Womöglich weiterer Mordanschlag Generalbundesanwalt weitet Ermittlungen gegen mutmaßlichen Lübcke-Mörder aus

Nach dem Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen zu einem weiteren, womöglich rechtsextremen Tötungsdelikt übernommen: Wollte der mutmaßliche Mörder einen irakischen Flüchtling erstechen?

Tatverdächtiger Stephan Ernst nach seiner Festnahme
Uli Deck/ DPA

Tatverdächtiger Stephan Ernst nach seiner Festnahme

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Der mutmaßliche Mörder des CDU-Politikers Walter Lübcke wird von der Bundesanwaltschaft beschuldigt, ein weiteres rechtsextremistisch motiviertes Tötungsdelikt begangen zu haben. Nach Informationen des SPIEGEL hat die Karlsruher Anklagebehörde die Ermittlungen gegen den Tatverdächtigen Stephan Ernst entsprechend ausgeweitet.

Generalbundesanwalt Peter Frank ermittelt gegen Ernst nun auch wegen versuchten Mordes an einem irakischen Flüchtling. Der damals 22-jährige Bewohner einer Asylbewerberunterkunft im hessischen Lohfelden war am 6. Januar 2016 von einem Unbekannten hinterrücks niedergestochen und schwer verletzt worden.

Mehr als drei Jahre ermittelte die hessische Polizei erfolglos. Erst nach dem Mord an Walter Lübcke geriet Rechtsextremist Ernst unter konkreten Tatverdacht - Ende Juli leitete die lokal zuständige Staatsanwaltschaft Kassel ein Verfahren wegen versuchten Totschlags gegen ihn ein und durchsuchte sein Wohnhaus.

Nun erweiterte die Bundesanwaltschaft den Vorwurf auf versuchten Mord und zog die Ermittlungen in der Sache an sich. Dies ist laut Gesetz unter anderem dann möglich, wenn ein Fall staatsschutzrechtlich relevant ist und ihm eine "besondere Bedeutung" beikommt. Offenbar sah die Bundesanwaltschaft diese Kriterien erfüllt. Wie der SPIEGEL erfuhr, sehen die Ermittler Anhaltspunkte für eine heimtückische Begehungsweise der Tat und niedere Beweggründe, nämlich rassistische Motive. Damit wären juristisch zwei Mordmerkmale erfüllt.

Nach SPIEGEL-Informationen beruht der Verdacht gegen Ernst auf einer Reihe von Indizien. So soll er in einem - inzwischen zurückgezogenen - Geständnis eingeräumt haben, am Tag des Angriffs auf den Iraker unweit der Asylbewerberunterkunft Lohfelden eine verbale Auseinandersetzung mit einer Person gehabt zu haben, die er für einen Flüchtling hielt. Ernst soll den Mann damals unter anderem rassistisch beschimpft haben.

Als weiteres belastendes Indiz werten die Bundesanwälte die Tatsache, dass sich der Tatort der am selben Tag erfolgten Messerattacke nur 2,5 Kilometer von Ernsts Wohnhaus entfernt befand. Die Ermittler gehen zudem davon aus, dass sich Ernst zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts aufhielt. Hinzu kommt die "offen rechtsextremistisch-rassistische Gesinnung" des Tatverdächtigen sowie dessen Vergangenheit als rechtsextremistischer Gewalttäter.

Ernst war 1992 schon einmal mit einem Messer auf einen vermeintlichen Ausländer losgegangen, den er zufällig am Bahnhof in Wiesbaden getroffen hatte.

Im Fall des Angriffs auf den irakischen Flüchtling in Lohfelden waren die hessischen Ermittlungsbehörden zuletzt in die Kritik gekommen. So hatte die Staatsanwaltschaft Kassel offenbar erst in diesem August durch eine SPIEGEL-Anfrage erfahren, dass die Polizei bei den Ermittlungen zu der Messerattacke auf den Iraker den Rechtsextremisten Ernst bereits 2016 überprüft hatte.

Vom SPIEGEL zu den Vorgängen befragt, erklärte sein Verteidiger Frank Hannig, dass sein Mandant - damals wie heute - die Vorwürfe bestreite.

Im Juni hatte Ernst gestanden, den CDU-Politiker Lübcke auf dessen Grundstück mit einem Kopfschuss getötet zu haben. Als Motiv gab er an, sich über Lübckes Haltung zur Flüchtlingspolitik geärgert zu haben - unter anderem über Aussagen des Politikers auf einer Bürgerversammlung zur Flüchtlingsunterbringung in Lohfelden, an der er selbst teilgenommen hatte.

In einer stundenlangen Vernehmung verriet Ernst den Ermittlern unter anderem das Versteck der Tatwaffe und nannte seine Waffenlieferanten. Kurze Zeit später widerrief er das Geständnis überraschend. Derzeit befindet sich Ernst, gegen den die Bundesanwaltschaft wegen Mordes ermittelt, in Untersuchungshaft.

Im Video: Der Mordfall Lübcke

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