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Foto: Tobias Lang / DER SPIEGEL; [M] DER SPIEGEL

Was die Fälschungen auslösten Der Relotius-Schock und seine Folgen für den deutschen Journalismus

Erfundene Fakten, fiktive Szenen: Vor drei Jahren erschütterte der Betrugsskandal um den Reporter Claas Relotius den SPIEGEL und stellte die Glaubwürdigkeit des Magazins infrage. Was hat sich seitdem geändert?
aus DER SPIEGEL 1/2022

Am 19. Dezember 2018 sah sich der SPIEGEL gezwungen, einen bis dahin in dieser Form nie da gewesenen Fälschungsfall zu veröffentlichen. Der junge Reporter Claas Relotius hatte über Jahre hinweg Texte geschrieben und veröffentlicht, von denen die meisten zwar einen wahren Kern hatten, zum großen Teil aber frei erfunden waren.

Seine Geschichten waren fast immer außergewöhnlich, einzigartig, spektakulär. Sie spielten in unzugänglichen Kriegsgebieten, in der amerikanischen Provinz oder hinter den Mauern von Gefängnissen. Die vermeintlichen Fakten in seinen Texten komponierte er geschickt, nutzte damalige Lücken im System und überlistete Kolleginnen und Kollegen aus Redaktion und Dokumentation, die ihm zu sehr vertrauten.

Relotius bekam für diese Texte – meist Reportagen – viel Lob und zahlreiche renommierte Journalistenpreise. Im Dezember 2018 war er nach Jahren der freien Mitarbeit beim SPIEGEL fest angestellt und stand am Beginn einer, wie man damals vermuten konnte, großen Karriere. Die Geschichte, die ihn schließlich enttarnte, trug den Titel »Jaegers Grenze«. Eine Story über eine Bürgerwehr, die in Selbstjustiz illegale Migranten an der Grenze aufspürt.

Für die Redaktion des Nachrichtenmagazins, die am Mittag des 19. Dezember von der Chefredaktion informiert wurde, war die Enthüllung ein Schock. Zumal es nicht die Redaktion selbst war, nicht aufmerksame Ressortleiter oder Chefredakteure, die Relotius enttarnt und damit gestoppt hatten. Es war ein Kollege, der unfreiwillig mit dem Starreporter für eine Recherche über Flüchtlinge an der Grenze zwischen den USA und Mexiko zusammengespannt worden war.

Aus: DER SPIEGEL 1/2022

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Juan Moreno, ein erfahrener Reporter, stellte offenbar als Erster an einen Text von Relotius die Frage: Kann das sein? Ist diese drehbuchhaft stimmige Geschichte tatsächlich so passiert? Moreno recherchierte auf eigene Faust Relotius’ Story nach, suchte Orte und handelnde Personen auf und stellte fest: frei erfunden.

Es dauerte einige Wochen, bis man Juan Moreno beim SPIEGEL glaubte. Er lief damals, wie er später selbst formulierte, »gegen Wände«. Moreno war freier Mitarbeiter, Relotius sah man als den talentierten, aufstrebenden Kollegen. Man vermutete Konkurrenz und Eifersucht als Motiv für Morenos Anschuldigungen. Aber das ist eine eigene, für den SPIEGEL nicht rühmliche Geschichte in der Geschichte.

Der Fall Relotius führte zu einer intensiven öffentlichen Debatte über die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Zu Recht wurde die Frage aufgeworfen, wie sicher sich Leserinnen oder Leser sein könnten, dass die Informationen und die erzählten Geschichten stimmten, wenn schon in einem Medium wie dem SPIEGEL mit seiner umfangreichen Dokumentationsabteilung, die jeden Text im Heft auf Faktentreue prüfte, ein Fälscher über Jahre hinweg unentdeckt bleiben konnte.

Auch die zahlreichen Ausrichter von Journalistenpreisen, deren Jurys mit namhaften Chefredakteuren und erfahrenen Reportern und Rechercheuren besetzt sind, mussten sich fragen, warum ihnen gerade diese Texte so gut gefallen haben, dass sie Preis um Preis vergaben. Und da es Reportagen waren, für die Relotius ausgezeichnet worden war, stellte sich die Frage, ob dieses Genre, das wie kein anderes aus der oft nicht nachprüfbaren Beobachtung entsteht, besonders anfällig ist für Fälschungen.

