FDP-Parteitag "Ich bin gerne eine Rabenmutter"

Während die FDP-Männer über Erbschaftsteuer und Kultur streiten, versucht eine Parteikollegin mit einem anderen Thema zu trumpfen: Die Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin kämpft für ihre Position in der Familienpolitik und macht deutlich, dass die Frauen in der FDP unzufrieden sind.

Von Carolin Jenkner, Stuttgart


Stuttgart - Silvana Koch-Mehrin tauscht ihren schwarzen Blazer gegen ein gelbes T-Shirt, auf dem in blauer Schrift "Rabenmutter" steht. Unter den anderen liberalen Frauen, die das gleiche T-Shirt tragen, ragt sie mit ihren 1,84 Meter plus Schuhe heraus. Sie strahlt in die Fernsehkameras, als hätte sie gerade eine Wahl gewonnen.

Westerwelle, Koch-Mehrin: Blumen für die Wiederwahl zum Parteichef
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Westerwelle, Koch-Mehrin: Blumen für die Wiederwahl zum Parteichef

Seit zweieinhalb Stunden debattieren ihre Parteikollegen in der Porsche-Arena darüber, ob Kultur Staatsziel sein soll. Silvana Koch-Mehrin, 36, die Europaabgeordnete, steht nebenan in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle und genießt die Medienpäsenz. Sie will verhindern, dass die FDP morgen die von der CSU vorgeschlagene "Herdprämie" als Position der Partei beschließt.

Für die Liberalen ist es eine Grundauseinandersetzung zwischen Freiheit und Modernität. FDP-Schatzmeister Hermann Otto Solms hatte sich im Vorfeld des Parteitages für das Betreuungsgeld eingesetzt. Er meint, wenn der Staat das Recht hat, einzugreifen, dann darf er nicht darüber entscheiden für welche Form der Betreuung die Eltern das Geld einsetzen - auch Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, sollen also seiner Meinung nach Geld bekommen. FDP-Generalsekretär Dirk Niebel hat sich hinter Solms gestellt.

Eine Position, gegen die die Frauen in den gelben T-Shirts auf dem Parteitag kämpfen wollen. Cornelia Pieper, heute auch eine "Rabenmutter", hat dagegen einen Antrag eingereicht. Sie will, dass sich die Partei nicht nur für Betreuungsgutscheine ausspricht, sondern auch explizit gegen das Betreuungsgeld.

Aber vor den Fernsehkameras ist Silvana Koch-Mehrin der Star. Mit einem Lächeln und leiser Stimme erklärt sie den Journalisten, dass sie gerne Rabenmutter ist. "Rabenmütter sind gute Mütter", meint sie. "Rabenmütter lassen ihren Kindern eigene Freiheiten und behüten und beschützen sie trotzdem." Kinderbetreuung und Rabenmutter passten daher zusammen. Gegen die Herdprämie sagt sie: "Das würde dazu führen, dass der Konsum der Eltern gesteigert wird, aber nicht zu mehr Bildung."

Ein Rabenmutter-T-Shirt für Guido

Die zehn FDP-Frauen stehen da wie Abiturientinnen in ihren Abi-T-Shirts, die aufgeregt von ihrer Schulzeit plaudern. Keine Podiumsdiskussion, nur schnelle Statements in die Kamera. Mittendrin taucht der Parteivorsitzende Guido Westerwelle auf. Für einen Moment von der Kulturdebatte zu den liberalen Frauen. Küsschen links und rechts für Silvana Koch-Mehrin. "Einen Mann mit einem Rabenmutter-T-Shirt haben wir schon", sagt Koch-Mehrin zu Westerwelle und zeigt auf einen Delegierten, der sich unter die Frauen gemischt hat. Sie überreicht Westerwelle ein T-Shirt. Er stellt sich auf fürs Foto.

"Das wichtigste ist, dass es eine Vereinbarkeit gibt zwischen Familie und Karriere", sagt er in die Kameras. Er lässt sich von den Frauen nicht auf eine Position für die anstehende Familiendebatte festlegen. "Ich habe das Buch von Silvana Koch-Mehrin mit großem Genuss gelesen", schwärmt er. Und: "Die Wahlfreiheit muss im Mittelpunkt stehen."

Das Buch, das Silvana Koch-Mehrin geschrieben hat, heißt "Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus". Sie hat es nicht als FDP-Buch geschrieben, betont sie. Aber mit den Frauen, die jetzt mit ihr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kämpfen und der Aussage Westerwelle ist es das vielleicht nun doch ein bisschen geworden.

Frauen leiden an der Männer-Partei

Aber den Frauen geht es um mehr als die morgige Familiendebatte. Das machen sie klar, als Westerwelle längst wieder in der Kulturdebatte sitzt. Sibylle Laurischk, Vorsitzende der Liberalen Frauen und Bundestagsabgeordnete, kritisiert, dass Frauen in den Gremien der Partei zu kurz kommen. "Im Wettbewerb mit anderen Parteien stehen wir bei der Frauenbeteiligung schlecht da", sagte sie gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Es kann nicht sein, dass auf der Kurfürstenliste nur eine einzige Frau ist." Die Kurfürsten sind die ersten Beisitzer im Bundesvorstand. Sie werden von den Landesverbänden vorgeschlagen.

Silvana Koch-Mehrin wundert sich, dass die Frauen "mit schlechteren Ergebnissen" gewählt werden als die Männer. Cornelia Pieper wurde gestern mit dem schlechtesten Ergebnis als stellvertretende Parteivorsitzende in ihrem Amt bestätigt: Nur 58,01 Prozent stimmten für sie.

Bei aller Kritik wertet Silvana Koch-Mehrin es als kleinen Erfolg, dass Guido Westerwelle zu den "Rabenmüttern" gekommen ist. Auf dem Bundesparteitag hat er sich nicht mehr umgezogen. Aber zum Joggen, das sicherte er seinen Parteifreundinnen zu, will er das Rabenmutter-T-Shirt anziehen.



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