Annett Meiritz

Sexismus-Streit in der Berliner CDU Zur Sache, Schätzchen

Machosprüche, Gerüchte, eine angebliche Liebschaft mit Merkels Generalsekretär: In der aktuellen Debatte um Sexismus in Parteien wird alles miteinander vermischt. Das ist unerträglich.
Berliner Fernsehturm

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Foto: Sophia Kembowski/ dpa

Deutschland führt wieder eine Debatte um Sexismus in der Politik. Es wird wieder viel diskutiert, nur leider nicht das, worum es eigentlich geht: Sexismus in der Politik.

Stattdessen wird der Frage nachgegangen, ob die Protagonistin ein Verhältnis mit einem CDU-Promi hatte - und ob sie dadurch weniger glaubwürdig sei. Das ist unerträglich, und es lenkt vom eigentlichen Problem ab.

Das bisher Bekannte ist rasch zusammengefasst. Die 26-jährige Berliner CDU-Bezirksverordnete Jenna Behrends hatte am Freitag einen offenen Brief an ihre Partei veröffentlicht. Als Quereinsteigerin sei sie systematisch ausgegrenzt worden, "Verleumdungen, Gerüchte und Sexismus" seien an der Tagesordnung gewesen.

Die Jurastudentin berichtete, wie Innensenator und Spitzenkandidat Frank Henkel sie "süße Maus" nannte, und einen Kollegen fragte: "Fickst du die?" Henkel zeigte sich "enttäuscht" über Inhalt und Stil des Briefs - dementierte jedoch nicht.

Behrends wurde für ihren Brief gelobt und kritisiert. Florian Nöll, ein Berliner Parteifreund, schrieb, in Wahrheit sei alles noch viel schlimmer. Der Umgang mit jungen Frauen vor Ort habe ihn entsetzt.

Die frühere Femen-Aktivistin Zana Ramadani warf Behrends hingegen vor, das wichtige Thema Sexismus für ihre Zwecke zu missbrauchen . Die Chefin der Berliner Frauen Union, Sandra Cegla, attestierte Behrends "Persönlichkeitsdefizite". Zwei Vorstandsmitglieder der Frauen Union traten aus Protest gegen diese Aussage zurück.

Ein Flirt mit Peter Tauber - das soll der wahre Aufreger sein?

In dieser verwirrenden und emotionsgetränkten Gemengelage sollte man sich auf die Fakten konzentrieren. Fakt ist, dass dem Kernvorwurf des Briefes - der sexistischen Grenzüberschreitung durch Frank Henkel - nie widersprochen wurde.

Stattdessen dreht sich die Debatte schon nach kurzer Zeit um zwei Dinge: Behrends habe ihre weiblichen Reize gezielt eingesetzt, schreiben Berliner Medien  unter Berufung auf die Frauen-Unions-Chefin Cegla. Außerdem sei Behrends dem CDU-Politiker Peter Tauber, Angela Merkels Generalsekretär, nähergekommen , heißt es aus der Partei. Behrends habe freimütig davon erzählt , und damit Gerüchte selbst befeuert.

"Jenna Behrends und ich haben uns kennengelernt und auch geflirtet", bestätigt Tauber, "aber es war für mich recht schnell klar, dass es rein freundschaftlich bleibt."

Dabei ist es für den konkreten Fall völlig egal, ob Behrends keine einzige, zwölf oder fünfzig Liebschaften in ihrem Arbeitsumfeld hatte. Denn was genau wäre der Vorwurf, den man aus einem Verhältnis ableiten könnte? Dass Behrends es auf Affären anlegt? Dass sie selbst schuld ist, wenn ihr Umfeld ausgefragt wird, ob sie "gefickt" werde?

Solange die konkreten Vorwürfe der 26-Jährigen unwidersprochen sind, gibt es keinen Grund, an ihrem Wahrheitsgehalt zu zweifeln.

Stattdessen sollte der Vorfall zum Anlass genommen werden, zu hinterfragen, inwiefern Parteien und Politik frauenfeindliche Strukturen tatsächlich begünstigen - und warum sich seit der Sexismus-Debatte von 2013 offenbar kaum etwas geändert hat.

Man muss endlich ernsthaft diskutieren, warum im Berliner Abgeordnetenhaus oder im Bundestag nur rund ein Drittel Frauen sitzen. Darüber, in welchen Bereichen Sexismus und Ausgrenzung besonders akut sind, und wie man das ändern kann.

Vor allem aber sollte man bei der Sache bleiben: Sexismus in Parteien, in der Politik, in der Gesellschaft, ist Realität. Und diese Realität verschwindet nicht, wenn sich die Debatte auf Nebenschauplätze verirrt.

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