Proteste in Hamburg Klimaaktivisten testen zivilen Ungehorsam

"Wir zielen auf Verhaftungen", sagten die Klimaaktivisten von Extinction Rebellion vor ihren Protesten. Das haben sie bei ihren Aktionen gegen die Hamburger Cruise Days nicht erreicht - wohl aber starke Bilder produziert.

Aktion von Extinction Rebellion: Aufmerksamkeit - aber nicht um jeden Preis
Jonas Walzberg / DPA

Aktion von Extinction Rebellion: Aufmerksamkeit - aber nicht um jeden Preis


Blut rinnt die weißen Stufen an der Hamburger Elbpromenade hinunter. Jedenfalls sieht es so aus. In Wahrheit ist die rote Flüssigkeit eine Mischung aus Rote Beete Saft, Kakao und Stärke. Sie soll für ein starkes Foto sorgen. Die Botschaft: Wenn wir so weiter machen wie bisher, stirbt die Menschheit aus. Dann klebt das Blut unserer Kinder an unseren Händen.

"Blood of our Children" heißt die Aktion, initiiert von schwarz gekleideten Klimaaktivisten von Extinction Rebellion (XR), die anlässlich der Hamburger "Cruise Days" gegen Umweltverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe protestieren, die an diesem Wochenende zahlreich in den Hamburger Hafen einfahren.

Dass die Stadt ein Fest für Kreuzfahrtschiffe ausrichtet, eine der klimaschädlichsten Reisebranchen überhaupt, finden die Aktivisten "absolut unangemessen". Aber es geht ihnen um noch viel mehr.

2018 wurde XR in Großbritannien gegründet, inzwischen gibt es in vielen Teilen der Welt lokale Ableger. In Deutschland sind es 86 Ortsgruppen. Die Idee, die alle eint: unbedingt gewaltloser, aber bildstarker Klimaprotest.

Die Aktivisten wollen Aufmerksamkeit erzeugen. Dafür legen sie den Verkehr lahm, sprühen Parolen an Regierungsgebäude oder kippen Kunstblut auf öffentliche Plätze. Es wird gestört, genervt und blockiert, aber es darf niemand verletzt werden. Das Prinzip: ziviler Ungehorsam. Nur, wie genau der funktioniert und was man dabei riskiert, testen die Aktivisten offenbar selbst noch aus.

Blaue Flecken nach Sitzblockade

Polizei räumt Sitzblockade
Charlotte Götze

Polizei räumt Sitzblockade

Für die Proteste gegen die Cruise Days sind XR-Aktivisten aus ganz Norddeutschland angereist. Als "Trauerzug" ziehen sie Richtung Elbpromenaden. Vorneweg eine Blaskapelle, dann vier Menschen, die einen weißen Sarg tragen. Andere halten zwei Banner: Darauf steht "Klimanotstand jetzt" und "EU warnt vor Aussterben der Menschheit". 80 bis 150 Protestteilnehmer zogen nach Polizeiangaben von den Michelwiesen zur Hafenkante.

Am Tag zuvor hatten rund 120 XR-Aktivisten eine große Kreuzung blockiert - und waren, allen eigenen Prinzipien zum Trotz, doch mit Gewalt konfrontiert worden. So haben sie es jedenfalls empfunden. Man habe dort bloß gesessen und gesungen, sagen die Aktivisten. Die Polizei habe die Frauen und Männer dann drei Mal aufgefordert, die Straße freizumachen. Als sie nicht reagierten, hätten die Beamten die Straße geräumt.

Nils sagt, er sei von zwei Polizisten weggezerrt worden. Sein Kiefer tue auch am Tag danach noch weh, und er habe blaue Flecken am Oberarm. "Ich hätte mir gewünscht, dass auch von der anderen Seite keine Gewalt angewendet worden wäre", sagt Nils. Er ist eher klein. Die Beamten hätten ihn wegtragen können, findet er.

Wie man einen Körper so zu einem Päckchen formt, dass Polizisten ihn hochheben können, hätten sie in ihrer Ortsgruppe geübt. Stattdessen seien Schmerzgriffe angewendet worden. Aus Sicht der Aktivisten: ohne Grund.

Die Polizei hat Nils' Personalien aufgenommen, wie der 23-Jährige sagt. Möglich, dass er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt wird. Nils arbeitet als Erzieher. Ein Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis wäre trotzdem kein Problem, sagt er. Den Grund könne er Arbeitgebern durchaus erklären: "Wenn sie das nicht verstehen, möchte ich da eh nicht arbeiten."

"Wenn die Rebellion genehmigt wird, dann wollen wir das"

Extinction Rebellion Hamburg: "Wir zielen auf Verhaftungen"
Charlotte Götze

Extinction Rebellion Hamburg: "Wir zielen auf Verhaftungen"

XR kündigt seine Demonstrationen nicht an. Als die Hamburger Polizei trotzdem von den Protestplänen für Samstag erfuhr, sprach sie kein Verbot aus - sondern meldete die Demo offiziell an. Der "Trauerzug" wird deshalb von Polizisten begleitet. Als das künstliche Blut vergossen wird, greifen sie nicht ein. Wollen nur wissen, warum die Aktivisten die Polizei nicht vorab darüber informiert hätten. Das wäre doch in Ordnung gewesen, sagen sie.

Aber Aktivist Gerrit findet: Wenn XR all ihre Vorhaben anmelden würden, wo bliebe dann der Ungehorsam? "Wir zielen auf Verhaftungen", sagt Gerrit. Aber das sei schwierig, wenn man gewaltlos protestiere. Letztlich sei das Ziel aber, dass ihre Forderungen in der Gesellschaft angenommen werden. "Wenn die Rebellion genehmigt wird, dann wollen wir das."

Von einer homogenen Gruppe kann bei den XR-Aktivisten allerdings keine Rede sein. Nicht alle stimmen allen Ideen und Protestformen zu. Das gilt zum Beispiel für das Vorhaben des Londoner XR-Mitgründers Roger Hallam, der den Londoner Flughafen mit Drohnen lahmlegen wollte - und am Donnerstag verhaftet wurde. Ziel erreicht? XR wollte die Aktion jedoch weder gut- noch schlechtheißen. Deshalb wurde der Protest von einer anderen, XR nahen Gruppe geplant.

"Wir solidarisieren uns nicht mit der Aktion, aber wir wollen sie auch nicht verurteilen", sagt auch Tino in Hamburg. Man wisse nicht, inwieweit bei einem Drohnenflug am Flughafen das XR-Prinzip der Gewaltfreiheit garantiert werden könne - deshalb könne man sich nicht positionieren, sagen auch andere Hamburger Aktivisten.

Dieser Mann wird von XR-Aktivisten gebeten, sich zu entfernen, da die Gruppierung nicht mit aggressiven Forderungen auftreten möchte.
jonas Walzberg / DPA

Dieser Mann wird von XR-Aktivisten gebeten, sich zu entfernen, da die Gruppierung nicht mit aggressiven Forderungen auftreten möchte.

Noch auf dem Weg zum eigentlichen Trauermarsch müssen die XR-Aktivisten eine Straße überqueren, die die Polizei nicht für sie abgesperrt hat. Die Ampel schaltet auf Rot. Einige Aktivisten überqueren die Straße trotzdem. Die meisten bleiben stehen. Die Aktionsgruppe Extinction Rebellion Hamburg schrieb später auf Twitter, sie habe die Treppe an der Promenade wieder sauber gemacht.

Mit Material von dpa

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