Bettina Gaus

Fall Julian Reichelt Die Entmündigung der Frau

Bettina Gaus
Eine Kolumne von Bettina Gaus
Der Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt hatte Beziehungen mit Frauen, denen er vorgesetzt war. Das allein wäre allerdings noch kein Problem.
Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt

Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt

Foto: Norbert Schmidt / IMAGO

In die Berichterstattung über den Fall des gefeuerten »Bild«-Chefredakteurs Julian Reichelt hat sich in den vergangenen Tagen ein merkwürdig prüder Ton geschlichen. Inzwischen entsteht der Eindruck, Frauen seien stets und grundsätzlich die Opfer in Beziehungen mit männlichen Vorgesetzten – auch dann, wenn sie selbst eine solche Beziehung wünschten. Hinter einer solchen Sicht steckt ein Weltbild, in dem Frauen nicht imstande sind, selbstbestimmt die Entscheidung darüber zu treffen, mit wem sie ins Bett gehen wollen. Das ist eine besonders perfide Art der Diskriminierung, weil sie sich als Fürsorge tarnt.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen: Haben Sie, die Sie jetzt in erstaunlicher Einmütigkeit den moralischen Kammerton anschlagen, alle noch nie, niemals eine Liebschaft am Arbeitsplatz gehabt – womöglich gar, Gott behüte, mit jemanden auf einer höheren oder niedrigeren Hierarchiestufe als Sie selbst? Oder haben Sie nicht zumindest jemanden im Freundeskreis mit derartiger Vergangenheit? Wirklich nicht? Erstaunlich. Offenbar kenne ich andere Leute als Sie.

Es geht hier nicht darum, Julian Reichelt zu verteidigen oder gar reinzuwaschen. Eine Führungskraft, die heimlich eine Zahlung aus Firmengeldern an eine Geliebte veranlasst oder Beförderungen aus persönlichen Gründen ausspricht, schadet dem Unternehmen und braucht sich über eine Entlassung nicht zu wundern. Wenn jetzt jedoch einvernehmliche sexuelle Beziehungen pauschal als »Machtmissbrauch« eingestuft werden, dann entmündigt das diejenigen, die in der beruflichen Rangordnung unten stehen. »Unter dem System Reichelt haben wohl zahlreiche Frauen gelitten«, schreibt die »Neue Zürcher Zeitung«. Möglich. Aber nicht jedes Liebesleid ist Ergebnis verwerflichen Handelns.

Als junge Frau hatte ich auch einmal eine Affäre mit einem Vorgesetzten, aus der ich allerdings weder beruflichen noch finanziellen Nutzen zog. Ich fand den Mann halt toll, so etwas soll vorkommen. Wenn die Leitung des Hauses, für das wir arbeiteten, uns damals über unser Verhältnis befragt hätte, dann hätten wir uns beide empört diese Einmischung in unser Privatleben verbeten – und die öffentliche Meinung auf unserer Seite gehabt. Der Vorgesetzte war mir gegenüber nicht übergriffig gewesen, schon gar nicht hatte er mich zu irgendetwas gezwungen. Nichts geschah ohne mein Einverständnis. Jemand wie seinerzeit ich bedarf nicht des Schutzes der Bewegung #MeToo, die in anders gelagerten Fällen große Verdienste hat.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns, bescheinigt der »Bild«-Zeitung ein »Kulturproblem«. Da bin ich ganz und gar seiner Meinung, allerdings würde ich das wohl anders definieren als er. Nun könnte es mir eigentlich egal sein, welche Form einer hausbackenen Moral der Springer-Verlag seinen Angestellten vorschreiben möchte – bestünde nicht die Möglichkeit, dass sich hier ein kultureller Wandel abzeichnet, der auch auf andere Verlagshäuser und sogar auf die Gesamtgesellschaft übergreifen kann. Die Hintergründe dessen dürften nicht im Verhalten von Reichelt liegen, sondern ganz woanders. Es geht vermutlich, wie so oft, ganz einfach um Geld.

Am Wochenende veröffentlichte die »New York Times« einen ausführlichen Bericht über die »Bild«-Zeitung und Julian Reichelt. Am Dienstag schloss der Axel-Springer-Konzern die angekündigte Übernahme des einflussreichen US-Onlineportals Politico ab. Wer das für Zufall hält, glaubt auch, dass Kapitalismus immer nett und moralisch ist und nichts mit dem Kampf um Marktanteile zu tun hat.

Mit einer Rede hat sich Springer-Chef Mathias Döpfner an die Belegschaft des Verlagshauses gewandt und seine Sicht der Dinge geschildert. Die »Süddeutsche Zeitung« betrachtet das Video, das »ein großes Plädoyer für Diversität, Respekt, Inklusion und so weiter« sei, als »Wink« an die Investoren von KKR, »die die Vorgänge mit wenig Begeisterung verfolgen dürften«. In der Tat, und das kann Döpfner nicht gleichgültig sein. Seit 2020 ist die US-Beteiligungsgesellschaft größter Anteilseigner bei Springer.

Der Autor des »NY-Times«-Artikels, Ben Smith, sagte der »Zeit« zum Fall Reichelt, ein US-Manager wäre »schon wegen jeder kleinen Untermenge dieser Vorwürfe, schon wegen fünf Prozent der Vorwürfe« sofort gefeuert worden. Ja, das ist gut möglich. Schließlich sind in den Vereinigten Staaten auch schon hochkarätige Politiker mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt worden, weil sie ihre Ehefrauen betrogen hatten.

Die Frage ist: Wäre es wünschenswert, wenn sich Moralvorstellungen wie in den USA auch in Deutschland durchsetzten? Darüber lässt sich sicher streiten. Aber ich wäre nicht begeistert.

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