Münchhausen-Check Die Kanzlerin und das "Wickelvolontariat"

"Die Elternzeit für Väter hat sich über das 'Wickelvolontariat' hinaus fortentwickelt" - besonders in Bayern, behauptet Kanzlerin Merkel. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Ist das Elterngeld über die normalen zwei Vätermonate hinaus wirklich ein Erfolg?

Elternzeit für Väter: Die meisten Männer nehmen maximal zwei Monate
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Elternzeit für Väter: Die meisten Männer nehmen maximal zwei Monate

Von Hauke Janssen und Ursula Wamser


Angela Merkel tourt von Gipfel zu Gipfel und rühmt die noch in Zeiten der Großen Koalition beschlossenen Vätermonate beim Elterngeld. Diese, so Merkel auf dem "zweiten Demografiegipfel" am 14. Mai 2013 in Berlin, hätten sich "unglaublich gut" ausgewirkt.

Auf dem "Familiengipfel" im März strich sie insbesondere die Erfolge Bayerns auf diesem Gebiet heraus. Merkel: "Ich erinnere mich noch an die Anfänge unseres Elterngeldes und der Vätermonate sowie an die spöttischen Bemerkungen, die darüber gemacht wurden. Die Elternzeit für Väter hat sich über das 'Wickelvolontariat' hinaus fortentwickelt und gerade auch im Bayerischen eine hohe Resonanz gefunden." Woher stammt die "spöttische Bemerkung"?

Das Elterngeld, so gilt es zunächst festzuhalten, wurde zum 1. Januar 2007 eingeführt und löste das bis dahin gewährte Erziehungsgeld ab. Grundsätzlich beträgt das Elterngeld 67 Prozent des wegfallenden durchschnittlichen Nettogehaltes der letzten zwölf Monate vor der Geburt des Kindes; mindestens 300 Euro und höchstens 1800 Euro.

Elterngeld kann in den ersten 14 Lebensmonaten des Kindes in Anspruch genommen werden, wobei ein Elternteil diese Leistung für mindestens zwei und höchstens zwölf Monate beziehen kann. Paare können die vollen 14 Monate durch Inanspruchnahme von zwei "Partnermonaten" ausschöpfen.

"Wickelvolontariat" meint genau diese zwei Vätermonate, die zusätzlich zur 'normalen' Elternzeit gewährt werden, wenn auch der Mann sich an der Elternzeit beteiligt. So wollte die Große Koalition die Väterquote erhöhen und den Frauen die Fortführung oder den Wiedereinstieg in ihre Berufstätigkeit erleichtern.

Konservative witterten Zwang

Die Konservativen in der CDU und der bayerischen CSU aber sahen darin ein Instrument, um Väter und Mütter zur gemeinsamen Kindererziehung zu zwingen. Im Rahmen der Debatte um die Einführung und Ausgestaltung der neuen Elternzeit kam dafür ab dem Frühjahr 2006 das abschätzig gebrauchte Wort vom "Wickelvolontariat" in Mode. Als Schöpfer des Begriffs gilt der damalige CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer.

Kollegin Ursula von der Leyen (CDU) war 'not amused' und wollte Begriffe wie "Herdprämie" und "Wickelvolontariat" auf den "Müllhaufen der Geschichte" verbannen.

Heute hat Ramsauer seinen Frieden mit den Vätermonaten gemacht, und er könnte es mit Stolz hinnehmen, wenn Merkel herausstellt, dass sich insbesondere die bayerischen Väter an der Elternzeit beteiligten, und zwar "weit über das 'Wickelvolontariat' hinaus". Aber stimmt das denn auch?

Am 27. Mai dieses Jahres meldete das Statistische Bundesamt die neuesten Zahlen: "Väterbeteiligung mit 27,3 Prozent auf neuem Höchststand", hieß es.

Dieser Pressemeldung zufolge haben Väter von 181.000 der insgesamt rund 663.000 im Jahr 2011 geborenen Kinder Elterngeld bezogen. Dies entspricht einer Väterbeteiligung von 27,3 Prozent im Bundesdurchschnitt. Damit ist die Väterbeteiligung gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozentpunkte angestiegen. Mütter bezogen in durchschnittlich 95 Prozent der Fälle Elterngeld.

Wie eine Studie der Adenauer-Stiftung ausführt, konnte die Väterbeteiligung im Vergleich zum Status vor Einführung von Elterngeld und Vätermonaten mehr als verfünffacht werden.

Die höchste Väterbeteiligung gab es tatsächlich in Bayern (35,8 Prozent). Das Schlusslicht dieser Tabelle bildet das Saarland mit nur 17,5 Prozent.

Diese Zahlen scheinen Frau Merkel zu bestätigen.

Aber: Noch immer nehmen mehr als drei Viertel aller in Elternzeit befindlichen Väter nur maximal zwei Monate Elternzeit. Über das "Wickelvolontariat" hinaus passiert hier, wie das Statistische Bundesamt sagt, "nach wie vor" nicht viel. Nur knapp sieben Prozent der Väter nimmt die Leistung für zwölf Monate in Anspruch. Zum Vergleich: Mütter beziehen in neun von zehn Fällen das Elterngeld für zwölf Monate.

