Erosion der Ordnung In schwindelerregender Gesellschaft

Martin Kolmar
Thomas Beschorner
Von Martin Kolmar und Thomas Beschorner
Wir kommen in dieser Gesellschaft nicht mehr hinterher. Sie ist schwindelerregend geworden und lockt deshalb Schwindler an. Ist die Zukunft postdemokratisch und neofeudal?
Fake News

Fake News

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance / Jens Kalaene/

Vielen Menschen ist im vergangenen Jahr wieder schwindlig geworden. Unsere Gesellschaft nimmt Fahrt auf. Alles wird schneller, unübersichtlicher und fragmentierter, darin sind sich Soziologen einig. Man kommt nicht mehr so recht hinterher, manchmal auch nicht mehr wirklich klar in dieser komplexen Welt: Globalisierung, Klimawandel, Migration, Diversität; und jetzt auch noch Digitalisierung und Robotik und was noch alles.

Moderne, auf Fortschritt basierende Gesellschaften stehen vor der ständigen Herausforderung, ihre Regeln und kulturellen Normen weiterzuentwickeln und so die komplexer werdende Wirklichkeit verständlich zu machen. Transformationsprozesse, die wir aktuell politisch, ökonomisch, technologisch und kulturell bezeugen, bieten sowohl Chancen als auch Gefahren.

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Foto: Universität St. Gallen, privat

Thomas Beschorner und Martin Kolmar sind Direktoren des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen.

Der überforderte Mensch

Der Anthropologe Joseph Tainter untersucht in seinen Arbeiten gesellschaftliche Entwicklungen und Gründe für den Zusammenbruch von Gesellschaften. Er zeigt dabei, dass gesellschaftliche Krisen und Zusammenbrüche neben organisationalen auch individualpsychologische Ursachen haben. Durch eine zunehmende Komplexität haben die Menschen keine Bewältigungsstrategien mehr, mittels derer sie sich sinnvoll in einer sich verändernden Welt verorten könnten. Die genannten Begriffe wie Globalisierung, Migration, Digitalisierung etc. verkommen schnell zu abstrakten Ungetümen in Aufzählungen von Zeitdiagnosen. Was wesentlich erscheint, ist der Einfluss von Veränderungen im konkreten Leben von Menschen.

Und hier zeigt sich eine Tendenz: Viele halten nur noch mit Mühe Schritt. Unsere emotionale und narrative Anpassungsfähigkeit kommt an Grenzen. Der Mensch entfremdet sich von der Welt, wendet sich ab oder einfachen Erzählungen zu, in denen das eigene Leben irgendwie noch Sinn ergeben kann. Es sind also nicht allein und nicht nur technologische Veränderungen oder Ressourcenengpässe, die Krisen auslösen, sondern die Unfähigkeit, das eigene Leben und die Gesellschaft anders zu denken und zu leben. Das hat auch gesellschaftliche Konsequenzen, denn wird das "Wir im Ich" porös, so gefährdet es umgedreht das gesellschaftliche Miteinander.

Erosion der Gesellschaft, postdemokratische Zukunft?

Mit zunehmender Entfremdung kann aus einer Krise Schritt für Schritt der Zusammenbruch einer Gesellschaft oder ihrer Teile resultieren. In Übergangsphasen von der "alten" zur "neuen Welt" brechen etablierte und bewährte gesellschaftliche Deutungen zusammen. Die Ordnungen in der vormals wohlgeordneten Welt verlieren an Gültigkeit. Die Welt verflüssigt sich. Wir befinden uns in einer liminalen Periode, wie es der Ethnologe Victor Turner nennt, einem Schwellenzustand: die alte Welt ist nicht mehr. Und die neue ist noch nicht da.

Doch wie wird sie werden, die Zukunft? Wird es sie besser oder schlechter? Erst einmal ist alles drin.

