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Experten-Analyse des Wulff-Interviews "Er hat die Chance nicht genutzt"

War der Auftritt des Bundespräsidenten glaubhaft? In welchen Bereichen konnte er punkten? Christian Wulffs Fernsehinterview sollte ein Befreiungsschlag werden, doch der Plan ging nur bedingt auf. Ein Politikwissenschaftler und ein Kommunikationstrainer analysieren das Gespräch.
Von Simone Utler

Er hält den Kopf leicht schräg, sein Blick ist gesenkt, das Gesicht wirkt starr, lediglich die Augenbrauen gehen mal leicht nach oben. Bundespräsident Christian Wulff hat versucht, sich in seinem Fernsehinterview am Mittwoch möglichst beherrscht und kontrolliert zu geben. Als er die Frage nach Gedanken an einen möglichen Rücktritt verneint und sagt, "ich nehme meine Verantwortung gerne wahr", bemüht er sich um ein Lächeln. Doch es gerät etwas schief, weil er nur den linken Mundwinkel nach oben zieht.

Der Druck war groß, als Wulff am Mittwoch vor die Fernsehkameras trat. Die Anspannung war ihm deutlich anzumerken, seine Mimik und Gestik sind aufschlussreich. SPIEGEL ONLINE sprach mit Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli und Kommunikationstrainer Karsten Noack über den Auftritt des deutschen Staatsoberhauptes.

Wie hat der Bundespräsident auf Sie gewirkt?

Ulrich Sarcinelli, Universität Landau:

Ambivalent. Er war demütig und hat sich zugleich gerechtfertigt. Bei Fragen, die den Kern seiner Funktion betrafen, schien er überhaupt nicht trittfest. Ich habe den Eindruck, dass ein fundamentales Amtsmissverständnis bei Herrn Wulff vorliegt. Das Einhalten der Gesetze und die Verteidigung der Verfassung sind ja schiere Selbstverständlichkeiten. Die Tatsache, dass er beides betont, halte ich für eher peinlich.

Es ist merkwürdig, wie er seine glamourösen Freundschaften verteidigt hat, wie er Urlaube in durchaus betuchten Immobilien mit dem Begriff des Gästezimmers zu rechtfertigen versuchte. Wie er die für einen Normalbürger durchaus unübliche Kreditbeschaffung und die Konditionen rechtfertigte - das wirkte auf mich recht unsouverän. Mal ganz abgesehen von der Aussage über das Telefonat mit "Bild"-Chef Diekmann.

All das zeigt für mich eine Urteilsunsicherheit bei unserem derzeitigen Bundespräsidenten.

Karsten Noack, Kommunikationstrainer aus Berlin:

Mir tat er fast schon ein wenig leid, weil es ihm überhaupt nicht gelungen ist, mein Vertrauen in ihn zu verbessern. Aus professioneller Sicht frage ich mich als erstes, was ist das Ziel einer Veranstaltung. Und das Ziel dieses Auftritts wäre aus meiner Sicht, seine Rolle als Bundespräsident und seine private Persönlichkeit in Einklang zu bringen - und das ist ihm überhaupt nicht gelungen.


Was konnten Sie aus seiner Gestik und seiner Mimik schließen?

Ulrich Sarcinelli, Universität Landau:

In der extrem unangenehmen Situation hat er sich verhältnismäßig gut geschlagen. Er wirkte auf mich außerordentlich konzentriert und diszipliniert, auch in der Gestik sehr zurückgenommen, also dem Amt angemessen. Die Stimmung war sehr angespannt, und es gab auch winzige Momente, in denen man ihm die Erleichterung anmerkte. Bei der Verabschiedung hat man beispielsweise gemerkt, dass ihm ein Stein vom Herzen gefallen ist. Aber vielleicht ist er ihm vor die Füße gefallen.

Karsten Noack, Kommunikationstrainer aus Berlin:

Der Bundespräsident hat einen hohen Status, das muss auch seine Körpersprache ausdrücken. Ein hoher Status zeigt sich zum Beispiel durch eine aufrechte Haltung. Wir sahen aber einen Mann mit einem oftmals gebeugten Rücken, der immer wieder versuchte, dem Status gerecht zu werden, indem er sich aufrichtete. Wir sahen auch, dass seine Füße unter dem Stuhl ganz weit nach hinten geschoben und gekreuzt waren. Das macht jemand, der sich um eine Ausbildungsstelle bewirbt und richtig unter Druck steht.

Im Verlauf des Interviews wurde Wulff immer kleiner. Das ist eine sehr menschliche Eigenart: Wir machen uns kleiner, damit wir möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Auch seine Handhaltung war während des Interviews meist abwehrend: Er zeigte seine Handknöchel, baute also eine Barriere auf. Außerdem wiesen seine Finger oft auf ihn selbst. Er schien sehr auf sich konzentriert, weniger auf die Menschen, zu denen er sprach.

