FDP-Chef Lambsdorff Feldherr des Wirtschaftsbürgertums

Führungstalente, Charismatiker oder politische Heroen - daran mangelte es in der FDP stets. Leuchtende Ausnahme war Otto Graf Lambsdorff, ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums.
Von Franz Walter

Den deutschen Liberalen fehlte es in ihrer Geschichte stets an Organisation. Umso mehr kam es daher auf die Autorität origineller, kraftvoller und strahlungsfähiger Persönlichkeiten an. War dieser Typus rar, standen die Zeichen meist nicht gut für die FDP in Deutschland.

Und das kam oft genug vor im 19. und 20. Jahrhundert. Die Liberalen waren nun einmal nicht üppig mit Führungstalenten, gar Charismatikern oder politischen Heroen ausgestattet. Der Typus Eugen Richter, Friedrich Naumann und Gustav Stresemann trat eher selten auf im Club der Honoratioren. Und gerade bei den Freien Demokraten überwogen an der Spitze eher die blassen Moderatoren, die aber immerhin den Vorzug besaßen, den chronischen Streit im Lager des Liberalismus behutsam und integrativ zu schlichten.

Doch von Fall zu Fall reichte der umsichtige, im öffentlichen Disput jedoch blass bleibende Moderator den Freidemokraten nicht mehr aus. Dann verlangte es ihnen nach vorpreschender, zielscharfer, weithin vernehmlicher politischer Führung. Ein solcher Moment stellte sich auch zum Ausgang der 1980er Jahre, gewissermaßen im Winter der alten Bonner Republik ein, als die Freien Demokraten den Grafen Lambsdorff an die Spitze ihrer Parteiorganisation hievten.

Otto Graf Lambsdorff war ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums gegen die Sozialpolitiker aller Volksparteien. Wirtschaftspolitisch war er in der Tat ein ganz anderes Kaliber als die meisten seiner Vorgänger: streng und schneidig in der Sache, mit einer glasklaren, oft harten, argumentativ immer stringenten Rhetorik.

In den Rededuellen des Bundestages, aber auch auf den Konferenzen seiner eigenen Partei trat Lambsdorff als Polarisierer, als Mann einer bestimmten Richtung, eines kohärenten Konzepts auf. Als Integrator hingegen hatte man Lambsdorff nie erlebt. Dazu taugte er schon durch seine Persönlichkeit nicht. Kompromissformulierungen, Beschwichtigungen, säuselnde Schmeicheleien, ausgleichende Versöhnlichkeit – nichts davon lag ihm.

Den Freien Demokraten des Jahres 1988 war das durchaus recht. Denn sie wollten, nachdem sie sich in den ersten Jahren der Ära Kohl fast ängstlich versteckt hatten, nun wieder Richtung und Ziel gewiesen bekommen, sie lechzten geradezu nach kernigen und kämpferischen Parolen. Eben daher erkoren sie, mehrheitlich, Lambsdorff, einen immerhin wegen Steuerhinterziehung verurteilten Politiker.

Dabei gab es durchaus eine Alternative zu ihm. Denn gegen Lambsdorff war seinerzeit die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Irmgard Adam-Schwaetzer, angetreten. Sie gab sich thematisch offener, breiter, aufgeschlossener als Lambsdorff, da sie auch die eine oder andere bürgerrechtliche Fragen aufwarf, ökologische Sensibilitäten bekundete, einige Ergebenheitsadressen an die Frauen- und Friedensbewegten in der Bonner Republik absandte.

Vieles davon klang ein bisschen beflissen, modisch, zeitgeistig. Kurz: oberflächlich. Aber immerhin, mit der Wahl von Frau Schwaetzer hätten die Liberalen insofern ein Zeichen gesetzt, da sie damals als erste der bundesdeutschen Altparteien den Generationswechsel – die Kandidatin war 43 Jahre und damit fast zwanziger Jahre jünger als ihr männlicher Rivale – vollzogen und überdies erstmals eine Frau an die Spitze gewählt hätten.

Doch dazu fehlte den Freien Demokraten der Mut. Aber darum ging es ihnen in ihrer Mehrheit auch gar nicht. Sie wollten eine andere Flagge hissen, nämlich die der marktwirtschaftlichen Orthodoxie gegen die "verschwenderischen Sozialbeglücker" in den Unionsparteien, in der SPD und nicht zuletzt bei den "Grünen", die mehr und mehr zur entscheidenden Konkurrenz für die FDP wurden. Die Majorität der FDP war gar nicht mehr interessiert an der traditionellen, wohl austarierten Balance von Rechtsstaatsliberalen und Wirtschaftsliberalen. Ihnen stand längst nicht mehr der Sinn nach einem weiten Panorama liberaler Themen.

Sie hatten ihre Zauberformeln längst gefunden, die allesamt im Feld der wirtschaftlichen Liberalität siedelten: Markt, Leistung, Eigenvorsorge, Steuersenkung. Und der Feldherr des entschiedenen Marktliberalismus war Otto Graf Lambsdorff. Mit ihm – der unzweifelhaft auch ein höchst engagierter Menschenrechtler war - wollten die Freien Demokraten jetzt ohne taktisches Geplänkel und defensive Furchtsamkeiten in die Schlacht gegen die Wohlfahrtsstaatsaposteln in der bundesdeutschen Gesellschaft ziehen.

