Fall Henrico Frank SPD-Chef Beck warnt vor Pauschalurteilen über Arbeitslose

Noch vor ein paar Tagen hatte Kurt Beck dem arbeitslosen Henrico Frank geraten, sich zu waschen und zu rasieren, um einen Job zu bekommen. Jetzt warnt der SPD-Chef vor Pauschalurteilen über Arbeitslose: "Das bringt uns überhaupt nicht weiter."


Mainz - Aus Franks Verhalten dürfe nicht auf das Verhalten aller Langzeitarbeitslosen geschlossen werden, sagte Beck heute in Mainz. "Das ist unzulässig und bringt uns überhaupt nicht weiter. Die Mehrzahl der Arbeitssuchenden bemüht sich ernsthaft darum, einen Job zu finden."

SPD-Chef Beck: "Das ist unzulässig und bringt uns überhaupt nicht weiter"
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SPD-Chef Beck: "Das ist unzulässig und bringt uns überhaupt nicht weiter"

Den Ruf nach verschärften Regelungen für Hartz-IV-Empfänger könne er nicht nachvollziehen, sagte der SPD-Vorsitzende: "Diejenigen, die solche Rufe ausstoßen, haben vielleicht vergessen, dass es gerade eine neue Regelung gibt." Bei dreimaligem Verweigern einer zumutbaren Arbeit könne dies bis hin zum Streichen des Arbeitslosengeldes II gehen.

Bei einem Wahlkampftermin in Wiesbaden am 12. Dezember hatte Frank den Politiker lautstark für seine Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht. Beck hatte ihm daraufhin geraten: "Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job." Der Hartz-IV-Empfänger war dem Ratschlag gefolgt, die Mainzer Staatskanzlei hatte ihm daraufhin acht Jobangebote übermittelt. Frank selbst meldete sich jedoch zunächst nicht bei den Firmen, sondern nur seine so genannte Managerin, die die Angebote mit dem Verweis auf Franks eingeschränkte Gesundheit ablehnte. Frank wolle "nicht durch Vitamin B" einen Job "für sich abräumen", sondern für alle Arbeitslosen kämpfen, sagte seine Sprecherin Brigitte Vallenthin zur Begründung.

Frank tue ihm eher leid, sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident. "Einem Zufall geschuldet, hat er diese Chance bekommen, und dass er sie jetzt ausschlägt, ist schade." Den Medienrummel um Frank, der auch zu einer Diskussion über die Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung insgesamt geführt hat, sieht Beck mit gemischten Gefühlen: "Wenn es so sein sollte, dass es wirklich ein gewachsenes und differenziertes Interesse am Schicksal von Langzeitarbeitslosen bringt, dann wäre das positiv."

Beck kritisierte zudem die Führung der Linkspartei, in der Frank Mitglied ist. "Herr Frank ist da von Leuten umgeben, die offensichtlich mehr einer Ideologie nachhängen, als der Frage, wie kann man einem Einzelnen helfen", sagte er. "Da fände ich es ganz gut, wenn die Spitze der PDS mal Ordnung schafft."

Der Verband der Deutschen Betriebs- und Werksärzte (VDBW) bot dem 37-jährigen Frank inzwischen Hilfe an. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Frank trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen einen der ihm von SPD-Chef Beck vermittelten Jobs annehmen könne.

VDBW-Präsident Wolfgang Panter sagte, man werde Frank gerne über die gesundheitlichen Risiken der verschiedenen Stellenangebote beraten und ihm helfen, eine aus arbeitsmedizinischer Sicht vertretbare Tätigkeit auszuwählen.

Der ehemalige Bauarbeiter hat nach eigener Darstellung eine kaputte Schulter, einen Bandscheibenschaden sowie nur eine Niere. Panter sagte dazu, aus der arbeitsmedizinischen Praxis sei bekannt, dass es oft von einer Vielzahl von Faktoren abhänge, ob eine Tätigkeit trotz gesundheitlicher Handicaps ausgeübt werden könne.

Unterdessen hat die Stadt Wiesbaden den Langzeitarbeitslosen aufgefordert, bis 23. Januar ein ärztliches Attest beizubringen, aus dem hervorgehe, dass er wegen körperlicher Beeinträchtigungen nicht jede Arbeit wahrnehmen könne. Der für Sozialhilfe zuständige Sachgebietsleiter Wolfgang Werner sagte, die Stadtverwaltung wolle nun wissen, wie Frank beruflich eingesetzt werden könne. Parallel dazu habe die Stadt dem 37-Jährigen die Teilnahme an einer Eingliederungsmaßnahme in den Arbeitsmarkt angeordnet.

In der Punk-Szene wurde Frank allmählich zu einer Art Medienstar. Der Mainzer Internetversender punk-shop.com startete eine Homepage auf der "die aktuelle Henrico-Frank-Kollektion" bestellt werden kann. Unter dem Motto "Zieh Dich an, wie Deutschlands frechster Arbeitsloser" können Trikots und T-Shirts mit Aufschriften wie "Arbeitslos und Spaß dabei" bestellt werden.

Die "Bild"-Zeitung zitierte heute die Mutter des 37-Jährigen, Elfriede Frank: "Rico ist Alkoholiker. Trinkt er, dann ist er ungenießbar." Als Folge seiner Alkoholsucht sei der 37-Jährige aus einer Hollywoodschaukel gekippt und habe sich die Schulter gebrochen. Auch als Altenpfleger habe er aufhören müssen: "Eine Oma war ihm nachts hingefallen, weil er getrunken hatte."

hen/dpa/AP/ddp



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