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04. Mai 2012, 16:07 Uhr

FDP-Politiker bei Ahmadinedschad

Hübschers wundersame Reisegruppe

Der FDP-Lokalpolitiker Claus Hübscher sorgt mit seinem Besuch bei Präsident Ahmadinedschad für Empörung. Nun bemüht sich der Landtagskandidat um Schadensbegrenzung, den Despoten verurteilt er jetzt als Holocaust-Leugner. Doch auch seine Reisebegleitung bringt Hübscher in Erklärungsnot.

Berlin - Claus Hübscher fühlt sich von "einer Meute Wölfe und Hunde in die Ecke gedrängt". So beschreibt der FDP-Lokalpolitiker aus Delmenhorst in der "Nordwest-Zeitung" ("NWZ") die Welle der Empörung, die über ihn hereingebrochen ist, seit bekannt wurde, dass er während einer zehntägigen Reise nach Iran auch von Mahmud Ahmadinedschad empfangen wurde. Anschließend zeigte er sich überzeugt: Der Präsident sei kein Holocaust-Leugner.

Hübscher, immerhin Kandidat für den niedersächsischen Landtag, versucht seither zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist. Vom Treffen mit Ahmadinedschad habe er bei Antritt der Reise nichts gewusst, Iran nennt er ein "totalitäres System" - und überhaupt: "Von Ahmadinedschads Holocaust-Leugnungen, seiner Negierung des Existenzrechts und seinen Aufrufen zum Kampf gegen den Staat Israel distanziere ich mich in aller Deutlichkeit."

Ob das reicht? Quer durch alle Parteien schütteln sie den Kopf über Hübschers Visite in Teheran, bis in den Bundestag hinein. Und die FDP denkt ernsthaft nach über Konsequenzen für den "Liberalen ohne Rücksicht auf Verluste", wie sich Hübscher selbst genannt hat. Niedersachsens FDP-Chef Stefan Birkner bezeichnete die Reise als "in höchstem Maße irritierend". Ob sie zum Parteiausschluss oder zu anderen Konsequenzen führe, müsse sich zeigen, sagte Birkner der "NWZ". Am 14. Mai will sich der Bezirksverband mit Hübscher beschäftigen.

Dann wird der 65 Jahre alte Delmenhorster nicht nur das Treffen mit Ahmadinedschad und seine anschließenden Äußerungen erklären müssen - sondern wohl auch seine Reisegesellschaft. Denn die Bilder, die bei der Privataudienz entstanden, zeigen Hübscher in Begleitung einiger illustrer Persönlichkeiten, mit denen seine Parteifreunde vielleicht nicht unbedingt eine Bildungsreise unternehmen würden.

"Verschwörungstheoretiker" und "Aufdecker"

Organisiert hat die Reise Yavuz Özoguz. Er ist Vorsitzender des bundesweiten Vereins "Islamischer Weg", der es schon in diverse Verfassungsschutzberichte schaffte. Gleiches gilt für die von Özoguz betriebene Internetseite "Muslim Markt", die auch im Antisemitismusbericht der Bundesregierung erwähnt wird. Auf der Seite empört er sich, dass wegen der Iran-Reise "die Gegner Deutschlands, Rassisten, Faschisten, Kapitalisten, Imperialisten und Zionisten aus allen Rohren ihrer verkommenen Seelen Feuer spucken". Özoguz selbst dagegen schwärmt über die "große Gnade", die er genossen habe, "mit wunderbaren Menschen aus Deutschland" in Iran gewesen zu sein.

Zu den "wunderbaren Menschen" gehörte unter anderem der Autor und Journalist Jürgen Elsässer, einst beim Linksaußen-Blatt "konkret" und Mitbegründer der "Jungle World". Elsässer wird vorgeworfen, mit antikapitalistischen Thesen auch im rechtsextremen Milieu andocken zu wollen. Aus seiner Sympathie für Ahmadinedschad hat er in der Vergangenheit keinen Hehl gemacht - etwa als er dessen Wahlsieg 2009 bejubelte. Auf seiner Website spottet Elsässer über die Aufregung über Hübschers Iran-Reise: "Es war ja zu erwarten, dass unsere Iran-Reise den Kriegstreibern nicht gefällt, aber dass sie derart gaga werden, hätte ich dann doch nicht gedacht."

Ebenfalls in Teheran dabei: Elias Davidsson, Isländer mit jüdischen Wurzeln. Eigentlich Komponist, widmet er sich gerne Verschwörungstheorien, vor allem rund um die Anschläge des 11. September 2001, die er eine "gewaltige Lüge" nennt, ausgeführt von den amerikanischen Behörden. Islamistischer Terror ist für ihn ein "Mythos". Auch Autor Gerhard Wisnewski schüttelte Ahmadinedschad die Hand. Wisnewski schreibt für den rechtsesoterischen Kopp-Verlag, der über Ufos, angebliche Geheimbünde und vermeintliche Verschwörungen publiziert. In seinem jüngsten Werk "Das Titanic-Attentat" zieht Wisniewski in Zweifel, dass der Luxusdampfer wegen der Kollision mit einem Eisberg sank. Den Besuch beim iranischen Präsidenten rechtfertigt er auf seine Website mit den Worten, dass es "in Zeiten der Kriegshetze und Propaganda" darauf ankomme, "künstlich geschaffene Kluften zu überwinden, um Spannungen abzubauen".

Auch Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann berichten auf ihren Seiten beeindruckt von ihrer Reise nach Iran - und empören sich über die "erste Welle der Diffamierung gegen die Reisegruppe von Seiten der Kriegstreiber, die am Erhalt des Feindbildes Iran ein großes Interesse haben". Fikentscher und Neumann geben sich auch sonst aufklärerisch: So fragen sie sich, ob das Erdbeben von Japan, das 2011 den verheerenden Tsunami auslöste und Tausenden Menschen das Leben kostete, keine tödliche Naturgewalt war, sondern womöglich durch eine Art Strahlenwaffe ausgelöst wurde.

Insgesamt, so schreibt es Reiseleiter Özoguz, waren 16 Personen "unterschiedlichster Ausrichtung" dabei, sie seien zu Freunden geworden. Hübscher selbst sagte der "NWZ", es habe sich um Journalisten "harten Kalibers", um "Aufdecker" und "Verschwörungstheoretiker" gehandelt. Kennengelernt haben will er seine Gefährten aber erst bei einem Vorbereitungstreffen für die Reise.

Irans Präsident lobte die Zusammenkunft mit den Deutschen am vergangenen Sonntag mit blumigen Worten. In einer Mitteilung hieß es, Liebe und Gerechtigkeit seien die Verbindung zwischen allen Nationen. Das Treffen wurde von Teheran als Besuch von Mitgliedern des Vereins "Islamischer Weg" verkauft. Die FDP kam in der offiziellen Verlautbarung nicht vor. Die Liberalen werden darüber nicht unglücklich sein.

phw

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