Bei der Länge der Elternzeit steht Bremen ganz vorn

Die Wiesbadener Fachpublikation "Elterngeld für Geburten 2011 nach Kreisen" liefert Daten, die aufschlüsseln, wie sich die Väter-Bezugsdauer des Elterngeldes regional verteilt. Da zeigen sich große Unterschiede: Geht es um die Länge der Bezugsdauer, steht Bremen ganz oben (und Bayern an letzter Stelle). 38,6 Prozent der Elterngeld empfangenden Väter nehmen in Bremen mehr als zwei Monate Elternzeit.

Den höchsten Anteil an Vätern aber, die lediglich das "Wickelvolontariat", also zwei Monate, in Anspruch nehmen, gibt es dabei "nach wie vor" in Bayern, und zwar mit 83 Prozent.

Hier irrt Merkel also gewaltig!

Es zeigt sich wie erwartet ein Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Bezugsdauer des Elterngeldes und der Erwerbsbeteiligung vor Geburt des Kindes. Heißt: Wenn Väter ohnehin arbeitslos (und zu Hause) sind, fällt die Entscheidung pro Elterngeld offenbar leichter. Denn der Mindestbeitrag von 300 Euro wird ja auch in diesem Fall gezahlt.

So dürfte das ein Grund mit dafür sein, dass es in Berlin verhältnismäßig viele Väter gibt, die zwölf Monate lang Elterngeld beziehen, denn in der Hauptstadt war der Anteil der vor der Geburt des Kindes nicht erwerbstätigen Väter mit 15 Prozent bundesweit mit am höchsten.

Fazit: Zwar konnte die Beteiligung von Vätern in Elternzeit seit 2006 wesentlich gesteigert werden. Aber die Dauer der Inanspruchnahme reicht bei der weit überwiegenden Mehrzahl der Väter kaum über die zwei zusätzlichen Vätermonate ("Wickelvolontariat") hinaus. Am schlechtesten steht in dieser Sicht das Bundesland Bayern dar. Insofern liegt Merkel ziemlich falsch.

Note: Falsch (5)

Bezugsdauer des Elterngeldes von Vätern in Elternzeit (nach Ländern in Prozent)

Bundesländer 2 Monate + bis 2 Monate
Bremen 38,6 61,4
Berlin 36,7 63,3
NRW 29,0 71,0
Hamburg 27,3 72,7
Sachsen-Anhalt 27,0 73,0
Saarland 26,3 73,7
Meckl.-Vorpommern 26,1 73,9
Schleswig-Holstein 24,6 75,4
Niedersachsen 24,4 75,6
Brandenburg 23,6 76,4
Rheinland-Pfalz 23,3 76,7
Deutschland 23,0 77,0
Hessen 22,2 77,8
Sachsen 20,0 80,0
Thüringen 19,0 81,0
Baden-Württemberg 18,8 81,2
Bayern 16,7 83,3

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Berlin stehe bei der Länge der Bezugsdauer der Elterngeld empfangenden Väter ganz oben. An erster Stelle steht allerdings Bremen. Eine Tabellenspalte war falsch eingefügt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
hidra 03.07.2013
1. Fakten richtig dargestellt
Ist das auch Neuland?
till2010 03.07.2013
2.
Und so wird in Berlin die nächste Generation von Faulenzern und Versagern herangezogen. ...aber diesmal mit System, das ist doch der feine Unterschied.
agendaman 03.07.2013
3. Schlechte Performance auch hier!
Auch hier bekommt Angela Merkel wieder eine 5 für den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage. Ich denke, dass sie sitzenbleiben sollte. Sietzenbleiben heißt in diesem Fall Abwahl. Die Klassenkonferenz wird dies dann am 22. 9. beschließen!
c.p.tacitus 03.07.2013
4. Urlaub auf Staatskosten :-)
Also die meisten meiner Bekannten haben einfach Urlaub gemacht. With a little help from ... :-) Freunde mit knappen Kassen haben hingegen eher darauf verzichten. Insofern ... das Bild passt! Btw: sind gerade in EZ in Südeuropa ... Wie man hingegen die Geburtenrate steigt sollte man sich in Frankreich anschauen .
rosiratlos 03.07.2013
5. Aber das ist doch auch völlig normal.
Die Natur hat es nun mal so eingerichtet, dass die Mutter beim Kind daheim bleibt. Ich sage nur: STILLEN. Und leider sind die Männer auch zum größten Teil die besseren Verdiener in der Familie. Was soll eigentlich diese ganze Diskussion? Ich finde es einen schönen Erfolg, dass immer mehr Väter zwei Monate daheim bleiben. Ich kenne genug, die es getan haben und mir alle bestätigen, wie sehr es ihre Bindung zum Kind gestärkt und wie gut es ihnen getan hat. Ich kann beobachten, dass diese Väter ihre freie Zeit viel bewusster mit der Familie planen. Dass heißt, sie machen immer noch Karriere, aber sie planen bewusst Freiräume für die Familie. Und nehmen auch mal Urlaub, um das Kind zu hüten, wenn die Frau Termine hat. Dass heißt, Kindererziehung wird gerechter geteilt. Das finde ich, ist ein großer Fortschritt, zum Vater, den die Kinder nur vom Gute Nacht sagen kennen. Es ist, wie es ist, Frauen können Mütter werden und müssen sich dann entscheiden, Karriere oder Kind, oder beides und in dieser Gesellschaft immer noch als Rabenmutter verschrien zu werden. Wenigstens Väter können mehr Väter sein, ohne als Weichei angesehen zu werden.
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