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11. Mai 2006, 15:10 Uhr

Fall Amer Cheema

Alptraum Einzeltäter

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Der Fall Amer Cheema sorgt die Behörden: Der Pakistaner wollte den Chefredakteur der "Welt" für den Abdruck der Mohammed-Karikaturen bestrafen. Allein handelnd, unauffällig und nicht vernetzt könnte der Student einen neuen Täter-Typ darstellen - der kaum zu entdecken ist.

Mönchengladbach - Als Amer Cheema am 20. März die Wohnung in der Voltastraße in Berlin-Wedding verließ, wirkte er ganz normal. Er wolle bei der Uni vorbei schauen, sagte er seiner Cousine. Zum Abendessen sei er zurück. Die Cousine dachte sich nichts dabei. Seit ein paar Tagen war ihr 28-jähriger Verwandter bei ihr zu Gast, wie so oft. Still war er, sagt der Ehemann der Cousine. Wie immer, ganz normal eben. Der Montag war das letzte Mal, dass sie ihn sahen.

Cheema: Wie ein Unsichtbarer

Cheema: Wie ein Unsichtbarer

Cheemas Weg führte nicht zur Universität. Mit einem Küchenmesser bewaffnet fuhr er nach Kreuzberg. Im Foyer des Axel-Springer-Verlags bedrohte er die Wachmänner. Wütend verlangte er nach Roger Köppel, dem Chef der Zeitung "Die Welt". Noch im Foyer wurde er überwältigt, landete in Haft. Jeder Muslim müsse Köppel bestrafen wollen, sagte Cheema später im Verhör. Mit dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen habe er Allah beleidigt.

Aus der U-Haft in Berlin-Moabit hatte er die Botschaft wissen lassen, er werde gut behandelt, habe Hoffnung. Am 24. April erhob die Justiz Anklage wegen schwerer Nötigung und Widerstand. Am 3. Mai blieb er morgens liegen, als sein Mithäftling eine Hofrunde antrat. Eine Stunde später hing er tot unter dem Fenstergitter, erhängt mit einer gebastelten Schlinge aus seiner Jogging-Hose.

Ein zweiter Fall van Gogh

Dass Amer Cheema sein Ziel nicht erreichte, beruhigt Terror-Fahnder nur mäßig. "Wenn der Täter ein bisschen mehr Glück gehabt hätte", so ein LKA-Beamter, "hätten wir den zweiten Fall Theo van Gogh gesehen." Der holländische Regisseur war 2005 von einem Islamisten erstochen worden. Van Gogh hatte den Zorn der Islamisten mit seinen Filmen erregt. Köppel sollte für die Karikaturen büßen. Im Prinzip lägen die Fälle fast gleich, so der Beamte.

An seiner Hochschule in Mönchengladbach wollen Cheemas Freunde nicht glauben, dass Amer ein Dschihadist war. Dort studierte er mit einer Gruppe von Pakistanis Textilmanagement, stand vor der Abschlussprüfung. Die Freunde kannten Amer als ruhigen, schüchternen Typen. "Er war ein gläubiger Muslim", sagt sein Mitbewohner Saood. "Wie wir alle." Politik habe ihn kaum interessiert. Noch nicht einmal über Amerika habe er wie die anderen beherzt hergezogen.

Cheema hatte an der Hochschule gute Chancen. Nach einem Master-Studiengang können die 1800 Studenten aus aller Welt sich einen Job fast frei aussuchen. Der junge Mann aus Rawalpindi hätte zurück nach Pakistan gehen könne, wo er schon das Grundstudium an einer renommierten Uni absolvierte. Nur noch ein paar Prüfungen fehlten ihm, seine Lehrer bezeichnen ihn als guten Studenten. Für eine Tat wie am 20. März aber fehle ihm der Antrieb, meint eine Lehrerin. Nie habe er sich aufgeregt oder sei laut geworden.

Erinnerungen an Hamburg-Harburg

Fast alle Freunde von Cheema wurden nach der Tat stundenlang verhört. Von ihnen wollten die Staatsschützer wissen, ob sie von den Plänen gewusst hatten oder ob es gar Mitverschwörer gab. "Immer wieder fragten sie mich nach dem 11. September oder ob Amer mit uns darüber gesprochen hätte", sagt Saood. Doch Amer hatte nie über Terror gesprochen. Verschlossen, fast ein bisschen depressiv sei er gewesen.

Schnelle Urteile waren in dem Fall naheliegend. So wirkt die Fachhochschule Niederrhein wie ein Abziehbild der Hamburger Uni der Todes-Piloten. Unter den 1800 Studenten sind viele aus dem islamischen Raum. Im Keller gibt es einen Gebets-Raum, auch eine Art Islam-AG trifft sich in unregelmäßigen Abständen. "Student, Islamist, Attentäter", titelte dann auch die "Rheinische Post" und garnierte den Beitrag mit einem Gruppenbild der Terroristen des 11. September.

Doch Amer Cheema gehörte keiner Zelle an. Laut den Ermittlungen gab es keinen Inspirator, keine Gruppe im Hintergrund, keine Planung vor der Tat. "Vielleicht hat er sich erst in Berlin zu der Tat entschieden und ist dann einfach mit der U-Bahn losgefahren", vermutet ein Fahnder.

Verfassungsschützer sind ernüchtert. Einen Einzeltäter wie Cheema, so die Meinung, kann keine deutsche Sicherheitsbehörde im Vorfeld erkennen oder stoppen. Er sei wie ein Unsichtbarer gewesen. Einer, den niemand auf dem Radar hatte.

Ein Täter ohne Merkmale

Erst Ende Februar wurde Amer Cheema manchmal aggressiv. Immer mal wieder kam er mit Ausdrucken von Artikeln aus dem Internet-Café, zürnte über die Karikaturen des Propheten Mohammed. Die Aufregung überraschte Mitbewohner Saood nicht. "Wir alle waren sauer über die Zeichnungen", sagt er. Zum ersten Mal aber sei Amer aus sich heraus gegangen, sei manchmal schnaubend im Raum auf und ab gelaufen vor Wut. "Sonst hat er eigentlich nie was gesagt", erinnert sich der Freund. "Deshalb wunderte mich das."

Es dauerte nicht lange, bis die Verwandten in der Voltastraße von Cheemas zweiter Identität erfuhren. Noch am Tag der Tat durchsuchte die Polizei ihre Wohnung, befragte die Familie. "Sie schrien uns an, Amer müsse doch von seinen Plänen erzählt haben", erinnert sich Mohammadasif S. "Doch wir wussten nichts." Dass ihn die Karikaturen geärgert hätten, war für sie kein Geheimnis. Doch für eine Gewalttat schien ihnen Amer viel zu soft.

Mittlerweile interessieren sich auch andere Bundesländer für den Fall Amer Cheema. Möglicherweise müsse man das eigene Muster bei der Suche nach radikalen Elementen wieder einmal neu justieren, sagt ein Verfassungsschützer aus dem Süden der Republik. Das einzige Problem dabei: Im Fall von Amer Cheema gab es keins.

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