnommen wurden. So soll untersucht werden, welche Dosierungen zu einer Ansteckung führen und wie lang danach die Zeit bis zum Ausbruch der Krankheit ist. Das verfütterte BSE-Material wird in Belgien speziell aufbereitet und kann millionenfach verdünnt werden.

Affen sind als Versuchstiere besonders geeignet, weil ihr Organismus dem menschlichen Körper sehr ähnlich ist. Im Sommer entscheidet die EU, ob das seit fünf Jahren laufende, mehrere Millionen Mark teure Forschungsprojekt fortgesetzt wird.

Außerdem hat das Tierärztliche Institut der Göttinger Universität die Genehmigung erhalten, Kälber von BSE-Kühen zu beobachten. Zwei Kälber, bei deren Mütter oder Großmütter BSE festgestellt worden war, stammen aus der Herde in Mücheln in Sachsen-Anhalt. Für diesen Mittwoch wurde die Ankunft eines weiteren Kalbes aus einem Celler BSE-Bestand erwartet. Von der Beobachtung der Kälber und der Entnahme von Proben am lebenden Tier erhofft sich das Forscherteam "wesentliche Erkenntnisse".

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