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Politischer Aschermittwoch: Brüderle im Land der Dirndl und Denker

Foto: Armin Weigel/ dpa

Brüderle beim Politischen Aschermittwoch Im Land der Dirndl und Denker

Kann das gutgehen? Ausgerechnet im Heimatland des Dirndls muss Rainer Brüderle eine Aschermittwoch-Rede halten. Doch er umschifft alle Kalauerklippen und konzentriert sich auf die liberalen Kernthemen. Nur die politische Konkurrenz zieht er wie erwartet durch den Kakao.

Es war still geworden um Rainer Brüderle. Drei Wochen ist es her, dass der FDP-Spitzenmann mit einem plumpen Spruch über ein Dirndl eine Sexismus-Debatte in Deutschland losgetreten hat. Jetzt ist er in Niederbayern, der Heimat des Dirndls, und muss eine politische Aschermittwoch-Rede halten. Das bedeutet: Dauerkalauer, markige Sprüche und handfeste Schenkelklopfer. Da kann sich auch ein Rainer Brüderle leicht verplappern.

Etwa eine Stunde vor seinem großen Auftritt huscht Brüderle in den großen Saal der Stadthalle Dingolfing. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Bayerns Vizeministerpräsident Martin Zeil haben sich bei ihm untergekeilt und führen ihn durch eine Traube von Reportern und FDP-Anhängern. Auch Frauen im Dirndl gehen in dem Pulk mit. Vorsichtig schüttelt Brüderle ihre Hände. Dann sieht er das Kameralicht vor ihm und posiert. Stolz will er präsentieren: Brüderle is back.

Doch bei aller Dirndl-Gefahr - für "das Gesicht und den Kopf" der Liberalen ist es ein weitgehend unproblematischer Termin in Niederbayern, das weiß auch Rainer Brüderle. Vizeministerpräsident Zeil begrüßt ihn liebevoll "im Land der Dirndl und Denker". Der Saal tobt. Brüderle habe sich in den langen Jahren in der Politik "nie vom Volk entfernt, wie andere Volksvertreter". "Deshalb mögen dich die Menschen, und deshalb mögen gerade wir in Bayern solche Mannsbilder wie dich."

Sexismus-Debatte, war da was?

Auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hudelt kräftig Lob für den FDP-Spitzenmann. Egal ob bei der Vorratsdatenspeicherung, der Schlecker-Pleite oder in Sachen Opel, sagt die Ministerin, "lieber Rainer, du hast gesagt, die FDP hat die Union besser gemacht. Und das stimmt: im Bund wie im Land."

Sexismus-Debatte, war da was? Nicht in Niederbayern. Stattdessen: Standing Ovations für Rainer Brüderle.

Bis der auf die Bühne kommt, dauert es allerdings einen Moment. Zeil hat überzogen, und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lässt sich für ihre Rede feiern. Fast hat man das Gefühl, alle Lobeshymnen seien gesungen. Das Klatschen und die Blaskapelle klingen auch schon deutlich müder als noch am Anfang.

Doch Rainer Brüderle darf nicht müde werden. Es ist politischer Aschermittwoch, und er ist der Haupt-Act. Er muss liefern.

Für einen Moment steht Brüderle auf der Bühne und sagt nichts, lässt die Blasmusik im Hintergrund weiterdudeln. "Liebe Freunde und Freundinnen der Freiheit", beginnt er seine Rede - und dann geht er mit Lust an der Attacke auf die Opposition in Bayern und im Bund los. Ganz egal, ob Peer Steinbrück ("Dieser Möchtegern-Sparkassen-Direktor!"), Münchens Bürgermeister Christian Ude oder SPD-Bayernchef Florian Pronold ("Der ist so farblos, der könnte bei Obi als weiße Tapete sofort anfangen."). Giftig spottet er über Steinbrücks Hausbesuche, "die mit dem Eierlikör": "Bist du öde in der Bude, hol dir Steinbrück, Pronold und Ude." Das Publikum grölt, donnernder Applaus. Das hat gesessen. Die FDPler in Dingolfing sind wieder etwas wacher und Rainer Brüderle einen Schritt weiter auf dem Weg zu seinem Comeback.

"Stolz auf meine liberale Familie"

Wenn man Brüderle so lauscht, wirkt es, als ob die FDP gar keine Probleme hätte. Immer wieder spult er sein Mantra vergangener Reden ab, redet über die Geldwertstabilität, die endlich im Grundgesetz verankert werden müsse, und beschwört, dass er stolz sei "auf meine liberale Familie", die bei den letzten drei Landtagswahlen "überaus erfolgreich" gewesen sei. "Bayern braucht Gelb" steht an Rainer Brüderles Rednerpult, aber die Wahrheit ist wohl, dass die Gelben erst einmal Wähler brauchen: Nach jüngsten Umfragewerten wären die Liberalen weder im Landtag in München noch im Bundestag vertreten.

Doch das stört Brüderle an diesem Mittag wenig. Er wettert weiter gegen die anderen, diesmal gegen die "Solarlobbyisten der Grünen". "Die predigen Müsli und fressen Kaviar", sagt Brüderle. Und Jürgen Trittin? Der schwebe zwischen Arroganz und Ignoranz. "Mao trifft Dosenpfand", urteilt Brüderle. Der FDP-Fraktionschef zündet einen Kalauer nach dem anderen. Zumindest in der Stadthalle in Dingolfing denkt jetzt keiner mehr an Sexismus.

Und wohl auch nicht an den Parteivorsitzenden Philipp Rösler: In 47 Minuten Redezeit lässt Brüderle nicht einmal den Namen seines Vorgesetzten fallen.

Am Ende bekommt Brüderle ein Fußballtrikot überreicht. Darauf steht "Sturmspitze" - sein neuer Name für den Wahlkampf. Dann ist Brüderle auch schon wieder weg - und macht das, was er außerhalb der Stadthalle in Dingolfing in den vergangenen Wochen am besten gelernt hat: sich verstecken.

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