Diskussionen auf Facebook Auf AfD-Seiten zählen Fakten nichts

Tatsachen sind in Debatten der Rechtsaußen bei Facebook verpönt – denn die Teilnehmer teilen alternative Fakten, um ihre Gruppenzugehörigkeit zu zeigen. Das zeigt eine neue Studie, die dem SPIEGEL vorliegt.
Facebook-Seite der AfD

Facebook-Seite der AfD

Foto: Michael Sohn / AP

In Facebook-Konversationen der AfD laufen Faktenchecks meist ins Leere, die Verbreitung von Fake News lässt sich dort so kaum verhindern. Zu diesem Ergebnis kommen die Wissenschaftler Hannah Trautmann und Nils Kumkar in einer Studie für die Otto-Brenner-Stiftung , die dem SPIEGEL vorliegt.

Die Wissenschaftsstiftung gehört zur Gewerkschaft IG Metall. Für ihre Arbeit untersuchten die Wissenschaftler 350 Facebook-Diskussionen auf AfD-Seiten im Zeitraum von Februar 2020 bis Juni 2021.

Grundlage für die Studie war die Frage, was Menschen dazu bringe, in sozialen Netzwerken alternative Fakten zu teilen. Das Ergebnis: Den Diskussionsteilnehmern gehe es weniger um die Inhalte ihrer Aussagen, heißt es in der Studie. Viel wichtiger sei es ihnen, die Zugehörigkeit zur Gruppe zu zeigen. Dementsprechend spiele auch der Wahrheitsgehalt eines Kommentars nur eine geringe Rolle.

Die betrachteten Konversa­tionen verliefen ritualisiert, heißt es weiter, die »Spielregeln« wirkten etabliert. Die Konversationen würden sich wie tägliche »Re­inszenierungen einer immer gleichen Dis­kussionsbewegung« lesen, in deren Kontext gehäuft alternative Fakten geteilt werden.

Es spiele dabei auch kaum eine Rolle, um welches Thema es gehe, der Mechanismus wirke bei Coronapolitik ebenso wie bei Migrations- oder Medienpolitik sowie anderen Themen. Umso stabiler und dauerhafter ein gesellschaftlicher Konflikt sei, desto besser eigne er sich als Milieu zur Verbreitung alternativer Fakten, schreiben die Forscher.

Lohnt es sich, zu diskutieren?

Kritik an dem behaupteten Inhalt alternativer Fakten werde in den Kommentarspalten auf AfD-Face­book­-Seiten schlichtweg nicht verhandelt, schreiben die Wissenschaftler: »Nur wenn eine Kritik auf die Legitimität ei­ner Behauptung und nicht auf ihren Gehalt abzielt, besteht eine Chance, dass auf sie eingegangen wird.«

Wer versuche, inhaltlich gegen die Kommentare zu argumentieren, bleibe deshalb meist erfolglos. »Lassen Kritikerinnen und Kritiker von ihrer Kritik nicht ab, werden sie aus der ›Gemeinschaft‹ der Fundamentaloppositionellen ausgeschlossen«, sagt die Wissenschaftlerin Trautmann. »So entfaltet sich eine politische Gesprächsdynamik, die sich gegen Sachkritik immunisiert und die Gruppe stabilisiert.«

Was folgt daraus für den Umgang mit Falschinformationen? »Wenn sachlicher Inhalt oder unstrittige Fakten nichts zählen – und dies ist zumindest bei den aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern der untersuchten Facebook-Diskussionen der Fall – lohnt es sich sicherlich nicht, tiefer in Debatten einzusteigen«, sagt Jupp Legrand, Geschäftsführer der Stiftung.

Die Forscher ziehen drei Schlussfolgerungen:

  • Zum einen funktioniere Facebook »nicht als ›Marktplatz der Ideen‹, sondern viel­mehr als Arena für Identitätsbehauptung und -bestätigung«.

  • Deswegen schätzen sie die Wirksamkeit von Sachaufklärung im Sinne organisierter Fakten-Checks durch journalistische Arbeit oder Plattformbetrei­ber zum anderen auch eher gering ein: »Denn wo das Problem offensichtlich nicht in Informationsunsi­cherheit begründet liegt, schafft auch insti­tutionalisierte Informationssicherheit keine Abhilfe.«

  • Und, das Wichtigste: die Verbreitung von rechten Fake News sollte als Ausdruck politischer Konflikte ernst genommen und nicht als Missverständnis aufgrund von mangelnder Bildung oder fehlender Medienkompetenz abgetan werden. Nur so könne man dagegen etwas tun.

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