Familie Niemand will weniger Kinder als die Deutschen

Deutschland - Schrumpfland: Niemand in Europa will so wenig Kinder wie die Deutschen, enthüllt eine neue Studie. Der Bevölkerungsschwund erreicht eine neue Dimension, nur noch ein Viertel der Befragten erwartet durch Kinder mehr Lebensfreude.


Stuttgart – Lange schon wird über niedrige Geburtenzahlen in Deutschland geklagt. Hinter der bloßen Statistik steht auch die Frage, ob sich die Menschen überhaupt Kinder wünschen. Eine Kinderwunschstudie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigt jetzt: In Europa will niemand so wenige Kinder wie die Deutschen. Frauen wünschten sich demnach durchschnittlich 1,75 und Männer 1,59 Kinder. Dabei entschieden sich in Deutschland mittlerweile fast jeder vierte Mann und jede siebte Frau grundsätzlich für ein Leben ohne Kinder, wie die Robert Bosch Stiftung als Herausgeber der repräsentativen Studie in Stuttgart mitteilte. Die Ergebnisse sollen am kommenden Mittwoch in Berlin präsentiert werden.

Viele Deutsche wollen keine Kinder: "Familien genießen wenig Ansehen"
DPA

Viele Deutsche wollen keine Kinder: "Familien genießen wenig Ansehen"

Der Geburtenrückgang hat laut Stiftungs-Geschäftsführerin Ingrid Hamm eine neue Dimension erreicht, da immer mehr Menschen kinderlos bleiben wollen. "Bei uns leben mehr kinderlose Frauen als in anderen europäischen Ländern", sagte Hamm. Nach der Kinderwunsch-Studie wünschten sich etwa Frauen wie auch Männer in Polen und Finnland deutlich mehr als zwei Kinder. In Deutschland lag der Wert zuletzt 1988 so hoch.

Bei den Erhebungen in Deutschland waren 2005 rund 5500 Menschen im Alter zwischen 20 und 49 Jahren zu ihren Vorstellungen von Elternschaft und Familie befragt worden. "Die Studie bestätigt, dass immer noch Frauen durch Kinder die meisten Einschränkungen erfahren", sagte Hamm. Das Geburtenniveau liege schon lange unterhalb der 2,1 Kinder je Frau, die nötig wären, um die Bevölkerungszahl in Deutschland konstant zu halten. Aktuell liege das Niveau bei 1,37 Kindern - dabei wird deutlich, dass die tatsächliche Kinderzahl niedriger als die Wunschzahl ist.

Kinderwunsch im Osten größer

Nötig sei mehr Gleichberechtigung. "Wer Familien unterstützen will, muss die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen so gestalten, dass unterschiedliche Familienkonstellationen und Lebensentwürfe berücksichtigt werden", sagte Hamm. "In den alten Bundesländern ist der Wunsch nach Kinderlosigkeit sehr viel stärker ausgeprägt als in den neuen. Im Osten wünschen sich nur jeder fünfte Mann und jede siebzehnte Frau keine Kinder."

Elternschaft sei im Leben der meisten Menschen zu einem Wert unter vielen geworden. Kinder würden dabei in der allgemeinen Wahrnehmung eher mit Belastungen als mit einer Bereicherung des Lebens verbunden.

Nur ein Viertel der befragten Männer und Frauen erwartet durch Kinder mehr Lebensfreude und Zufriedenheit. "Familien genießen wenig Ansehen", sagte Hamm. Gegen Kinder spreche für viele Befragte, dass der Nachwuchs finanziellen Spielraum, Beschäftigungschancen und persönliche Freiheit einschränke.

"Der Einfluss der Familienpolitik auf die Geburtenziffer ist bislang begrenzt", sagte die Stiftungschefin weiter. Gleichwohl räumten die Menschen in Umfragen familienpolitischen Maßnahmen ganz allgemein einen hohen Stellenwert ein. Besonders empfänglich für Unterstützungen sind laut der Studie Familien mit einem Kind und Menschen mit Abitur. Kaum erreichbar seien hingegen Menschen in Ausbildung. Gründe für Kinderlosigkeit seien auch, dass der geeignete Partner fehlt oder die Gesundheit instabil ist.

phw/dpa



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