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Rassismus »Kein Sprechverbot«

Die FDP-Politikerin Ria Schröder, 29, über die Abschaffung des Begriffs »Schwarzfahren«
Ein Interview von Timo Lehmann
aus DER SPIEGEL 29/2021
Kontrolleur des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV)

Kontrolleur des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV)

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

SPIEGEL: Frau Schröder, in Hamburg soll »Schwarzfahren« künftig »Fahren ohne gültige Fahrkarte« heißen. Wie blicken Liberale auf solche Sprachregeln?

Schröder: Wenn sich ein Unternehmen entscheidet, einen anderen Terminus zu verwenden, steht das dem Unternehmen frei. Damit wird kein Sprechverbot verhängt. Ich glaube, dass damit eine gesellschaftliche Debatte verbunden ist. Die finde ich gut. Auf der anderen Seite bin ich skeptisch, welchen Beitrag so eine Entscheidung zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft leistet.

SPIEGEL: Sprachwissenschaftler sagen, der Begriff »Schwarzfahren« habe mit der Hautfarbe von Personen nichts zu tun. Sollte man auch den Schwarzwald umbenennen?

Schröder: Der Schwarzwald hat keine negative Komponente. Schwarz ist ja nichts Schlechtes, genau darum geht es. Beim Wort Schwarzfahren ist das aber so, da bedeutet schwarz so etwas wie verboten oder falsch. Wenn sich Menschen dadurch diskriminiert fühlen, ist es lohnenswert, darüber nachzudenken. Aber wenn der HVV damit Diskriminierungen abbauen möchte, würde ich andere Instrumente vorschlagen, etwa anonymisierte Bewerbungen.

SPIEGEL: Handelt es sich bei »Schwarzfahren« aus Ihrer Sicht um einen rassistischen Begriff?

Schröder: Ich denke nicht, aber da sollten wir der betroffenen Gruppe zuhören. Als weiße Frau kann ich das nicht direkt beurteilen.

SPIEGEL: Wenn drei von hundert Personen sagen, sie fühlten sich diskriminiert, müssen wir dann die Sprachregelung für alle ändern?

Schröder: Es geht darum, eine Debatte zu führen. Wenn ein Großteil der Betroffenen den Begriff »Schwarzfahren« als rassistisch empfindet, weil er beispielsweise verwendet wird, um eine Gruppe herabzuwürdigen, dann sollten wir ihn nicht nutzen. Ich halte es aber nicht für zielführend, quasi aus einem vorauseilenden Gehorsam heraus die Wörterbücher durchzugehen und zu schauen, wodurch sich jemand vielleicht verletzt fühlen könnte.

Aus: DER SPIEGEL 29/2021

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SPIEGEL: Die Lufthansa verzichtet künftig auf die Ansprache an »Damen und Herren« und sagt nur noch »Guten Tag«, damit sich alle angesprochen fühlen. Ist das übertrieben?

Schröder: »Guten Tag« empfinde ich als eine angemessene Form der Begrüßung, auch »Moin« würde mir gefallen. Dass die Lufthansa damit auch Menschen des dritten Geschlechts miteinbeziehen möchte, finde ich vorbildlich. Es handelt sich zwar nur um eine kleine Gruppe, aber ich schätze einen respektvollen Umgang mit allen Mitmenschen.

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