FDP-Chef im Wahlkampf Wie Westerwelle die Lacher auf seine Seite zieht

Für SPD und Grüne ist er das Schreckgespenst, die Symbolfigur für Schwarz-Gelb. Doch wo FDP-Parteichef Westerwelle auftaucht, füllt er die Hallen. Der Außenminister in spe hat manche Schrillheiten der Vergangenheit abgelegt - und entwaffnet seine Kritiker mit beißendem Spott.

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Berlin - Guido Westerwelle hat sich einen gelben Schal umgelegt. Um die Stimme zu schonen, ein altes Familienproblem, wenn es frischer wird. In Schwerin, auf dem Marktplatz, weht an diesem Spätsommertag ein kühler Wind, aber die Stimme des FDP-Chefs hält. Der Marktplatz ist gut gefüllt, an die tausend Zuhörer sind gekommen.

Es hat Zeiten gegeben, da wagten die Liberalen nur in Hallen aufzutreten, vor allem im Osten. Sachsen war lange Zeit ein Trauma: Vor zehn Jahren kam die FDP in dort auf gerade mal 1,1 Prozent. In der FDP erinnert sich mancher noch allzugut an jenen desaströsen Wahlabend: Wie bei den Hochrechnungen im Fernsehen die FDP unter dem Balken "Andere" verschwand. Wie ein TV-Reporter höhnisch feststellte die Liberalen wären ungefähr so stark wie die "Partei bibeltreuer Christen".

Sachsen 1999, das war der Schwarze Freitag. Umso schöner strahlt die Gegenwart.

Nach den letzten Landtagswahlen werden die Liberalen nun im Freistaat mit der CDU regieren. Sie kamen auf zehn Prozent, im Eiltempo wurde der Koalitionsvertrag in Dresden erarbeitet. Das Bündnis gilt als Signal für das, was im Bund nach dem 27. September geschehen soll. An diesem Sonntag will die FDP in Potsdam auf einem Sonderparteitag ein Bekenntnis zu einer schwarz-gelben Koalition im Bund beschließen.

Es läuft rund in diesen Wochen für Westerwelle. Noch hat Schwarz-Gelb einen Vorsprung, die Zeichen stehen auf Sieg. Auch sonst scheint alles zu stimmen: Freundlich ist der Applaus in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, geduldig hören ihm die Menschen zu. Nur ein einziges Transparent gegen Sozialabbau wird hochgehalten, nur ein einziges Mal brüllt eine junge Frau dazwischen: "Leistung, Leistung, Leistung." Westerwelle kontert blitzschnell: "Ich mag Dich auch." Die Menschen lachen.

Störer entwaffnet Westerwelle mit seiner Höflichkeit

Nein, Westerwelle taugt nicht als Gespenst des kalten Neoliberalismus. Selbst sein Satz - "Es muss einen Unterschied machen, ob sie morgens aufstehen oder ob sie liegen bleiben" - gehört nach der rot-grünen Hartz-IV-Reform schon zum Allgemeingut der Republik. Für solche Sätze ist ihm das Publikum dankbar, es prasselt Applaus - ob in Düsseldorf, Schwerin oder Hamburg.

Störer gibt es auf manchen seiner Veranstaltungen, etwa in Hamburg, im Curio-Haus. Dort sind es junge Leute der linken Szene, die ihre Transparente gegen Atomkraft und Sozialabbau entrollen. Für solche Fälle reagiert Westerwelle mit entwaffnender Höflichkeit, gepaart manchmal mit beißender Ironie. In Hamburg flattern Flugblätter von der Empore. Westerwelle ruft zwei Demonstranten im Saal zu, sie sollten ihr Transparent bitte schön möglichst lange oben halten. "Es wird aber für euch eine körperliche Anstrengung", er habe nämlich vor, noch eine Dreiviertelstunde zu reden. Die Lacher im vollbesetzten Saal, auch hier sind es an die tausend, sind ihm sicher.

