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23. Februar 2014, 07:59 Uhr

Fall Edathy

Sexualmediziner fordert tabufreie Pädophilie-Debatte

Der SPD-Politiker Edathy steht im Verdacht, kinderpornografisches Material zu haben. Der Sexualmediziner Klaus Michael Beier fordert im SPIEGEL eine tabufreie Diskussion über Pädophilie: Männer mit dieser Neigung kämen trotzdem für hohe Regierungsämter in Frage.

Hamburg - Durch den Fall des SPD-Politikers Sebastian Edathy wird in Deutschland seit Tagen heftig über Kinderpornografie und Pädophilie diskutiert. Für eine rationalere Debatte spricht sich der renommierte Sexualmediziner Klaus Michael Beier im Spiegel aus: Pädophile Männer könnten auch hohe Regierungsämter ausüben. "Aus meiner Sicht spricht jedenfalls nichts dagegen, wenn ein pädophiler Mann eine exponierte Position in der Gesellschaft übernimmt, solange er die volle Verantwortung für seine sexuelle Präferenz übernimmt und sein Verhalten sicher kontrollieren kann", sagte der Forscher. (Die ganze Geschichte lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL.)

Beier ist Direktor des Instituts für Sexualmedizin an der Berliner Charité und Initiator des bundesweiten Präventionsprojekts "Kein Täter werden", das pädophilen Männern anonyme, kostenlose Therapien anbietet.

"Angehörige einer sexuellen Minorität können besonders wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, weil sie eine ganz andere Wahrnehmung für Entrechtung und Ausgrenzung haben", sagte Beier. Es sei ausgeschlossen, dass ein pädophiler Mann seine sexuelle Präferenz ändern kann. "Die Debatte über Pädophilie ist auch deshalb so schwer zu führen, weil die Menschen dem Glauben anhängen, es brauche nur ein bisschen Willenskraft, um seine sexuelle Ausrichtung zu verändern", sagte der Sexualmediziner. "Das ist aber nicht der Fall." Es komme darauf an, pädophilen Männern so zu helfen, dass sie ihre Neigung nicht aktiv ausleben.

"In Deutschland leben rund 250.000 Menschen mit pädophiler Neigung, und wenn wir die nicht vernünftig behandeln, dann wird es immer wieder neue Opfer von Missbrauch geben", erklärte Beier. Das derzeitige Strafrecht ist für den Forscher kein probates Mittel im Kampf gegen Kinderpornografie: "Die abschreckende Wirkung des Strafrechts ist minimal. Und wer erwischt wurde, hat mit keiner zügigen Reaktion des Rechtssystems zu rechnen. Die Strafverfolgung ist aus meiner Sicht daher ineffektiv. Bei den meisten Verfahren kommt es gar nicht zu einer Hauptverhandlung, sondern es wird gegen Zahlung einer Geldstrafe eingestellt."

Beier unterstützt allerdings die Forderung von Union und SPD, sogenannte Posing-Bilder zu verbieten, bei denen Kinder in Szene gesetzt wurden. "Ich setze mich schon seit Jahren dafür ein, solche Bilder zu verbieten, denn sie stellen ganz eindeutig einen Missbrauch dar, eben weil die Kinder für sexuelle Interessen Erwachsener benutzt werden", sagte Beier.

Der Sexualmediziner äußerte sich zudem besorgt angesichts der Flut drastischer Bilder, die sich im Internet finden lassen. "Es liegt sehr nahe, dass derartige Bilder auch Eingang finden können in die sexuelle Phantasiewelt von Männern mit einer pädophilen Neigung und am Ende auch das Verhalten beeinflussen."

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