Es gab Momente, in denen es ihm besonders schwer fiel, Augenkontakt zu halten. Es schien, als ob ein Teil in ihm zu den Vorwürfen nichts sagen mochte, er aber gleichzeitig dazu gezwungen war, es doch zu tun. Man konnte zwischendurch sehen, wie seine Augen flackerten. Das ist ein Zeichen dafür, dass das Gesagte nicht unbedingt im Einklang steht mit den Gefühlen. Dieses Augenflackern kann man sehr schlecht steuern, da macht sich das Unterbewusstsein bemerkbar.


War der Bundespräsident glaubwürdig?

Ulrich Sarcinelli, Universität Landau:

Man hatte von Herrn Wulff schon vorher ein Bild, das sich im Grunde auch in diesem Interview ein Stück weit gezeigt hat: Typ freundlicher Schwiegersohn. Zurückhaltend, durchaus sympathisch, in der Wortwahl sehr gemäßigt und kontrolliert. Aber eben doch nicht so präzise, wie es der Situation angemessen gewesen wäre. Ich hätte mir mehr Klarheit gewünscht.

Karsten Noack, Kommunikationstrainer aus Berlin:

Nein. Ich sehe keine echte Offenheit und keine echte Einsicht. Das ist das Problem. Ihm müsste es jetzt gelingen, Vertrauen aufzubauen. Und das kann man nicht mit ein paar Tricks aus dem Hut zaubern. Er hatte keine andere Wahl als sich der Öffentlichkeit zu stellen, aber er hat die Chance nicht wirklich genutzt, seine Situation zu verbessern. Er hat viele Punkte verschenkt. Ihn hat offenbar kein Profi vorbereitet.


"Ich will nicht Präsident sein in einem Land, wo sich keiner bei einem Freund mehr Geld leihen kann", sagte der Bundespräsident in dem Interview. Christian Wulff hat versucht, sich als "Mann des Volkes" zu präsentieren, sprach häufig in allgemeiner Form davon, was "man" zu tun habe. War das wahre Volksnähe oder bloße Anbiederung?

Ulrich Sarcinelli, Universität Landau:

Der Bundespräsident weiß, dass die Bevölkerung gespalten ist. Der Versuch, den Legitimationsanker im Volk zu suchen, ist durchaus verständlich. Aber sprachlich ist das hochgradig problematisch. Zu sagen "man wird lebensklüger" ist die Ablenkung von der persönlichen Verantwortung. Auch der Hinweis, dass "man" dazulernt. Das Bundespräsidialamt ist keine verfassungspolitische Grundschule, auf der man erst lernt, wie man sich in der Oberschule zu verhalten hat. Vom Amtsinhaber erwarte ich Verhaltenssicherheit.

Karsten Noack, Kommunikationstrainer aus Berlin:

Dieses Mittel wird in der Politik sehr oft eingesetzt, um nicht Verantwortung übernehmen zu müssen. Aber in einer Situation, in der es um Krisenmanagement geht, würde ich ein solches Verhalten nicht empfehlen. Wir erwarten in solch einer Situation Einsicht, dass jemand alles auf den Tisch packt und sagt, "dafür stehe ich jetzt auch ein".

Immer, wenn er von "man" spricht, empfinden wir das nicht als Einsicht - er verteilt ja eher die Last. Er hätte seinem Amt entsprechend würdevoll und selbstsicher auftreten und sagen müssen: "So war es, dazu stehe ich, und mache es in Zukunft besser."


"Es gibt Menschenrechte selbst für Bundespräsidenten", sagte Christian Wulff in dem Interview. Hat diese Inszenierung als Opfer funktioniert?

Ulrich Sarcinelli, Universität Landau:

Die Mischung aus Verteidigung und Angriff hat für mich nicht gestimmt. Er hat mich nicht überzeugt. Man muss wissen, dass Christian Wulff das spezielle Verhältnis zu den Medien - insbesondere auch zu den Boulevardmedien - über viele Jahre gepflegt hat. Und gerade auch was das Privatleben anbelangt, durchaus eine - sagen wir mal exklusive - Vermarktung betrieben hat. Und wenn dieselbe Person in einer veränderten Position nun sein Recht auf Privatheit betont, klingt das wenig glaubwürdig. Wer sein Privatleben politisch instrumentalisiert, darf sich nicht wundern, wenn es auch eine Presse gibt, die ihm politisch nicht in den Kram passt.

Karsten Noack, Kommunikationstrainer aus Berlin:

Ein bisschen vielleicht. Aber wenn wir ehrlich sind, erwarten wir von unserem Bundespräsidenten nicht, dass er Opfer ist, sondern dass er das Zepter in der Hand hält, also Kontrolle über eine schwierige Situation hat. Einen Kapitän, der Schwäche zeigt, würde man sofort von Bord schmeißen. Von einer Führungspersönlichkeit erwarte ich, dass sie kommuniziert, dass sie Herr der Lage ist, dass die Mannschaft ihr vertrauen kann. Ich würde Herrn Wulff nicht als Manager einstellen. Schon gar nicht in einer Krisensituation.