Täuscht der Eindruck oder läuft der Wahlkampf von Grünen und SPD gegen Westerwelle ins Leere? Je weniger die andere Seite Erfolg hat, umso heftiger teilt sie aus. Der SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier spricht dieser Tage davon, die FDP wolle "zurück zum entfesselten Raubtier-Kapitalismus". Westerwelle amüsiert das, er baut diese Passage jetzt in seine Reden ein. Er ätzt dann über die SPD-Strategie: Morgens sage Steinmeier, die FDP sei ganz furchtbar, am Abend dann wolle er mit ihr regieren. Dann legt er eine Kunstpause ein. "Wir übrigens nicht mit ihm." Die Zuhörer im Curio-Haus in Hamburg jubeln.

Der FDP-Chef setzt alles auf eine Karte - die Koalition mit der Union

Seine Botschaft lautet auf allen Plätzen, in allen Hallen: Die FDP will die Große Koalition beenden, eine Linksregierung verhindern; sie strebt eine "bürgerliche Regierung der Mitte mit einer starken FDP an".

Doch was, wenn es für Schwarz-Gelb nicht reichen sollte? Die bayerische FDP-Landeschefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat für einen solchen Fall Jamaika ins Spiel gebracht, also eine Koalition mit Union und Grünen. Nur gibt es in diesem Denkmodell einen nicht unwesentlichen Haken: Die Grünen haben diese Konstellation auf Bundesebene per Parteitagsbeschluss ausgeschlossen. Sie sind es also, die sich bewegen müssten. Auffallend bleibt, wie wenig Westerwelle die Grünen angreift - es gibt in seinen Wahlkampfreden einen Standardwitz über Merkel und Umweltminister Sigmar Gabriel, aber keinen über das Grünen-Spitzenpersonal.

Bleibt die Ampel, eine Koalition aus SPD, FDP und Grünen. Gerne erinnert Westerwelle an die Avancen der SPD im Jahr 2005: Eine Ampel hätte man damals ja haben können - "aber wir haben Wort gehalten". Westerwelle lehnte ab. Wer das letzte Mal das Wort gehalten habe, dem könne man auch diesmal vertrauen, sagt er in diesen Tagen, da es in den Endspurt geht. Glaubwürdigkeit sei auch ein Kriterium bei der Bundestagswahl.

Die Schrillheiten der Vergangenheit sind tabu

Westerwelle, der Außenminister in einer schwarz-gelben Koalition wäre, hat er die Schrillheiten der Vergangenheit abgelegt? Westerwelle, ganz piano, so ist er im Bundestagswahlkampf 2009 zu beobachten. Die oftmals zerstrittene Partei folgt ihm fast geräuschlos und diszipliniert. Der FDP-Ehrenvorsitzende Hans Dietrich Genscher absolviert an seiner Seite gleich drei Auftritte - auch das ein Symbol. Es gibt keinen Wahlkampf mehr mit der 18-Prozent-Zahl unter den Schuhsohlen wie einst 2002. "Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee", sagt Westerwelle in einem seiner zahlreichen Interviews dieser Tage. Den Besuch im Big-Brother-Container verteidigt er hingegen, schließlich habe er mit der Reality-Show in zwei Stunden sechs Millionen junger Menschen erreicht. Er bereue nichts, aber er wisse auch, dass er heute "erfahrener und gereifter" sei. Westerwelle, der Geläuterte.

Es ist ein Marathonlauf, den der FDP-Chef sich selbst abverlangt. Rund 60 Kundgebungen wird er bis zum 27. September bestritten haben. Seine Rede folgt, mit kleinen Variationen, einem Muster: Arbeit, Wirtschaft, Steuern, Mittelstand, Bildung, Bürgerrechte, Umwelt- und Außenpolitik. Das klingt zunächst einmal banal, ist aber nicht selbstverständlich für die FDP. Noch Anfang des Jahrtausends hatte er als frisch gewählter Vorsitzender die Partei auf Wirtschaft und Steuern verengt. Dass er auf die internen Kritiker schließlich einging, die FDP breiter aufstellte, bringt ihm jetzt auch die Sympathien des linksliberalen Flügels ein. Mitten im Wahlkampf stellt er in Berlin das Buch "Rettet die Grundrechte" von Gerhart Baum vor.

