Feinstaubbelastung München ist schmutziger, als die EU erlaubt

Zum ersten Mal hat eine Stadt in Deutschland die pro Jahr zulässig Feinstaubbelastung erreicht. In München lag der Tageswert zum 35. Mal über 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, dem Grenzwert der EU. Einer EU-Studie zufolge sterben wegen der Luftverschmutzung jedes Jahr 65.000 Menschen einen zu frühen Tod.


München: Staubige Luft kann zu schweren Erkrankungen führen
DPA

München: Staubige Luft kann zu schweren Erkrankungen führen

München/Augsburg - Der EU-Tagesgrenzwert wurde an der Messstation Landshuter Allee gestern bereits zum 35. Mal in diesem Jahr übertroffen, wie das Landesamt für Umweltschutz in Augsburg am Morgen mitteilte. Erlaubt sind nach den seit 1. Januar geltenden Richtlinien der Europäischen Union nur 35 Überschreitungen im gesamten Jahr.

Feinstaub kann unter anderem Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Lungenkrebs verursachen. Die Luftbelastung mit Feinstaub führt in Deutschland einer EU-Studie zufolge jährlich zu mehr als 65.000 vorzeitigen Todesfällen.

Die EU-Kommission werde eine dauerhafte Nichtbeachtung der Brüsseler Vorgaben nicht hinnehmen, sagte eine Sprecherin der Behörde vor wenigen Tagen der "Welt". Blieben Maßnahmen der Städte und Kommunen zur Einhaltung der Grenzwerte aus, werde die Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einleiten.

Nach Angaben des Bayerischen Umweltministeriums in München war die Luftsituation während der Woche von Hoch- und Tiefdruckeinflüssen und unbeständigen Witterungsabschnitten geprägt, bei denen sich Sonne, Regen und Sturm abwechselten. Die erneute Überschreitung des Feinstaub-Wertes sei durch diese meteorologische Situation unterstützt worden, hieß es.

Die drohend Überschreitung der Grenzwerte hatte in den vergangenen Wochen bereits zu Streit über Gegenmaßnahmen geführt. Während Grünen-Politiker auch die Möglichkeit einer City-Maut befürworten, um die Innenstädte vom Verkehr zu entlasten, forderte der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf längerfristige Maßnahmen. So haben Schnappaufs Angaben zufolge die zehn am meisten gefährdeten Städte Bayerns bereits Luftreinhaltepläne vorgelegt, die unter anderem den Bau von Umgehungsstraßen und Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr vorsehen. Politiker aller Parteien fordern den verstärkten Einsatz von Rußpartikelfiltern bei Dieselfahrzeugen.

In München wird die Einführung einer City-Maut abgelehnt. Die Stadt verweist auf einen überdurchschnittlich hohen Nutzungsgrad von 80 Prozent im öffentlichen Nahverkehr. Entlastung soll unter anderem die Umstellung von öffentlichen Bussen auf Erdgasbetrieb und die Verkürzung des S-Bahn-Takts bringen. Umweltminister Schnappauf kritisierte zudem, dass es Anzeichen gebe, dass zunehmend Lastwagenfahrer den Weg durch die Stadt nutzten, um die mautpflichtige Autobahnumfahrung Münchens zu umgehen.

Auch in Düsseldorf droht in Kürze die kritische Überschreitung des Grenzwertes. Damit werde die Kommune mit einem Aktionsplan auf die zu hohen Schadstoffwerte reagieren müssen, sagte Regierungspräsident Jürgen Büssow (SPD). Vorgesehen sind Einschränkungen für den Schwerlastverkehr auf einer städtischen Nord-Süd-Achse bis hin zu Teil- und Vollsperrungen der Hauptverkehrsstraße für alle Fahrzeuge. Ebenfalls eine Straßensperrung für den Schwerlastverkehr erwägt die Stadt Dortmund. Auf einer Zufahrtsstraße zu einem Knotenpunkt sei der Grenzwert für die Feinstaubbelastung seit Jahresbeginn an 26 Tagen überschritten worden, sagte ein Sprecher des Umweltamtes.

Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) kritisierte, auch durch die Einführung von Rußpartikel-Filtern bei Diesel-Autos könnten die Grenzwerte nicht eingehalten werden. Die Luft sei durch zu viele andere Faktoren wie Industrie oder Heizungsanlagen grundsätzlich zu sehr mit Feinstaub belastet. "Selbst wenn wir Straßen dicht machen würden, hätten wir weiter eine hohe Belastung", sagte Sander.

Die vor Jahren beschlossene EU-Richtlinie war vom deutschen Gesetzgeber in deutsches Recht umgesetzt worden. Das Bundesumweltministerium hatte darauf hingewiesen, dass die Länder und Kommunen für die Mittel zur Luftreinhaltung zuständig sind.



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