FDP-Kampagne Frauen, eingetreten!

Sie war die Partei der starken Frauen, sie wird zum Club der jungen Männer: 80 Prozent der Neuzugänge bei der FDP sind männlich. Nur noch 23 Prozent der Liberalen sind Frauen, Tendenz sinkend. Generalsekretärin Cornelia Pieper sagt dem Testosteron-Überschuss ihrer Partei den Kampf an.


 Frau mit Schwert: Cornelia Pieper, FDP-Generalsekretärin
FRANK OSSENBRINK

Frau mit Schwert: Cornelia Pieper, FDP-Generalsekretärin

Berlin - Eine Plakatwand pro Stadt, ein paar Flugblätter pro Kreisverband: Ob diese Aktion unter dem Titel "Frauen: Alleskönner ohne Anerkennung?" Deutschlands Weiblichkeit in Scharen in die FDP treiben wird?

Die Ziele der Liberalen jedenfalls sind hoch gesteckt: "In zwei Jahren wollen wir auf einen Frauenanteil von 30 Prozent kommen", sagte FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper am Donnerstag in Berlin. Um dieses Soll zu erfüllen, müssten mindestens 5000 Frauen den Liberalen beitreten, Männer möglichst gar nicht - das verschlechtert die Quote. Gelockt werden sollen die Frauen mit Ämtern und Macht. "Um unsere jungen FDP-Frauen auf Spitzenfunktionen vorzubereiten, werden wir spezielle Coaching-Programme entwickeln", so Pieper.

Vorbei die Zeit, in der Frauen mit Machtinstinkt in der FDP ohne Nachhilfe ganz nach oben kommen und sich dort halten konnten. Die FDP ist eine Partei für Macher, nicht Macherinnen, signalisierte das Dreigestirn Guido Westerwelle, Wolfgang Gerhardt und einstmals Jürgen W. Möllemann in den vergangenen zwei Jahren dem Wahlvolk. Die deutschen Männer fühlten sich angesprochen, gut 13.000 von ihnen füllten einen Aufnahmeantrag aus.

Die einflussreichen Doppelnamen-Politikerinnen, früher Aushängeschild der Liberalen, gehören der Vergangenheit an, viele von ihnen schieden im Zorn. Hildegard Hamm-Brücher, ehrfürchtig die "Grand Dame der FDP" genannt, verließ gar die Partei. 1994 noch FDP-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, trat sie 2002 wegen der "tendenziell Antisemitismus schürenden Agitation" von Möllemann aus.

Ebenfalls von Möllemann vergrault wurde Irmgard Schwaetzer, vormals Adam-Schwaetzer. Ihr Ausspruch vom "intriganten Schwein" über Möllemann, der 1992 die bereits designierte Außenministerin ausbootete, ist längst Legende. Cornelia Schmalz-Jacobsen, ehemals Generalsekretärin und langjährige Ausländerbeauftragte, hat sich aus der großen Politik zurückgezogen und leitet heute den Politischen Club der Evangelischen Akademie Tutzingen.

 Lässt sich die Butter nicht von der Brezel nehmen: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Chefin der Bayern-FDP
Frank Ossenbrink

Lässt sich die Butter nicht von der Brezel nehmen: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Chefin der Bayern-FDP

"Wir haben nicht das Image, dass wir glaubwürdige Frauenpolitik machen können", sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Sie hatte ihr Amt als Bundesjustizministerin 1995 niedergelegt, als 64 Prozent der - überwiegend männlichen - befragten Parteimitglieder ihr in Sachen "Großer Lauschangriff" in den Rücken fielen. Woher auch - einer Partei, deren Mitglieder die eigene Generalsekretärin schon mal ungestraft als "papageienhaft" oder "personifizierte Inhaltsleere" demontieren dürfen, traut man nicht primär zu, ein Hort des Feminismus zu sein.

Doch jetzt soll alles anders werden. "Unsere Frauenpolitik wurde bislang einfach schlecht kommuniziert", sagt Cornelia Pieper, während sie für die Fotografen mit dem Leimpinsel über das Kampagnen-Plakat wischt. Das Bild zeigt eine junge Mutter zwischen Laptop und Bügeleisen. Soll heißen: Es ist die FDP, die schon lange für mehr kostenlose Krippenplätze kämpft, die mehr Frauen im Job, mehr Geld auf ihren Gehaltsabrechnungen sehen will. Sollte die Kampagne nicht greifen und in zwei Jahren immer noch weniger als 30 Prozent der Liberalen weiblich sein, will Pieper über eine Quotenregelung verhandeln.

Leutheusser-Schnarrenberger ist heute bayerische FDP-Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin für die Landtagswahl im September. Sie hat ihre Lektion mit den liberalen Männern gelernt: "Man darf sich von den Männern nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, wir müssen der Altherrenriege Dampf machen", sagt sie. Generalsekretärin Pieper wittert bei ihren männlichen Kritikern vor allem eins: "Neid."

Auch sei es im politischen Geschäft üblich, dass man Frauen erst dann für Spitzenpositionen heranziehe, wenn der Karren im Dreck steckt. "Dann will kein Mann ran und sich die Hände schmutzig machen, dass könnte der späteren Karriere schaden", sagt Pieper. "Als Frau muss man drei Mal so viel leisten und bekommt trotzdem kaum Anerkennung." Die Antwort darauf, warum Frauen ausgerechnet in die Partei eintreten sollen, von der sie sich selbst so schlecht behandelt fühlt, bleibt die Generalsekretärin an diesem Donnerstag allerdings schuldig.



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