Familienpartei Aus der Mitte geboren

Fast unmerklich hat sich die Familienpartei aus der grauen Masse der vielen kleinen Parteien befreit. An den Erfolg im Saarland will die Partei bei der Landtagswahl in Brandenburg anknüpfen. Parteienforscher halten die Familienpartei für eine ernsthafte Alternative für enttäuschte Protestwähler.

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Familienpartei im Wahlkampf: Mit Luftballons und Gummibärchen
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Familienpartei im Wahlkampf: Mit Luftballons und Gummibärchen

Frankfurt/Oder - Sie sehen aus wie Animateure eines Kinderferienclubs: orangefarbene T-Shirts, Luftballons und in der Hand eine Schachtel mit Süßigkeiten. Aber Henning Tischendorf, Sandra Güttler und Detlef Bubel spielen hier nicht. Die Mitglieder der Brandenburger Familienpartei haben soeben ihren Stand aufgeschlagen vor dem Oderturm in Frankfurt in Brandenburg.

Der Brandenburger Parteivorstand rechnet für die Wahlen in zehn Tagen landesweit mit einer vier vor dem Komma. "Und ohne dass wir überhaupt noch Flyer verteilen oder irgendwie in Aktion treten würden, haben wir drei Prozent sicher", gibt sich Familienpartei-Pressesprecher Henning Tischendorf zuversichtlich.

Drei Prozent im Saarland

Nicht ohne Grund: Die Familienpartei hat seit ihren Erfolgen bei der Europawahl im Mai und der Landtagswahl im Saarland viel Aufmerksamkeit erregt. Auch im Franz-Josef-Strauß-Haus, dem Sitz der CSU in München, hat man die Ergebnisse der Familienpartei bei der Europawahl zur Kenntnis genommen. Die Gründe für den Erfolg der Familienpartei will die CSU demnächst analysieren lassen - schließlich hat sich die Union stets Familienpolitik auf die Fahnen geschrieben und jetzt geht eine andere Partei mit der Familie als Thema erfolgreich auf Wählerfang.

Im Saarland haben drei Prozent für die Familienpartei gestimmt. Bei der Europawahl im Mai ist die Partei erstmals bundesweit angetreten und hat im Saarland, in Sachsen-Anhalt und in Sachsen aus dem Stand mehr als zwei Prozentpunkte erreicht. Im Wahlkreis Saarpfalz landete die Familienpartei auf dem fünften Platz, hinter CDU, SPD, Grünen und FDP. Im Potsdam sitzt die Familienpartei in Fraktionsstärke im Stadtrat.

Parteiexperten halten die Familienpartei für eine wählbare Alternative: "Die Familienpartei ist eine Gruppe von durchaus ernsthaften, meist bürgerlichen Leuten, die sich plausible Gedanken über ein wichtiges Thema machen", sagt der Berliner Politologe Oskar Niedermayer. Deshalb sei die Partei eine Alternative für Leute, die von CDU und SPD enttäuscht seien. "Dort, wo die Familienpartei im Stadtbild präsent ist - wie in Saarbrücken oder Potsdam - werden Leute angelockt, die sich nicht als Extremwähler hinstellen lassen wollen", sagt Niedermayer zu SPIEGEL ONLINE.

Pragmatisch und wenig ideologisch

Neben den Agitatoren von rechts und links fällt die Familienpartei als eine pragmatische und wenig ideologische Gruppe auf. Ein paar ältere Frauen, die an dem Wahlstand am Oderturm vorbeilaufen rufen "weiter so" und lachen den Wahlkämpfern zu. Das sieht man nicht oft in Zeiten von Hartz IV, dass einer Partei der Mitte Mut gemacht wird.

 Familie als Maxime: Wahlkampf an den Kinderwagen
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Familie als Maxime: Wahlkampf an den Kinderwagen

"Mehr Geld für Familien ausgeben und Bildung sichern, denn das ist unsere Zukunft", erklärt Henning Tischendorf vom brandenburgischen Vorstand der Familienpartei den Leuten in Frankfurt/Oder, wenn sie es kurz haben wollen. "Wenn die Geburtenrate weiter zurückgeht, kann auch unsere Wirtschaft nicht funktionieren. Eine umfassende Unterstützung für Familien ist deshalb nicht nur Selbstzweck", sagt Tischendorf.

Familie heißt für die Partei auch unkonventionelle Partnerschaften. "Gegen homosexuelle Elternpaare als Familie haben wir gar nichts", sagt Henning Tischendorf aus Brandenburg. Seine Definition: "Familie, das ist jede soziale Gemeinschaft, die auf Dauer angelegt ist".

"Klassische Single-Issue-Partei"

Zwar sehen Parteienforscher die Familienpartei als eine klassische "Single-Issue-Partei", für die Familienpartei selbst ist Familie aber nicht ein Thema unter anderen, sondern die Maxime allen politischen Handelns. Henning Tischendorf rechnet vor: "Jedes Jahr fehlen uns 300.000 Geburten, um die Bevölkerungszahl zu erhalten. Das bedeutet auch weniger Nachfrage und damit wird auf lange Sicht die Entstehung Hunderttausender Arbeitplätze verhindert", erklärt er.

Der Erfolg im Saarland stand unter guten Startbedingungen: "Wahlkampf lässt sich in diesem kleinen Land mit wenig Aufwand betreiben. Ideal für kleine Parteien", sagt Niedermayer. Zudem hat die Partei von der niedrigen Wahlbeteiligung profitiert: Nur 55,5 Prozent gingen wählen und die kleine Familienpartei konnte mit nur 13.101 Stimmen auf drei Prozentpunkte kommen.

Auch dass der Bundesvorsitzende der Familienpartei, Franz-Josef Breyer, aus dem Saarland kommt, hat der Partei Stimmen gebracht. Breyer ist Kinderarzt in dem saarländischen St. Ingbert und hat die Leute in Scharen an die Urnen gebracht: Mit dem Ergebnis, dass in seinem Wahlkreis fast acht Prozent für die Familienpartei gestimmt haben.

"Ein regionales Phänomen"

Dass sich der Trend nun auch in anderen Bundesländern oder gar deutschlandweit fortsetzen lässt, glauben die Experten aber nicht: "Ich halte das für ein regionales Phänomen. Auch zwei Prozent in Brandenburg sind wahrscheinlich noch zu hoch gegriffen", so Niedermayer. "Es ist nicht zu erkennen, dass die Familienpartei ihren Kopf irgendwo anders als im Saarland über die Grasnarbe bekommt" sagt auch Parteienforscher Everhard Holtmann. Er hält die Entwicklung nicht für besonders spektakulär. Zudem würden die ostdeutschen Wähler aus Protest eher rechts oder links wählen - das heißt in Brandenburg DVU oder PDS.

"Im Grunde ist das deutsche Parteiensystem ja ziemlich verhärtet. Kleine Parteien haben kaum eine Chance. Es sei denn sie machen sich zum Träger einer gesellschaftlichen Bewegung, wie einst die Grünen", erklärt Niedermayer.

Die neuen Grünen werden sie wohl nicht. "Aber wenn die Familienpartei ihren Platz in der Parteienlandschaft als eine kleine, aber ernstzunehmende Vereinigung behaupten kann, dann kann sie die großen Parteien vielleicht dazu bringen, sich noch ernsthafter für die Belange der Familien stark zu machen, um der Familienpartei den Wind aus den Segeln zu nehmen", sagt Parteienforscher Niedermayer.



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