FDP-Desaster Lindners bitterer Abstiegskampf

Bei der Europawahl kassierte die FDP erneut eine Pleite - auch unter ihrem neuen Chef Christian Lindner. Mit der AfD haben die Liberalen eine starke Konkurrenz bekommen. Für die Liberalen geht es jetzt ums Überleben.

FDP-Spitzenkandidat Lambsdorff, Vorsitzender Lindner: Trister Wahlabend
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FDP-Spitzenkandidat Lambsdorff, Vorsitzender Lindner: Trister Wahlabend

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Berlin - Vor zwei Wochen saß Christian Lindner mit einigen Journalisten in trauter Runde. Irgendwann kam das Thema auf ein mögliches Abschneiden bei der Europawahl. Es werde, prognostizierte einer der Anwesenden, wohl ein bitterer Abend.

In der Tat: Der Wahlsonntag wurde ein Debakel für die gebeutelte Partei und ihren Vorsitzenden. Die FDP erhielt 3,4 Prozent, lag aber zeitweise sogar in einer ZDF-Hochrechnung unter der Drei-Prozent-Marke. Was manche der rund hundert Gäste in der Bundeszentrale in Berlin verzweifelt die Hände vors Gesicht schlagen ließ.

Lindner, äußerlich gelassen, hat sich innerlich auf einen solchen Ausgang eingestellt. "Soll niemand glauben, die FDP sei jetzt verzagt, würde kapitulieren", das Wahlergebnis sei eine "ehrliche Momentaufnahme". Man habe sich nicht der Illusion hingegeben, verlorengegangenes Vertrauen in wenigen Monaten zurückgewinnen zu können. Die FDP, so Lindners Fazit, befinde sich "in etwa" da, wo sie 1998, nach der verlorenen Bundestagswahl der schwarz-gelben Koalition unter Kanzler Helmut Kohl, schon einmal gewesen sei. Im Klartext heißt das wohl: ziemlich am Boden.

Auch damals begann eine Serie verlorener Wahlen, vor allem im Osten. Diesmal aber könnte die Lage noch schlimmer werden: Mit der AfD haben die Liberalen eine starke Konkurrenz bekommen, auch wenn die FDP-Wähler nicht in Massen zu den Euro-Skeptikern gingen. Nur 50.000 wanderten von den Liberalen zur AfD (gegenüber 470.000 von CDU/CSU, die den Euro-Skeptikern ihre Stimme gaben). Aber 830.000 Anhänger der Liberalen blieben zu Hause. Daraus schöpft mancher in der Partei die Hoffnung, die Enttäuschten eines Tages wiedergewinnen zu können.

Zunächst aber bleibt die Tatsache, dass die FDP weit hinter der AfD landete und auch schlechter abschnitt als bei der Bundestagswahl, als sie noch auf 4,8 Prozent kam. Das sind schlechte, ja verheerende Nachrichten, die sich niederschmetternd auf die Stimmung der Mitglieder auswirken können. Kaum eine größere Sorge treibt Lindner um, als die Partei bis zur Bundestagswahl 2017 bei der Stange halten zu können. Und: Nur weil das Bundesverfassungsgericht die Fünfprozenthürde für die Europawahl kippte, werden die deutschen Liberalen überhaupt mit einer Mini-Vertretung von drei Parlamentariern (statt vormals 12 vor fünf Jahren) wieder ins Europaparlament einziehen, darunter ihr Spitzenkandidat Alexander Graf Lambsdorff. Der sagt am Montag im "Deutschlandfunk" einen Satz, der auch als Warnung verstanden werden kann, aus Verzweiflung in alte Muster zu verfallen: "Wir brauchen jetzt Konzepte statt Klamauk, was wir in Vergangenheit zu häufig gesehen haben."

"Es ist ein hundsmiserables Ergebnis", kommentiert Parteivize Wolfgang Kubicki den Ausgang der Europawahl, die Partei sei aber stark genug, das auszuhalten. "Jede Wahl wird jetzt für uns eine wichtige Wahl", blickt der FDP-Fraktionschef aus Schleswig-Holstein ahnungsvoll nach vorne.