Verschiedene Elemente einer möglichen neuen Ordnung werden als Konturen jedoch bereits sichtbar. Und diese bieten aus unserer Sicht Anlass zu einem gewissen Pessimismus, wenn man Demokratie und Rechtstaatlichkeit als Werte versteht, die es zu bewahren lohnt. Denn es mehren sich Hinweise auf eine Entwicklung hin zu einer nur post-demokratischen und neo-feudalen Ordnung, in der fundamentale moralische und politische Errungenschaften der Neuzeit kaum mehr Gültigkeit beanspruchen.

Schwindel in einer schwindelerregenden Gesellschaft

Was wir heute in vielfältiger Weise beobachten können, ist beispielsweise die Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung durch das gezielte Brechen gesellschaftlicher Konventionen und Regeln des Anstands. Fake News oder Alternative Facts: die Unterhöhlung wissenschaftlicher Befunde im Allgemeinen und von Expertenwissen im Besonderen kündigen den Konsens über Richtig und Falsch auf. Vorstellungen einer rationalen Gesellschaftsordnung verflüssigen und verflüchtigen sich damit.

Miriam Meckel hat die Symptome dieser Verflüssigung von Werten und Wahrheit einmal mit den Worten auf den Punkt gebracht : "Sie haben die Möglichkeit, sich hinzustellen und zu sagen, die Erde ist eine Scheibe." Wird diese Sichtweise mit wissenschaftlichen Belegen widerlegt, heißt es "dann lügen diese Zahlen und Fakten und diese Studien". Argumente dienen nicht mehr der Wahrheitsfindung, sondern verkommen zu bloßer Rhetorik im Kampf generischer Gruppen: Right or wrong, my country!

Bullshit statt Lüge

Die schwindelerregende Gesellschaft provoziert nicht nur Schwindelgefühle, sondern produziert auch Schwindler. Schwindler sind keine Lügner, denn eine Lüge bezieht sich noch auf eine geteilte Vorstellung von Wahrheit. Schwindler hingegen, so der Philosoph Harry Frankfurt, "bullshiten", sei es aus Ahnungslosigkeit, sei es aus strategischem Kalkül. Hier wird bewusst jenseits einer geltenden Ordnung fantasiert. Bullshit setzt sich über die Idee der Wahrheit hinweg und zersetzt damit die herrschende Ordnung. "Wahrheit" wird dem Eigeninteresse untergeordnet. Die Welt eben "widdewidde wie sie mir gefällt". Wir kennen das aus der Werbung seit eh und je. Bullshit hat inzwischen auch die Politik erreicht. Man kann fast froh sein, wenn gelogen wird: Den Lügner kann man noch argumentativ stellen, den Bullshiter nicht.

Ob wir es innen- oder weltpolitisch betrachten, es spielen sich bestimmte Figuren an die Spitze und verschaffen sich Gehör. In Schwellenzuständen nutzen selbsternannte Leitfiguren die Gunst der Stunde der Unsicherheit, indem sie die Delegitimation der alten Ordnung vorantreiben und gleichzeitig der Idee einer neuen Ordnung Gestalt geben. Die Verkünder der neuen Ordnung pressen so ihre eigenen Interessen in Form. Sie bieten sich damit als Fluchtpunkt für eine neue Zukunft an und reizen etwas, was man vielleicht als eine anthropologische Konstante bezeichnen kann, ein menschliches Verlangen, das in liminalen Perioden besonders stark hervortritt: die Suche des Einzelnen nach Gemeinschaft. In Momenten existenzieller Unsicherheit ist es gerade die Gruppe, die dem Einzelnen Halt und neue Resonanzräume geben kann, oft in Form eines "wir gegen die".

Alles im Fluss

In liminalen Zeitfenstern ist alles im Fluss, und niemand weiß, welche Zukunft wir vor uns haben. Eines erscheint jedoch gewiss: es geht nicht nur um Wahrheit, sondern auch um Wachsamkeit ; Wachsamkeit gegenüber Bullshit und Wachsamkeit gegenüber selbsternannten Helden. Welche Ziele verfolgen die neuen Figuren? Es erscheint an der Zeit zu fragen, welchen Wert wir unserer alten Ordnung geben und was wir bereit sind, für ihren Erhalt zu tun, wollen wir nicht in einer postdemokratischen und neofeudalen Gesellschaft enden.

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