Nikolaus Blome

FDP punktet bei Jungwählern Demut, Demut, Schadenfreude

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Bei Erstwählern sind FDP und Grüne gleich stark, offenbar gehen nicht nur Klimaschützer wählen. Fridays for Future sollte das zu denken geben: Vernunft schlägt Vereinnahmung.
Fridays-for-Future-Demo in Berlin (Archivbild)

Fridays-for-Future-Demo in Berlin (Archivbild)

Foto: Stefan Boness/Ipon / IPON / imago images

In den Tagen seit der Bundestagswahl ist häufig das schöne alte Wort der Demut gefallen. Adressiert waren zuvorderst natürlich die Wahlverlierer von CDU und CSU, aber auch die rot-grün-gelben Gewinner, die sich der Herausforderung einer nie dagewesenen Koalitionsbildung zu dritt stellen müssen. Sogar Markus Söder übte sich öffentlich in Demut, wenngleich in jener bajuwarisch-schmutzelnden Form, die wie ganz nebenbei den Rheinländer Armin Laschet noch einmal demütigte. Seltsam still blieb es hingegen in den Reihen der Klimaaktivisten, die noch wenige Tage vor der Bundestagswahl große Demonstrationen auf die deutschen Straßen und vor den Reichstag in Berlin gebracht hatten. Wer aber die Politik auf maximal breiter Front vor sich hertreiben will, sollte Wahlergebnisse gerade dann gut anschauen, wenn sie nicht ins eigene Weltbild zu passen scheinen. Regel No. 1: Der Wähler hat immer recht, face it.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte die Grünen für den größten Wahlgewinner. Die Partei hat rund 50 Stimmprozente im Vergleich zu 2017 hinzugewonnen, sie hat im Wahlkampf ihre kulturelle Dominanz über das Thema Klimaschutz für lange Zeit arrondiert, die anderen Parteien waren nur noch Funktion. Trotzdem reagierten viele Klimaschutzaktivisten enttäuscht bis mürrisch oder drohten ansatzlos mit einer Verschärfung der Gangart. »Die Politik muss sich jetzt ehrlich machen und die Menschen für den notwendigen, radikalen Klimaschutz gewinnen«, sagte etwa Luisa Neubauer von Fridays for Future (FFF) nach der Wahl.

Ich für meinen Teil dachte bislang, dass es gerade Wahlkämpfe und Wahlen sind, bei denen die Menschen für irgendetwas gewonnen werden sollen, und man hinterher guckt, ob sie sich tatsächlich dafür haben gewinnen lassen. Aus Sicht der Klimaaktivisten haben die Bürger nicht ausreichend gespurt, 85 Prozent von ihnen haben nicht einmal grün gewählt, haben also als unverbesserliche Weltzerstörer zu gelten, denen FFF nun Aktionen »zivilen Ungehorsams« ankündigt. Soll das heißen: Wer nicht hören will, muss fühlen? Manche jungen Leute klingen wirklich wie ihre eigenen Großeltern.

Dabei sollten die Brötchen eher einen Tick kleiner werden, so wie bei CDU/CSU. Bestimmte Aspekte des Wahlergebnisses legen nämlich nahe, die generationelle wie inhaltliche Alleinvertretungsbehauptung der Klimaaktivisten ist widerlegt, mithin das politmediale Geschäftsmodell in Gefahr. Wichtigster Punkt: Die FDP, kulturell wie habituell der Erzfeind von FFF, schnitt bei den Erstwählern so gut ab  wie die Grünen. Mit einem Anflug von Schadenfreude (auch ältere weiße Männer sind nur Menschen) lässt sich sagen, dass dieser Gleichstand FFF in etwa so sehr wehtun muss wie Hans-Georg Maaßen das Erlebnis, dass einer wie er nicht in den Deutschen Bundestag gewählt wird.

Könnte es sein, dass der moralisch übersättigte Unbedingtismus vieler Klimaschutzaktivisten langsam auch jüngeren Menschen auf den Zeiger geht?

Die jungen FDP-Wähler sind mutmaßlich keine Klimawandelleugner oder per se gegen (mehr) Klimaschutz. Dennoch kann sich eine Bewegung wie Fridays for Future nicht länger zu ihrer gesellschaftlichen Interessenvertretung hochbehaupten. Vorläufiges Fazit, ganz nüchtern: Es gibt sie halt nicht, die Jugend, und das ist vielleicht auch gar nicht so schlimm. Allerdings kann man dann nicht als die Stimme der Jugend ins Kanzleramt und die Talkshows gehen oder vor der Uno-Vollversammlung sprechen.

DER SPIEGEL

Auch bei den Wählern unter 30 Jahren insgesamt lagen die Liberalen nur knapp hinter den Grünen. Die Männer dieser Altersgruppe wählten eher FDP als Grüne, bei den Frauen war es umgekehrt. Luisa Neubauer gab »Zeit Campus« zu der Jungwähler-Frage ein schmallippiges Interview und schloss sich bei der Ursachenforschung einigen Gedanken an, wonach das (vermeintlich) arg leistungsorientierte deutsche Bildungssystem die jungen Menschen in ihr unverstehbares Wahlverhalten pro FDP getrieben hat. Tut mir leid, so klingen schlechte Verliererinnen. Ich habe eine andere Theorie.

Könnte es sein, dass der moralisch übersättigte Unbedingtismus vieler Klimaschutzaktivisten langsam auch jüngeren Menschen auf den Zeiger geht? Könnte es sein, dass das ungemein übellaunige Framing einfach überstrapaziert wurde, wonach beim Klimaschutz in Deutschland wegen der Saumseligkeit der Boomer »nichts passiert ist«. Aus dieser pauschalen Nichtigkeitserklärung destillieren Klimaaktivisten Wut und Wucht ihrer Forderungen, allein: Der CO2-Ausstoß in Deutschland wurde seit 1990 um rund 40 Prozent vermindert, was vor allem eines beweist: Das Wachstum von Wirtschaft, Einkommen, Renten und Jobs wurde erfolgreich vom CO2-Ausstoß entkoppelt, die gute alte soziale Marktwirtschaft hat die zentrale Bedingung für künftig klimaneutralen Wohlstand also bereits erfüllt.

Warum sollte sie dann nicht auch das Ziel erreichen oder die Demokratie im Verdacht stehen, dem Klimawandel nicht gewachsen zu sein? Vielleicht steht der quälende Pessimismus dieses Behauptungsbingos einfach quer zur eben doch noch sehr vitalen Lebens- und Zukunftsfreude vieler junger Wähler. Gerade ihnen, den Schulabschlussfeier-Versäumern, den Gap-Year-Auslassern, den Zurück-nach-Hause-Müssern, den einsamen Erstsemestern und Auszubildenden wurde in der Pandemie gesamtgesellschaftlich enormer Verzicht aufgebürdet. Er war weitgehend überzeugend begründet, aber die nächste Runde – etwa für nochmals beschleunigten Klimaschutz – wird es auch sein müssen. Vielleicht zählt in der Politik Handwerk ja doch mehr als Hybris, Vernunft mehr als Vereinnahmung. Mich würde es jedenfalls freuen.