In der Tat. Ende August wird in Sachsen gewählt, dort hält sich die letzte schwarz-gelbe Koalition in der Republik, auch sie ist gefährdet. So richten sich die Blicke auf das kommende Frühjahr, auf die Wahl in Hamburg. Dort rechnet sich die Führung der Liberalen eine Chance aus. Die CDU ist an der Elbe in keinem guten Zustand, die SPD dürfte nicht wieder ein Mandat für eine Alleinregierung bekommen. So könnte die FDP dort als Funktionspartei wiederauferstehen: für bürgerliche Wähler, die sich eine sozial-liberale Koalition wünschen, als Alternative gegen Rot-Grün.

"Es wird Zeit, dass die FDP aus ihrem Tal herauskommt", sagt Kubicki. Spätestens im Februar in Hamburg werde das der Fall sein, da sei er sich sicher.

Das ist kaum mehr als ein Hoffnungsschimmer. Seit Monaten ist die FDP dort, wo es am schwersten ist - im Kampf gegen den Abstieg, gegen das langsame Vergessen.



insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
schwerpunkt 26.05.2014
1.
Eine Partei, die sich Liberalismus auf die Fahnen schreibt, aber dann im Endeffekt nur Klientelpolitik für eine schmale Gesellschaftsschicht betreibt und vom eigentlichen freiheitlichen Gedanken in Wort und tat Nichts zu bemerken ist, ist überflüssig. R.I.P. FDP
altesmädchen 26.05.2014
2. Illoyalität kommt nicht gut an
Illoyalität kommt bei den Menschen nicht gut an, mit dem Dolche im Gewande herumzulaufen, um den Gegner in der eigenen Partei unschädlich zu machen, ebenfalls nicht. Konzentriert Euch auf Inhalte und nicht auf Pöstchen ! Außerdem habt ihr mächtige Gegner in der (freien) Presse, arbeitet mal an eurem Image. Andere Politiker sind auch nicht schlechter oder besser: haben aber Kreide gefressen !
friedrich_eckard 26.05.2014
3.
Abstiegskampf? Die FDP - falls noch jemand weiss, wer oder was das war - *ist* abgestiegen, und "they never come back", was in einer an erfreulichen Meldungen sonst eher armen Zeit immerhin einen Lichtblick bedeutet. Zu hoffen ist nur, dass sie nach den drei Landtagswahlen im Herbst nicht nur aus dem realen Leben, sondern auch endlich aus der medialen Öffentlichkeit verschwindet - wir wollen es nicht mehr wissen!
Karl_Knapp 26.05.2014
4. Das Problem
Zitat von sysopDPABei der Europawahl kassierte die FDP erneut eine Pleite - auch unter ihrem neuen Chef Christian Lindner. Mit der AfD haben die Liberalen eine starke Konkurrenz bekommen. Für die Liberalen geht es jetzt ums Überleben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fdp-desaster-bei-der-europawahl-a-971603.html
Genau an dieser Stelle liegt das Problem der F.D.P.: Die Klientel die zur AfD überwechselt ist alles, nur nicht liberal. Es sind verbohrte, unverständige Grantler denen der Liberalismus im klassischen Sinne völlig fremd ist. Der F.D.P. kann man nur raten, mit einem sozialliberalen Programm in Richtung SPD zu wandern, zu einem freiheitlichen Programm mit einem wachen Blick auf soziale Angelegenheiten. Die Wende des unseeligen Grafen war der falsche Weg - nun steht die Partei am Ende des Tunnels und stellt fest, dass er keinen zweiten Ausgang hat.
ichsagemal 26.05.2014
5.
... er hätte Nachhilfe bei einem Marketing-Experten einholen sollen. 'Kaputte, Marken lassen sich i.d.R. nicht mehr heilen. Ein Neustart wäre richtig gewesen, das liberale Element wird gebraucht, wie die Europawahl gezeigt hat.
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