Dass der Skandal um Relotius für den SPIEGEL nicht nachhaltig zu einem Verlust von Image und Glaubwürdigkeit führte, hatte auch mit dem Wechsel der Chefredaktion zu tun. Steffen Klusmann war im Dezember 2018 zwar schon im Haus, aber noch nicht im Amt. Es war also nicht sein Fälschungsskandal, es war der Skandal seiner Vorgänger. Ein glücklicher Zufall also, der es Klusmann leichter gemacht hat, sich für Offenheit und konsequente Aufarbeitung zu entscheiden.

Eine eigene Aufklärungskommission, deren Mitglied ich war, sollte den Fall aufarbeiten.

Die dreiköpfige Kommission, außer mir waren das der gerade frisch eingestellte Nachrichtenchef Stefan Weigel und der langjährige SPIEGEL-Mann Clemens Höges, bekam drei Aufgaben: Alle Texte von Relotius auf Fälschung zu überprüfen. Die Frage zu beantworten, ob und wie die Strukturen innerhalb des Hauses dazu beigetragen haben, dass Relo­tius so lange nicht enttarnt wurde. Und Vorschläge zu machen, wie dies künftig verhindert werden kann.

Die erste Aufgabe war aufwendig, aber im Ergebnis eindeutig. Sämtliche Texte von Claas Relotius wurden mithilfe der Dokumentation und der Redaktion auf Richtigkeit nachgeprüft. Das Resultat war so klar wie niederschmetternd: Fast alle Texte waren fehlerhaft bis komplett gefälscht. Herauszufinden, ob die redaktionellen Strukturen mit dazu beigetragen haben, dass der Fälscher Relotius so lange nicht entdeckt wurde, war die ungleich schwierigere Aufgabe.

Mir begegneten im Januar 2019, als wir mit der Recherche im Haus begannen, überwiegend Redakteurinnen und Redakteure, die buchstäblich die Welt nicht mehr verstanden. Ein Fälscher beim SPIEGEL! Bei einem Nachrichtenmagazin. DEM Nachrichtenmagazin. Oft hörte ich die ungläubige Frage: Wieso fälscht jemand in einer Redaktion, die weder Geld noch Mühen scheut, die ihre Journalisten bis ans Ende der Welt fliegen lässt, um Informationen zu beschaffen? Viele nahmen es auch sehr persönlich, fühlten sich betrogen, hintergangen, ja missbraucht und sahen sich in einer Opferrolle. Am schwersten fiel es den meisten, den Gedanken zuzulassen, dass nicht allein die besonders raffinierten Fälschungen von Relotius verantwortlich waren für die Blindheit der Redaktion.

Am anderen Ende der Gefühlsskala bin ich Menschen begegnet, die auf mich wirkten, als empfänden sie eine klammheimliche Freude über den Skandal. Aus ganz unterschiedlichen Motiven, wie ich vermute: Eifersucht auf einen erfolgreichen Kollegen; Neid, weil das Reportage-Ressort Privilegien hatte, die man sich selbst auch wünschte; oder Genugtuung, weil man den publizistischen Kurs nicht teilte, für den einer wie Relotius stand, der Preise mit schön geschriebenen Texten gewann.

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Zumindest in den ersten Monaten unserer Recherchen stieß ich überall auf großes Aufklärungsinteresse. Es schien den meisten klar zu sein, dass Vertuschen oder taktisches Manö­vrieren mit der Wahrheit dem SPIEGEL und dem Ansehen des Journalismus schaden würde. Ein paar ganz wenige, die dann auch eher wortkarg waren, wünschten sich wohl alte Zeiten zurück, in denen der SPIEGEL Kritik von außen mit Abwehr oder hermetischem Schweigen quittierte.

Der allgemeine Aufklärungseifer schwand naturgemäß, als das öffentliche Interesse am Fall Relotius nachließ und wieder Alltagsroutine einkehrte. Aber da hatten wir als Kommission unsere Recherchen schon weitgehend abgeschlossen.

Es mag zynisch klingen, aber zum Glück hatte Relotius nicht nur im SPIEGEL gefälscht. Zum Glück, denn so konnten andere seriöse Redaktionen in Deutschland nicht den Staatsanwalt spielen. Überall mussten sich Chefredakteure, Ressortleiterinnen und Ressortleiter fragen: Hätte mir das auch passieren können? Mit »Ja« antwortete, wer ehrlich war. Damals trafen die Gründe, die im SPIEGEL zu der Blindheit hinsichtlich der Fälschungen führten, in unterschiedlicher Weise auch auf andere Redaktionen zu:

  • Die Überbewertung des Genres Reportage, der vermeintlichen »Königsdisziplin« des Journalismus, die zu dramaturgischen Kompositionen, Ausschmückungen und – wie im Fall Relotius – zur Erfindung verführt.