Viel wurde daraus nicht. Bald sang niemand mehr das Heldenepos vom kühnen marktwirtschaftlichen Ritter. Bald machten vielmehr die Spottlieder über den Parteichef die Runde. Die Methode Lambsdorff konnte in einer Koalitionsregierung nicht aufgehen. Sie nährte eher in der öffentlichen Wahrnehmung das negative Image der FDP als opportunistische Umfallerpartei. Denn Lambsdorff forderte noch radikaler und apodiktischer als frühere Parteichefs; aber am Ende musste er dann doch stets kleinlaut einen verwaschenen Kompromiss mit der CDU/CSU schlucken. Lambsdorff blies stets forsch in die Trompete, doch in den entscheidenden Momenten führte er seine kleine Truppe nicht in die stürmische Attacke, sondern in den ungeordneten Rückzug. Seine Kritiker warfen ihm gar einen "Schmusekurs" vor.

So schwand die Autorität des Grafen dahin. Der historische Punkt, an dem es unzweifelhaft bergab ging mit ihm, wurde die Bundestagswahl 1990. Die Freien Demokraten hatten mit elf Prozent der Wählerstimmen einen schönen Wahlsieg errungen. Graf Lambsdorff verkündete nach dem Wahlausgang herrisch, die Liberalen würden Helmut Kohl nur dann zum Kanzler machen, wenn der neue Osten Deutschlands zum Niedrigsteuergebiet werde. Bekanntermaßen blieb Kohl Regierungschef, der Osten aber wurde keine Steuersonderzone. Und so ging das in den folgenden Jahren immerzu weiter.

Lambsdorff warf sich als strenger Marktwirtschaftler ordnungspolitisch in Pose, die Bundesregierung mit einem freidemokratischen Wirtschaftsminister aber sündigte fortwährend gegen die marktorthodoxen Regeln. Das Kabinett erhöhte die Steuern, erweiterte die Subventionen, beschloss die Pflegeversicherung. Es ging reichlich staatsinterventionistisch in der Regierung des bürgerlichen Lagers zu, während Lambsdorff unverdrossen wirtschaftsliberale Dogmen verkündete.

Wie Möllemann dem Grafen zusetzte und dessen Autorität beschädigte

Lambsdorffs Autoritätsverfall war infolgedessen beträchtlich. Überdies hatte Lambsdorff noch Jürgen W. Möllemann im Nacken, der ihn lustvoll trieb und reizte. Lambsdorff wurde der erste – zwei weitere sollten folgen - Parteivorsitzende der FDP, den Möllemann zur Strecke brachte. 1990 kündigte Möllemann ohne Absprache mit Lambsdorff an, dass er selber 1993 Parteivorsitzender werde, es jedenfalls anstrebe. Von da ab war Lambsdorff in der Partei und in der Öffentlichkeit eine "Vorsitzender auf Abruf", ein "Übergangschef", schlimmer noch: eine "lame duck".

Zwischen Möllemann und Lambsdorff brach eine erbitterte Feindschaft aus. Immer zog Lambsdorff den Kürzeren, ob es nach der Bundestagswahl um die Besetzung der Ministerien oder ob es 1992 um die Nachfolge Genschers an der Spitze des Auswärtigen Amtes ging. Stets scheiterte Lambsdorff mit seinen Personaltableaus. Nie war er der Boshaftigkeit und den Winkelzügen Möllemanns gewachsen. Die Freien Demokraten hatten sich gerade von Lambsdorff potente und robuste Führungskraft versprochen; aber sie bekamen überraschenderweise eher das Gegenteil.

1992 war gewiss ein schlimmes Jahr in der politischen Karriere von Otto Graf Lambsdorff. Er überlebte das an der Spitze der FDP wohl nur, weil das Lager seiner Gegner – es reichte von den Rechtsstaatsliberalen Baum und Hirsch über Genscher und Möllemann bis zu den Jungliberalen – so heterogen war. Auf einen allseits akzeptierten Kandidaten hätte sich die uneinige Lambsdorff-Fronde nicht verständigen können. Gerade Möllemann spürte das und warf daher auch nicht, wie erst avisiert, seinen Hut in den Ring. Doch eine schöne Zeit war es für Lambsdorff nicht. Er musste nun feststellen, dass er wenig treue Anhänger hatte, die sich für ihn in seiner Not schlugen.

Dafür hatte Lambsdorff den Freien Demokraten, die politisch auf seiner Linie standen, in der Vergangenheit einfach zu wenig gegeben. Lambsdorff erfuhr das Schicksal von vielen Politikern mit kühlem Scharfsinn und überdurchschnittlicher Intelligenz. Sie sind häufig zu emotionalen Zuwendungen nicht fähig und erhalten daher Treue und Loyalität nicht zurück. Oft waren sie in der Vergangenheit zu arrogant aufgetreten, zu barsch und ungeduldig. Ihre derart gedemütigten innerparteilichen Opfer pflegten sich das zu merken.

Kurzum: Lambsdorff wurde nicht zum Glücksfall für die FDP. Die Liberalen hatten überhaupt nie viel Fortune mit den Polarisierern und ideologisch Entschiedenen an ihrer Spitze. Gerade sie schafften nicht die Balance, auf die es für die Freien Demokraten in den langen Jahrzehnten der Regierungsbeteiligung ankam: Verlässlicher Koalitionspartner zu sein, aber dabei doch als eigenständige Partei kenntlich zu bleiben; Profil also zu demonstrieren, ohne damit indes die Regierung zu sprengen. Es war eine veritable politische Kunst, diese Spannung auszubalancieren.

Ein Künstler auf diesem Gebiet war Lambsdorff allerdings nicht – und daran sollte er letztlich scheitern.

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