Bundeswehr 18 Schweinswale nach Minensprengung in der Ostsee tot

Vor einem Nato-Mänover hat die deutsche Marine 39 Seeminen gesprengt - in einem der wichtigsten Schweinswalgebiete in Deutschland. Danach waren 18 Säuger tot. Der Naturschutzbund spricht von Rechtsbruch.

Allein eine Mine reißt einen circa fünf Meter breiten und 1,5 Meter tiefen Krater in den Meeresboden
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Allein eine Mine reißt einen circa fünf Meter breiten und 1,5 Meter tiefen Krater in den Meeresboden

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Mehr als 40 Schiffe und 3000 Soldaten aus 18 Ländern waren an der Nato-Großübung "Northern Coasts" im September dieses Jahres beteiligt. Im Vorfeld sollte beseitigt werden, was übrig ist aus der Zeit, als Deutschland und der Rest der Welt noch verfeindet waren: 42 britische Seeminen aus dem Ersten Weltkrieg.

Am 29. August wurden die Grundminen vom Typ MK 1-7 in der Ostsee gesprengt. 39 davon lagen auf dem Grund des Fehmarnbelts, Meeresschutzzone und eines der drei wichtigsten Schweinswalgebiete in Deutschland. Hier werden seit Jahren die meisten Mutter-Kalb-Paare von Schweinswalen in der deutschen Ostsee gesichtet. 18 der Säugetiere wurden in den Wochen nach der Minensprengung tot aufgefunden, schreibt der Naturschutzbund (Nabu) auf seiner Website.

Noch steht nicht fest, woran die Tiere gestorben sind. Die Todesursache werde unter anderem an der Hochschule in Hannover untersucht, ist beim NDR zu lesen, der zuerst über den Fall berichtet hatte.

"Da besteht vermutlich ein Zusammenhang, sicher ist das aber nicht", sagte ein Marine-Sprecher am Samstag dem SPIEGEL.

Bis zu 30 Meter Zerstörungsradius

Erwiesen ist jedoch, dass eine der Minen einen circa fünf Meter breiten und 1,5 Meter tiefen Krater in das geschützte Riff gerissen hat. Im Umfeld von 10 bis 30 Metern um den Krater wurde alles marine Leben zerstört. So schreibt es die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen zu dem Thema (BT-Drucksache 19/13878). Übertragen auf 39 Sprengungen ergebe das eine Fläche von 27 Fußballfeldern, rechnet eine der Fragestellerinnen, die Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke, auf ihrer Website vor.

Der Naturschutzbund wirft der Bundeswehr deshalb Rechtsbruch vor. Denn laut Bundesnaturschutzgesetz müssen Bund und Länder die Naturschutzbehörden unterrichten über Maßnahmen, die den Naturschutz berühren können. Außerdem muss vor derartigen Sprengungen eine Verträglichkeitsprüfung erfolgen und eine Schadensbegrenzung mit den zuständigen Naturschutzbehörden abgestimmt werden.

"Alles marine Leben zerstört": Ostsee-Schweinswal vor Dänemark
DPA

"Alles marine Leben zerstört": Ostsee-Schweinswal vor Dänemark

Als "beste verfügbare Technik" zum Schutz der Tiere und "beste Umweltpraxis" gilt laut Bundesregierung der Blasenschleier. Dabei werden Druckluftschläuche um die Räumungsstelle gelegt, die daraus aufsteigende Luft erzeugt einen Lärmschutzwall unter Wasser, um hörempfindliche Meeressäuger zu schonen. Die Installation wäre jedoch angesichts der instabilen Sprengsätze zu gefährlich gewesen, so der Marine-Sprecher. Untersuchungen hätten ergeben, dass der Sprengstoff in den Minen längst kristallisiert war. Das mache die Minen besonders gefährlich.

Auch ein Verschleppen der Minen in flaches Gewässer wäre daher unmöglich gewesen, heißt es. Die Bestimmungen der Bundeswehr zum Artenschutz einschließlich Vergrämungsmaßnahmen seien jedoch eingehalten worden, so der Sprecher.

Nabu kritisiert "Komplettversagen der Politik"

Für Nabu-Chef Leif Miller zeigt der Vorfall im Fehmarnbelt dennoch, dass die Marine geltendes Naturschutzrecht ignoriert und über unzureichende Umweltstandards verfügt. Er stehe exemplarisch für "das Komplettversagen der Politik im Umgang mit dem Problem der Kriegsaltlasten", ist auf der Nabu-Webseite zu lesen.

Brisant ist zudem der Zeitpunkt der Sprengungen im Spätsommer. "In der für die Fortpflanzung von Schweinswalen sensiblen Reproduktionszeit", wie es in der Antwort der Bundesregierung heißt. Sie verteidigt den Zeitpunkt der Sprengung mit der günstigen Gelegenheit. "Durch die Anwesenheit des Nato-Minenabwehrverbands in dem entsprechenden Seegebiet bestand durch die gezielte Sprengung die sofortige Möglichkeit zur Abwehr von Gefahr für Leib und Leben."

Laut Auskunft der Marine befinde sich der Nato-Minenabwehrverband in der Gegend aber quasi im Dauereinsatz. Das ist auch nötig, denn allein auf deutschem Gebiet sollen insgesamt 1,6 Millionen Tonnen an konventionellen und 300.000 Tonnen chemischer Waffen in der Ost- und Nordsee liegen. Aus der Grünen-Anfrage geht außerdem hervor, dass die Munition bereits 2016 entdeckt worden war.

Nicht zuletzt deshalb kritisiert der Nabu die fehlende Einbindung der Naturschutzbehörden als Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz.



insgesamt 170 Beiträge
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Seite 1
Patenting 23.11.2019
1. Fakten ?
Zitat: Noch steht nicht fest, woran die Tiere gestorben sind. Die Todesursache werde unter anderem an der Hochschule in Hannover untersucht, ist beim NDR zu lesen
der Pöter 23.11.2019
2. Erst machen,
dann nachdenken. Das einzige, was beim Bund noch klappt.
willibrand 23.11.2019
3.
und wer übernimt die politische Verantwortung ( nicht Frau Merkel)
ebbe1sand 23.11.2019
4. Dumm
Der Mensch. Das dümmste Tier auf Erden!
darthmax 23.11.2019
5. Traurig
Für die Wale, dies kratzt aber nur an der Oberfläche. Im Gerangel um den Umweltschutz hat noch keine Partei einen Vorschlag gemacht, wie die Giftgasgranaten entsorgt werden können und nach 70 Jahren hat man auch noch nicht damit begonnen. Das ist aber Umwelrschutz der uns selbst betrifft und nicht die Regenwälder, für die man so gern protestiert.. Noch nicht geschafft.
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