Feindbilder Feinstaub­belastungs­leugner

Der Grenzwertezirkus hat ein neues Feindbild: Menschen, die nicht an die schlimmen Folgen des Feinstaubs glauben. Dabei gibt es gute Gründe zur Skepsis. Wo ist die Gefahr am größten? Nein, es ist nicht die Verkehrsinsel.

Umweltzone in Stuttgart
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Umweltzone in Stuttgart

Eine Kolumne von


In der "Zeit" stand neulich ein langer Artikel über die Gefahren des Alkohols. Die Wissenschaft ist sich uneinig, welche Auswirkungen der regelmäßige Genuss alkoholischer Getränke auf die Gesundheit hat. Einer der zitierten Wissenschaftler, der, für mich nicht ganz überraschend, in Deutschland lebt, vertritt die Ansicht, dass jeder Schluck Wein ein Schluck zu viel sei. Ein von ihm im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlichter Text trägt den Titel: "Konsum bedeutet immer Risiko".

Dem Satz würde ich vorbehaltlos zustimmen. Leben heißt, dass man irgendwann an irgendetwas stirbt, das ist nahezu unweigerlich so. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass man sich nicht verrückt machen sollte. Das ist die tröstliche Nachricht.

Der Gesundheitsforscher meinte den Satz allerdings erkennbar anders, nämlich als Aufforderung zur Risikovermeidung. Er plädiert für Nulltoleranz bei alkoholischen Getränken, weil man nicht ausschließen kann, dass Alkohol auch in sehr geringen Mengen zu Herzschäden, Schlaganfall oder Krebs führt.

"Konsum bedeutet immer Risiko", ist das passende Motto für Leute, die sich am liebsten verkriechen. Es lässt sich auf alles anwenden, was einem gefährlich erscheint. Selbst Kräutertee steht inzwischen im Verdacht, unerwünschte Nebenwirkungen zu produzieren. Erhöhtes Krebsrisiko wegen "unerwartet hoher Gehalte an Pyrrolizidinalkaloiden", meldete eine große Zeitung. Kinder, Schwangere und Stillende sollten ihre Teetassen öfter mal leer lassen, lautete die Empfehlung.

Wie ist das mit der Unvoreingenommenheit?

Niemand zieht bei einer Glaubensbewegung so viel Wut auf sich wie der Häretiker. Vor einer Woche haben sich mehr als hundert Lungenärzte mit einem Aufruf zu Wort gemeldet, weil sie nicht glauben, dass Feinstaub und Stickoxid so schädlich sind, wie überall zu lesen steht. Nun wird mit großem Aufwand zu beweisen versucht, dass es sich bei den Unterzeichnern um Leute handelt, die entweder verblendet sind oder von der Industrie gekauft.

Einer der Initiatoren hat als Ingenieur an der Entwicklung von Dieselmotoren mitgearbeitet. Das wurde groß herausgestellt, so als erledigten sich damit auch die Einwände der Pneumologen, die eine Überprüfung der Grenzwerte für angezeigt halten. Genauso gut könnte man fragen, wie viele Ärzte, die an die unmittelbare Schädlichkeit von Feinstaub und Stickoxid glauben, bei den Grünen oder einem der unzähligen Umweltverbände Mitglied sind. Auch das könnte man als Beleg für mangelnde Unvoreingenommenheit werten. Aber so läuft das nicht.

Es gibt bereits ein neues Wort für Leute, die Feinstaub nicht ernst nehmen: "Feinstaubbelastungsleugner". Der Podcaster und Grimme-Preisträger Tilo Jung hat es in die Welt gesetzt. Ich bin sicher, dem Begriff steht eine große Karriere bevor. Noch zehn Tage, und das Umweltbundesamt legt eine Broschüre auf, warum man Journalisten nicht trauen kann, die Stickoxid- und Feinstaub-Grenzwerte anzweifeln.

Das Umweltbundesamt hat mit solchen Broschüren Erfahrung. Vor fünf Jahren traf es Journalisten und Wissenschaftler, die Meldungen zum Klimawandel für übertrieben gehalten hatten. Sie wurden namentlich als "Klimawandelskeptiker" aufgeführt, die Positionen vertreten würden, die nicht mit dem Kenntnisstand der Klimawissenschaft übereinstimmten.

