Verständnis für den Mord an Walter Lübcke Die Extremisten aus Pegidistan

Der Mord am Kasseler CDU-Politiker Walter Lübcke sei "eigentlich bald eine menschliche Reaktion". Mit solchen Aussagen qualifizieren sich Pegida-Teilnehmer als Extremisten. Sie erinnern damit an Islamisten.
Pegida-Demonstration in Dresden (Archivbild): Mord "alle zwei, drei Jahre aus Hassgründen völlig normal"

Pegida-Demonstration in Dresden (Archivbild): Mord "alle zwei, drei Jahre aus Hassgründen völlig normal"

Foto: David W. Cerny / REUTERS

Nach jedem islamistisch motivierten Mord gibt es in Pakistan Menschen, die die Bluttat gutheißen. Das Opfer sei kein Opfer, sondern "ein Blasphemist", der den Tod verdient habe, sagen sie. Ein "Ungläubiger" oder "Abtrünniger" sei da gestorben. Als 2011 der als liberal und prowestlich geltende Politiker Salman Taseer, Gouverneur der Provinz Punjab, von seinem eigenen Leibwächter erschossen wurde, weil er sich für die Freilassung der "Blasphemistin" Asia Bibi eingesetzt hatte, wurde der Mörder von Tausenden Menschen gefeiert - und wird es heute noch. Rechtsanwälte bewarfen den Täter auf seinem Weg zum Gericht mit Rosenblättern. Menschen, die ich bis dahin für klug und differenziert denkend gehalten hatte, erklärten mir allen Ernstes, Taseer habe es "zu weit getrieben" und sei daher "selbst schuld" an seinem Tod.

Leider gibt es solch eine Niedertracht nicht nur in der Ferne.

In Deutschland sagen Menschen über den Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke, der ein Befürworter der Flüchtlingspolitik war, mithin für die Aufnahme von Menschen in Not war, er sei zu Recht ermordet worden. Aufnahmen der ARD-Sendung "Kontraste" belegen das. Da sagt ein Pegida-Teilnehmer, ein Mord "alle zwei, drei Jahre aus Hassgründen" sei "völlig normal". Ein anderer erklärt, Lübcke sei ein "Volksverräter", wieder ein anderer findet, der Mord an ihm sei "eigentlich bald eine menschliche Reaktion". Und an allem sei Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik schuld.

Sie rufen nach einem "starken Führer", bezeichnen politische Gegner als "Feinde", wollen "das System" ändern, sehen sich selbst als bedrohte Minderheit, die sich wehren muss, denken in Freund-Feind-Schubladen.

In Wahrheit bedrohen sie, hier wie dort, jede Form von Freiheit.

Die Grenze setzt nicht erst das Strafrecht, sondern der Anstand

Seit Jahren hören wir, wir sollten die "Sorgen und Nöte" der "besorgten Bürger" ernst nehmen, mit diesen Menschen "den Dialog" suchen, ihnen "auf Augenhöhe" begegnen. Extremistische Gedanken sind sagbar geworden, offen, stolz, selbstbewusst. Wer diese Leute kritisiert, dem wird entgegengebrüllt, er beschneide die Meinungsfreiheit - als ob Mordfantasien, Gewaltrechtfertigungen und Rassismus "Meinungen" wären.

Wer stellt sich diesem Pöbel schon entgegen? Und sind nicht auch staatliche Stellen mit einigen von ihnen ganz eng verbunden, etwa beim Verfassungsschutz?

Warum sind wir erst jetzt ernsthaft erschüttert? Wie oft wollen wir noch schockiert sein? Haben wir bei den Pegida-Veranstaltungen, die es immerhin seit Oktober 2014 gibt, früher nicht richtig hingehört? Oder haben wir das einfach nicht wahrhaben wollen, denn ach, da marschieren ja auch ganz normale, besorgte Bürger mit. Da kann man doch nicht so kritisch sein!

Ja, wir müssen mit Extremisten reden. Aber nicht mit Wohlwollen, Entgegenkommen und Verständnis. Sondern sie kritisierend, argumentativ stellend, politisch bekämpfend und, wann immer nötig, vor Gericht. Alles andere hieße, sie gesellschaftlich zu akzeptieren.

Oft genug hört man von diesen Leuten, es würden "Meinungskorridore" in Deutschland errichtet und man dürfe nicht mehr alles sagen. Richtig. Denn selbstverständlich ist in einer zivilisierten Gesellschaft nicht alles sagbar. Die Grenze setzt nicht erst das Strafrecht, sondern setzen Anstand und Moral.

Wer sich menschenverachtend äußert, muss geächtet und ausgegrenzt werden. Er muss einen sozialen Preis dafür zahlen. Und Extremisten muss man nennen, was sie sind: Extremisten.