Überwältigende Mehrheit Der glückliche Präsident

Die Anspannung war ihm anzumerken - aber am Ende des Tages ist Joachim Gauck ein glücklicher Mann: Mit überwältigender Mehrheit wurde er zum Bundespräsidenten gewählt. Nun will das neue Staatsoberhaupt selbst seine Gegner überzeugen.
Überwältigende Mehrheit: Der glückliche Präsident

Überwältigende Mehrheit: Der glückliche Präsident

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Berlin - Wie er da so sitzt, zwischen dem CDU-Politiker Peter Altmaier und der Grünen Renate Künast, sieht er klein aus. Versunken wirkt Joachim Gauck, als würde ihn der historische Augenblick in den Stuhl drücken. Als das Ergebnis seiner Wahl vom Bundestagspräsidenten um 14.20 Uhr verkündet wird, greift er recht und links die Hände von Altmaier und Künast. Es wirkt wie eine Geste der Demut.

Joachim Gauck, 72 Jahre alt, ist in diesem Augenblick der erste Ostdeutsche an der Spitze der Bundesrepublik. Genau an diesem 18. März, vor 22 Jahren, gab Gauck seine Stimme bei den ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR ab. Damals war er 50, ein Mann der Bürgerbewegung, aber doch einer unter vielen.

Jetzt ist er Bundespräsident, Repräsentant des geeinten Deutschland, elftes Staatsoberhaupt der Republik.

Die Kanzlerin, Ostdeutsche wie Gauck, ist eine der Ersten, die ihm gratuliert. Es ist eine freundliche, aber reservierte Geste. Ein Handschlag, keine Umarmung - wie damals bei Christian Wulff. Angela Merkel wollte Gauck nicht, sie hatte vor 20 Monaten auf Wulff gesetzt. Doch mit ihrem Kandidaten ist es im Schloss Bellevue gründlich schiefgegangen, nun muss die CDU-Chefin mit Gauck leben. Wie sie in diesem Moment zusammenstehen, ergibt das ein merkwürdiges Paar - noch zu Gaucks 70. Geburtstag hatte Merkel eine Eloge auf ihn gehalten.

Beiläufiger Handschlag mit FDP-Chef Rösler

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Entscheidung in Berlin: Glückwünsche für den neuen Bundespräsidenten

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Dass Gauck an diesem Tag überhaupt im Plenarsaal steht und nun Hunderte Gratulationen entgegennimmt, hat er nicht nur SPD und Grünen zu verdanken, die an ihm festhielten. Es waren vor allem die Liberalen, die sich gegen Merkel in der Kandidatenfrage durchsetzten. Doch der Handschlag mit FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler fällt nicht nur etwas linkisch aus, sondern wirkt fast beiläufig.

Vielleicht liegt es ja auch nur an der Anspannung Gaucks.

Sonntagmorgen, 9 Uhr. In der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt, im Volksmund französischer Dom genannt, treffen sich zur Feier der Bundespräsidenten-Wahl Hunderte Wahlfrauen und -männer zum ökumenischen Gottesdienst. Joachim Gauck sitzt mit seiner Partnerin Daniela Schadt in der ersten Reihe. Sein Blick ist oft auf den Boden gerichtet, er wirkt in sich gekehrt, sehr konzentriert. Später wird der ehemalige Pfarrer im Gespräch mit Journalisten sagen: "Ich habe das gebraucht." Er meint den Schutz der Kirche, den Segen, den göttlichen Beistand.

Der Druck ist riesig. Am Nachmittag wird er nicht mehr der Mann sein, der ein schöner Präsident hätte sein können, damals im Sommer 2010. Vorbei mit dem Konjunktiv. Nun ist er der Mann, der als Präsident all die Erwartungen einzulösen hat. Sicherheitshalber bittet Gauck schon mal um Nachsicht: "Ganz sicher werde ich nicht alle Erwartungen, die an meine Person und meine Präsidentschaft gerichtet wurden, erfüllen können."

Aber er will schon liefern. Eben hat Gauck die Bundespräsidenten-Wahl im Reichstag angenommen, da legt das neue Staatsoberhaupt los. Natürlich geht es in seiner ersten kurzen Rede um die Freiheit. Gaucks Stimme wirkt ein wenig brüchig. Auch wenn er später sagt, es gebe ja schon Leute, die "meine Tränen zählen, heute war keine dabei". Aber es ist schon so, dass ihn dieser Moment packt. "Was für ein schöner Sonntag", sagt Gauck und erinnert an jenen Wahltag am 18. März 1990 in der DDR. Damals habe er sich geschworen: "Ich werde niemals, niemals eine Wahl versäumen." Es ist ein Satz, der im gesamten Plenum mit Applaus und Lachen aufgenommen wird.

Gauck kann sich nicht ohne die Freiheit denken

Gaucks Botschaft ist schlicht und eindringlich: Die Wahlfrauen und -männer hätten einen Präsidenten gewählt, der "sich selbst nicht denken kann ohne diese Freiheit und der sich sein Land nicht vorstellen mag und kann, ohne die Praxis der Verantwortung". Schon in seiner ersten Rede trifft Gauck seinen ganz eigenen Ton: "Es ist unser Land, in dem wir Verantwortung übernehmen, wie es auch unser Land ist, wenn wir die Verantwortung scheuen."

Joachim Gauck weiß, welche Skepsis ihm manche entgegenbringen, ihm vorhalten, all zu sehr auf das Freiheitsthema abzuheben. Etwa 80 Prozent der 1228 gültigen Stimmen entfielen auf Gauck, das ist eine überwältigende Mehrheit in der Bundesversammlung. Doch die 126 Stimmen für die Linken-Kandidatin Beate Klarsfeld und vor allem die 108 Enthaltungen zeigen, dass längst nicht alle vom neuen Präsidenten überzeugt sind. Auch nicht in der Gesellschaft.

Vor allem die relativ hohe Zahl der Enthaltungen war so nicht erwartet worden. Gauck sagt: "Das ist für mich ein Ansporn." Er will auch seine Kritiker überzeugen. In seiner Rede macht Gauck das Versprechen, er werde sich "neu auf Themen, Probleme und Personen einlassen", auf eine Auseinandersetzung auch mit Fragen, "die uns heute in Europa und der Welt bewegen".

Vielleicht können ihm dabei auch seine Enkel helfen. Die dürfen am Abend, bei der privaten Bundespräsidenten-Feier in einem West-Berliner Restaurant, dann endlich komplett dabei sein. Denn einige Enkel und andere Verwandte aus dem weitläufigen Gauck-Clan hatten keine Karten für die Besuchertribüne im Bundestag bekommen. Nur 15 Tickets gab es dort für die Gaucks - der Rest musste in einem Reichstagszimmerchen per Leinwand verfolgen, wie ihr berühmtestes Familienmitglied zum Staatsoberhaupt gewählt wurde.

Im kleinen Kreis geht dann ein langer Sonntag zu Ende. Nach der Bundesversammlung noch zahlreiche Fernsehinterviews, anschließend ein Essen mit den Fraktions- und Parteichefs der ihn unterstützenden Parteien im Alten Zollhaus in Berlin-Kreuzberg, schließlich die private Zusammenkunft. Dann wird es wohl auch endlich den "Absacker" geben, von dem Gauck am Nachmittag schon voller Vorfreude spricht.

Und irgendwann werde er ins Bett sinken, sagt Joachim Gauck, "glücklich und erschöpft".

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