Je nähe r man sich mit der Materie befasst, desto komplizierter wird es

Was mich an der Grenzwertediskussion überrascht, ist, dass sich auch Menschen, denen man einen Hochschulabschluss zutraut, erkennbar schwertun, zwischen Korrelation und Kausalität zu unterscheiden. Es ist unstrittig, dass Leute, die an einer Hauptverkehrsstraße wohnen, häufiger an Krankheiten leiden als Stadtmenschen, die das Glück haben, ein Häuschen in einer ruhigen Nebenstraße zu besitzen. Der Laie (und wie sich zeigt, auch eine Reihe von Experten) zieht daraus den Schluss, dass es der Autoverkehr sein muss, der die Hauptstraßenanwohner vorzeitig ins Grab bringt. Was zur Ursache erklärt wird, ist aber möglicherweise nur ein scheinbar kausaler Zusammenhang. Mindestens so plausibel ist eine andere Erklärung.

Wer seine Wohnung direkt an einer verkehrsreichen Straße hat, gehört mit einiger Wahrscheinlichkeit zu den weniger privilegierten Menschen. Mit Armut geht oft ein altersverkürzender Lebensstil einher. Es wird mehr geraucht und getrunken, arme Menschen ernähren sich häufig auch schlechter als wohlhabendere und treiben weniger Sport. Um zu einer verlässlichen Aussage über die Gefährlichkeit von einem Umweltgift wie Stickoxid zu kommen, müsste man die Bürger also nach dem Zufallsprinzip über die Stadt verteilen. Leider geht so ein Experiment bei keinem Stadtrat durch.

Stimmenfang #84 - Tempolimit und Fahrverbote - droht jetzt der Aufstand im Autoland?

Je näher man sich mit der Materie befasst, desto komplizierter wird es, was bei einem Teil des politischen Publikums die Unlust erklären mag, den Dingen auf den Grund zu gehen. Bis heute ist es ein Rätsel, warum in vielen Städten nach Einrichtung von Umweltzonen die Feinstaubwerte nicht wie erwartet gesunken, sondern gestiegen sind.

Ohnehin ist das Risiko, sich eine Feinstaublunge zu holen, dort am höchsten, wo es die wenigsten vermuten. Was ist, die Konzentration von Feinstaubpartikeln in der Luft betreffend, der gefährlichste Ort in Deutschland? Nein, es ist nicht die Verkehrsinsel und auch nicht das Autobahnkreuz. Es ist, Sie werden es nicht glauben, die U-Bahn-Station. Bremsabrieb in einem nach oben hin geschlossenen Raum: Schlimmer geht's nicht, wie ich am Wochenende meiner Sonntagszeitung entnommen habe.

Ich warte jetzt auf die Sperrung aller U-Bahnhöfe Deutschlands. "ÖPNV tötet" - das kann doch die Politik nicht ruhen lassen!

insgesamt 472 Beiträge
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Olaf 31.01.2019
1. Nicht denken! Fühlen!
Das ist das Motto der Zeit. Vernunft ist etwas für alte, weiße Männer.
nachdenklich1 31.01.2019
2. Eine interessante Manipulation
gesperrt werden die Diesel wegen NO2, aber wer gegen diesen willkürlichen NO2-Grenzwert von 40 ist, ist ein Feinstaubleugner. Wobei der Diesel in Sachen Feinstaub völlig normal ist, sondern im Gegenteil.... Reifenabrieb=Feinstaub haben auch E-Autos.
ebill 31.01.2019
3.
Herr Fleischhauer hat die - vollkommen korrekte - Argumentation von Herrn Köhler offenbar verstehen und sogar wiedergeben können. Wieso gelingt das vielen Medizinern, Wissenschaftler und - natürlich - Politikern nicht? Wenn man Untersuchungen in einer bestimmten Population anstellt - hier - Anwohner befahrener Straßen - muss man selbstverständlich berücksichtigen, welche anderen Faktoren auf diese Population einwirken. Eine epidemiologische Studie oder auch z.B. eine Arzneimittelstudie, die das nicht tut, ist einfach wertlos und vollkommen beliebig!
Amadablam 31.01.2019
4. Weiter so!
Bitte mindestens einmal am Tag den Weltuntergang ausrufen! Wir sind ja seit mindestens 50 Jahren "on the eve of destruction" - seither ist die Lebenserwartung allerdings nicht unerheblich gestiegen.
caligus 31.01.2019
5. Klare Sache ...
... gegen Deutschlands U-Bahnen muss ein absolutes und dauerhaftes Fahrverbot erlassen werden, bis diese feinstaubfrei bremsen können.
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