  • Die mangelnde Transparenz und Nachprüfbarkeit von Recherchen, die es Leserinnen und Lesern nicht ermöglichen, Hintergrund und Umfeld zu verstehen, in denen ein Text entsteht.

  • Eine schwach ausgeprägte Fehlerkultur im Reporterressort, die gegenseitige Kontrolle als Misstrauen fehlinterpretiert.

Die Redaktion des SPIEGEL hat aus dem Fälschungsskandal weitreichende Konsequenzen gezogen. Nach einem langen Diskussionsprozess gab sich die Redaktion neue, strengere Regeln für Recherche, Dokumentation und Texte. Leserinnen und Lesern soll es so leichter gemacht werden, die Entstehung von Texten nachzuvollziehen. Auch die Reporterinnen und Reporter müssen ihre Recherchen umfangreicher und nachprüfbarer dokumentieren.

Ein Fall Relotius, der Vorgesetzte und Kollegen mit erfundenen Per­sonen, Orten und Dokumenten täuschen konnte, ist unter Einhalten dieser Regeln eigentlich nicht mehr möglich. Pessimisten könnten sagen: Fälschen ist deutlich aufwendiger geworden.

Damit, wie im Fall Relotius geschehen, Zweifel von Leserinnen und Lesern am Wahrheitsgehalt von Texten nicht untergehen, wurde im SPIEGEL eine Ombudsstelle geschaffen. Hier gehen der Leiter der Rechtsabteilung, eine Dokumentarin und der Nachrichtenchef des SPIEGEL Hinweisen konsequent nach.

Es ist also einiges geschehen. Nicht nur im SPIEGEL. Auch in anderen Medien hat der tatsächliche oder mindestens drohende Glaubwürdigkeitsverlust durch die Fälschungen zu ähnlichen Diskussionen und Konsequenzen geführt. Als Leserin oder Leser kann man also inzwischen im besten Fall mit mehr Transparenz und Genauigkeit in Texten rechnen.

Claas Relotius hat vor vielen Jahren einmal bei einer Veranstaltung mit jungen Journalisten gesagt, er erwarte von seinen Lesern, dass sie ihm vertrauen. Man wünschte, er hätte nicht recht. Aber ohne das Vertrauen in die Rechtschaffenheit der Redaktionen geht es trotz guter Regeln, mehr Transparenz und neuer Beschwerdestellen nicht. Gerade weil die Leserinnen und Leser vertrauen müssen, weil für sie eben nicht alles nachprüfbar ist, darf sich ein Fall Relotius nicht wiederholen, egal wie unbedeutend oder in welcher Gestalt er daherkommt.

Dieser Satz ist natürlich richtig. Und doch scheint er für eine vergangene Zeit geschrieben.

Als im Dezember 2018 der Fall Relotius öffentlich wurde, geschah dies in einem medialen Umfeld, das heute fast harmlos wirkt. Es gab zwar Fake News, der damalige US-Präsident versuchte mit plumpen Mitteln durchaus perfide die Öffentlichkeit zu manipulieren, russische Trolle spielten mit. Aber dies schien eine Art abweichendes Verhalten, ein Phänomen, von dem man noch hoffte, dass es vorübergehend sein würde, vertrauend auf die Medienkompetenz der Menschen und die Qualität und Präzision der Gegeninformation – der echten Fakten.

Heute, nur drei Jahre später, erleben wir eine Globalisierung der neuen Art. Sie folgt nicht den Wirtschaftskreisläufen oder den Finanzströmen. Ja, nicht einmal dem Klimawandel. Sie reist mit dem Virus. Die böswilligen Verschwörer haben erstmals ein weltumspannendes Thema gefunden. Menschen rund um den Globus sind für ein und dasselbe zu agitieren.

Die Leugner der Pandemie konnten die Schranken von Reich und Arm, von Kultur und Religion überspringen. In Echtzeit mit der Verbreitung des Virus sind weltweit radikale Gruppen entstanden, die sich jeder politischen oder sozialen Einordnung entziehen und demokratische Regeln missachten. Die Völker hören jetzt tatsächlich die Signale, aber ganz andere, als die Vordenker des Sozialismus sich das erhofft hatten.

Für Medien, die sich der Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlen, ist der Kampf um Gehör in deren Welt wohl verloren.

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