Ritterschlag vom Altliberalen

Der heute 77-Jährige war in der sozial-liberalen Ära Bundesinnenminister. Die Pressekonferenz ist gut besucht. Der Termin wirkt wie ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Baum und sein Verlag profitieren vom Medieninteresse, Westerwelle vom Ritterschlag des Altliberalen. "Wir waren nicht immer einer Meinung, was die Aufstellung der FDP angeht", sagt Baum. Aber das sei "Schnee von gestern".

Der 47-jährige Westerwelle versucht gar nicht erst, die alten Differenzen schön zu reden. Mit Baum habe er sich "in der Tat schon ordentlich gefetzt". Er wisse aber nicht, was daran so schlimm sein solle. Schließlich gebe es im Leben immer einen "Erkenntnisgewinn - auch bei mir".

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mbberlin, 02.07.2009
1. ...
"Millionenstrafe stürzt FDP in Finanzprobleme" Was denn? Unsere tollen Wirtschaftexperten? Nun bin ich aber komplett desillusioniert und weiss gar nicht mehr, was ich wählen soll... ;-)
Hardliner 1, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopDie Freien Demokraten erfreuen sich derzeit guter Umfragewerte, die FDP wird von vielen als künftige Regierungspartei gehandelt. Wie sehen Sie die Chancen der FDP im Wahljahr?
Bekanntlich ist unter den Blinden der Einäugige König.
Colloredo, 02.07.2009
3. Kein Problem....
einfach ein paar von den Lehmann - Papieren verkaufen, passt schon....
Barath 02.07.2009
4.
Zitat von sysopDie Freien Demokraten erfreuen sich derzeit guter Umfragewerte, die FDP wird von vielen als künftige Regierungspartei gehandelt. Wie sehen Sie die Chancen der FDP im Wahljahr?
Ich hätte eine Frage an die *neuen* FDP-Wähler: Was bringt sie dazu gerade *jetzt* in der Finanzkrise eine neoliberale Partei zu wählen? Diese Frage ist ernst gemeint, und soll keine aggressive Polemik sein. Man mag der Meinung sein, daß die Finanzkrise keine "Krise des Kapitalismus" ist, aber man muß doch zugeben, *daß es zumindest so aussieht*. Und wenn sie als neue FDP-Wähler sich halt nicht von dem "Schein" trügen lassen und sehen, daß stärker neoliberale Konzepte gebraucht werden, warum haben sie das nicht vorher schon eingesehen, sondern sind erst jetzt, da es so aussieht als wäre der Neoliberalismus ein Irrweg, zu dieser Überzeugung gekommen? Ich würde das gerne verstehen. Danke im voraus. P.S.: Könnte dies: Millionenstrafe stürzt FDP in Finanzprobleme (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,633923,00.html)ein ernsthaftes Problem für die FDP sein? Abgesehen davon, scheint es um die FDP ja recht gut bestellt zu sein.
panther013 02.07.2009
5. Profitiert von der großen Koalition
Die FDP profitiert von der großen Koalition, manch Wähler sehnt sich offenbar nach Zeiten etwa der sozial-liberalen Koalition zurück. Die wird es aber nicht geben. Was damals noch liberal war, ist heute marktradikal. Die Wähler sollten langsam merken, dass der Ausverkauf öffentlicher Einrichtungen an die Wirtschaft nur kurzfristig etwas Geld in die Kassen strömen ließ. Die Zeche zahlen wir nun. Beispiele: - Bahnprivatisierung - Regionale Investitionen und Sicherheit bleiben auf der Strecke - Hochschulprivatisierung - Studiengebühren und undemokratische Strukturen bringen Konflikte - Gesundheitsprivatisierung - Sparen für Rendite auch im Krankenhaus - Freie Marktwirtschaft - für Niedriglöhne in Zeitarbeitsagenturen und und und. ....
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