Fernsehauftritt Steinmeier stolpert durch die Bürgersprechstunde

Es war kein Glanzauftritt: Beim "Townhall Meeting" von SPIEGEL TV und RTL hatte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier einen schweren Stand. Auf Fragen antwortete er mit länglichen Erläuterungen, auf Polarisierung verzichtete er vollends. Zwei Lacher retteten indes den Abend.

Berlin - Es hinterlässt mitunter seine Spuren, wenn man sich sein Leben lang vor allem mit Ministerialbeamten auseinandersetzen musste.

Bei Frank-Walter Steinmeier ist das am Sonntagabend gleich zu Beginn der Bürgersprechstunde von RTL und SPIEGEL TV zu beobachten. Wie denn seine "sonstige Belastungssituation" sei, will der SPD-Kanzlerkandidat von Richard Rohse wissen, der kürzlich nach 30 Jahren bei Hertie seinen Arbeitsplatz verlor und Steinmeier um Rat bittet. "Belastungssituation?", fragt Rohser verwirrt. Na, ob er zum Beispiel noch ein Haus abbezahlen müsse, erklärt Steinmeier. Achso. Ja, müsse er. 1300 Euro monatlich.

Steinmeier und Moderatorin Gresz: Verpasste Chance für den Kandidaten

Steinmeier und Moderatorin Gresz: Verpasste Chance für den Kandidaten

Foto: DDP

"Zuschauer fragen - Frank-Walter Steinmeier antwortet", lautet der Titel des nach US-Vorbild konzipierten "Townhall Meeting" - und das Verständigungsproblem mit Herrn Rohse deutet gleich zu Beginn an, dass der Fernsehtermin nicht einer seiner Glanzauftritte werden wird. Dabei hätte durchaus die Chance dazu bestanden.

Denn die beherrschenden Themen im Studio - Arbeit, Wirtschaft und Steuern - sind eigentlich ganz nach seinem Geschmack. Neulich hat er dazu ein Konzept vorgestellt, den Deutschland-Plan, in dem er alle drei Bereiche bündelt und seine Vision der "Arbeit von morgen" entwirft. Ein ambitioniertes Papier mit dem Ziel, bis 2020 vier Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. In der Industrie, der Gesundheitsbranche und der so genannten Kreativwirtschaft.

Am Sonntag gibt es einige Gäste, die dazu ein paar Fragen haben: Dauerpraktikanten, Arbeitslose, genervte Sozialdemokraten. Steinmeier erklärt auch vieles, genau das aber ist auch eine seiner Schwächen des Abends: Er verliert vor lauter Erläuterungen die konkreten Fragen aus den Augen.

Ob denn die Abwrackprämie noch einmal verlängert würde, will ein Schlosser wissen, der momentan in Kurzarbeit ist. Ein guter Anlass, erst einmal die Arbeit der Bundesregierung zu loben, findet Steinmeier. Schließlich seien Abwrackprämie und Kurzarbeit ja zwei der Instrumente, mit der die Regierung in der Finanzkrise eine "Brücke" gebaut habe, um "möglichst ans trockene Ufer" zu gelangen.

Warum denn immer nur die großen Firmen wie Opel gerettet würden und mittelständische Unternehmen das Nachsehen hätten, will ein Firmenleiter wissen. Steinmeier setzt zu einem kleinen Vortrag an: Der Mittelstand spiele für ihn eine "große Rolle", sei der "Arbeitsplatzmotor" schlechthin und überhaupt wolle er das Thema künftig ja im Kanzleramt ansiedeln.

Die Fragen beantwortet er, wenn überhaupt, erst nach länglichen Referätchen.

Etwas Zweites ist auffällig: Steinmeier verzichtet weitestgehend auf Angriffe gegen die Konkurrenz - von Wahlkampf so gut wie keine Spur. Kanzlerin Angela Merkel übergeht er völlig, kritisieren tut er allenfalls die Steuersenkungsversprechen von Union und FDP ("Nicht der richtige Weg") und CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Am Wochenende waren Auszüge aus dessen "industriepolitischem Gesamtkonzept" bekannt geworden, in denen sich allerlei wirtschaftsnahe Ideen wiederfinden - "die alten Gassenhauer der marktradikalen Politik", stichelt Steinmeier. Dann aber ist sein Donnerwetter an der Union auch schon vorübergezogen und es klingt ein wenig rätselhaft, wenn er gegen Ende konstatiert: "Wahlkampf muss schon sein."

Dabei bieten sich in den 65 Minuten tatsächlich reichlich Gelegenheiten, um zu polarisieren. Etwa als er von einem Studiogast gefragt wird, wie er denn die Gesundheitsversorgung finanzieren wolle. An sich eines jener Felder, bei der die Unterschiede zwischen SPD und Union am deutlichsten hervortreten - doch Steinmeier versteift sich darauf, über die Arbeit von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zu sprechen, ihren Kampf gegen Lobbygruppen und ihre Standhaftigkeit Krankenkassen gegenüber. "Man muss manchmal mit einer richtigen und angemessenen Bewertung auf das gucken, was und da gelungen ist", sagt Steinmeier. Nicht gerade ein marktplatztauglicher Satz.

"Ich finde, Sie sind nicht scharf genug, wie der Schröder", muss er sich von einem Studiogast anhören, in Anspielung auf den SPD-Altkanzler. "Machen se det nach."

Steinmeier hat freilich auch seine starken Momente. In außenpolitischen Fragen etwa. Von Peter Hämmerle, einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten, der 2003 in Afghanistan einen Anschlag überlebt hat, wird der Kanzlerkandidat gefragt, warum man das "Abenteuer" am Hindukusch denn noch immer nicht als "Kriegseinsatz" bezeichnen wolle. Er spreche sehr wohl von einem "Kampfeinsatz", antwortet Steinmeier, und man könne ihn im Übrigen auch gut begründen. Es gehe darum, einem Volk auf die Beine zu helfen, seine Armee und Polizei auszubilden und dem Terror den Nährboden zu entziehen.

Zwei Lacher hat er auch, die gewissermaßen den Abend retteten. Zum Abschluss sollen die Studiogäste Steinmeier ein paar persönliche Fragen stellen. Zum "Menschen" Steinmeier. Warum er denn seine weißen Haare nicht färbe, will ein Zuschauer wissen. "Ich färbe jeden Tag nach, weil das Schwarz immer durchkommt", antwortet er breit grinsend.

Und: Ob er denn seinen Teil dazu beitrage, für eine "gesunde Bevölkerungspyramide" zu sorgen, fragt einer, was übersetzt so viel heißen soll, wie: Noch Kinder in Planung? "Vielen Dank für diese höfliche Aufforderung", meint der SPD-Politiker. Und die Frage? "Sie verstehen, dass ich das besprechen muss", ulkt Steinmeier.

hil/ddp/Reuters