Fernsehdebatte in NRW Wettbewerb um das schönste Lächeln

Die Erwartungen an das zweite Duell zwischen NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück und seinen CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers waren hoch. Doch der große Streit blieb aus, stattdessen starteten beide Kontrahenten ihre Charme-Offensive. Am Ende wählten die Zuschauer wieder Steinbrück zum Sieger.


Peer Steinbrück (l.) und Jürgen Rüttgers: Gezähmte Angriffslust
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Peer Steinbrück (l.) und Jürgen Rüttgers: Gezähmte Angriffslust

Berlin - "Das Duell" stand in der unteren linken Ecke des Fernsehers. Auf einen "richtig spannenden Schlagabtausch" hatte sich WDR-Moderator Jörg Schönenborn gefreut. Schließlich ging es hier um das wichtigste Ereignis vor der wichtigsten Landtagswahl aller Zeiten, wie manche Beobachter glauben machen wollten.

Doch dann ging es eher freundlich zu in der gespenstisch leeren Bochumer Jahrhunderthalle. Das "Duell" wurde zu einem Wettbewerb um das schönste Lächeln. Die beiden Kontrahenten überboten sich gegenseitig darin, ihre Angriffslust zu zähmen und jeweils staatsmännischer, diplomatischer und humorvoller zu sein als der andere. Insbesondere Steinbrück wollte auf keinen Fall wieder als zu aggressiv gebrandmarkt werden wie beim ersten Duell am 5. Mai.

Auf die bekannten Vorwürfe seines Herausforderers reagierte der Ministerpräsident diesmal mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen geduldig und amüsiert schwankte. Eine Million Arbeitslose, Rekordverschuldung des Landes, Unterrichtsausfall an den Schulen: Was immer Rüttgers ansprach, retournierte Steinbrück postwendend. Es wurde deutlich, dass der Wahlkampf schon recht lange dauert. Beide kennen die Argumentation des Gegners in- und auswendig und nahmen teilweise schon die Gedanken des anderen vorweg.

So groß war die Routine in diesem Ping-Pong-Spiel, dass man an der Leidenschaft der beiden zweifeln konnte. Rüttgers sorgte noch für ein Moment der Überraschung, indem er Steinbrück mit alten Zitaten konfrontierte. Das veranlasste diesen zur spitzen Bemerkung, Rüttgers "Zettelkasten" würde er auch gern mal sehen.

Doch wie Steinbrück ließ auch Rüttgers sich nicht aus der Reserve locken. Zwar leistete er sich einige Attacken, unter anderem bezeichnete er Steinbrück als den "größten Schuldenmacher, den das Land je gehabt hat". Doch mindestens ebenso häufig nahm er dem Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln, indem er einfach dessen Position besetzte. Mitunter verfiel er in original SPD-Rhetorik. So warnte er vor der Scheinselbständigkeit als einer "neuen Form der Ausbeutung", beklagte mangelnde "soziale Sicherheiten" und plädierte für "sozial verträgliche Arbeitskosten". Als Steinbrück ihm vorwarf, Mitbestimmung, Tarifautonomie und Kündigungsschutz schleifen zu wollen, erklärte Rüttgers in bester Müntefering-Diktion: "Ich bin für Mitbestimmung, ich bin für Tarifautonomie, und ich bin für Kündigungsschutz."

Ebenso nickte er heftig, als Steinbrück die EU-Erweiterung als "Wunder" und "Glück" pries. Das sei auch seine Meinung, bekräftigte er hinterher. Nur müsse jetzt Schluss sein, Rumänien, Bulgarien und die Türkei sollten erstmal warten. Allerdings wollte er sich nicht Stoibers Position anschließen, der vor kurzem gesagt hatte, die Türkei dürfe niemals EU-Mitglied werden. "'Niemals' ist mir zu weitgehend", sagte Rüttgers.

Die Zuschauer kürten in einer ersten Blitzumfrage Steinbrück zum Sieger des Duells - wie schon beim letzten Mal. Die Befragung von 1055 Wahlberechtigten im Auftrag des WDR ergab unmittelbar nach der Sendung 54 Prozent Zustimmung für Steinbrück, nur 32 Prozent für Rüttgers. Der Regierungschef punktete in Kategorien wie Kompetenz, Verständlichkeit, Glaubwürdigkeit und Tatkraft. Bei den Sachthemen wie Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Bildung lag hingegen der CDU-Mann vorn.

Nur selten erreichte die Debatte tatsächlich die Qualität eines Duells. Wenn es so weit kam, dann hatte Steinbrück meist die flinkere Zunge, etwa als er seinem Gegner Inkompetenz vorwarf. "Sie reden manchmal von Dingen, obwohl sie nicht präzise informiert sind, ich weiß nicht, ob vorsätzlich oder fahrlässig", sagte er.

Am deutlichsten schieden sich die Geister an der Steinkohle - dem Evergreen-Thema von NRW. Während Rüttgers die riskante Forderung nach einem Abbau der Kohlesubventionen wiederholte, spielte Steinbrück den leidenschaftlichen Anwalt des Rohstoffs. Er prophezeite "dramatische Auswirkungen", sollte es tatsächlich zu einem Abbau der Subventionen kommen.

Für Jubel auf den zahlreichen von der SPD organisierten TV-Partys dürfte besonders ein Seitenhieb Steinbrücks gesorgt haben. "Seien Sie doch nicht so nervös", sagte er zu Rüttgers. Diesen Satz hatte letzterer während des ersten Duells wiederholt benutzt. "Das hat gesessen", schrieb der Blogger auf der SPD-Homepage, der das Duell live kommentierte.

Doch solche Finessen dürften den Fernsehzuschauern verborgen geblieben sein. Über die Bedeutung der Fernsehdebatte ist viel diskutiert worden. Bei der SPD hofft man, dass der erneute Punktsieg Steinbrücks fünf Tage vor der Wahl noch einen Mobilisierungsschub an der Basis auslöst. Doch es ist fraglich, ob es zu mehr als einer kosmetischen Verbesserung des Wahlergebnisses reicht. In der jüngsten Umfrage hatte Schwarz-Gelb immer noch einen komfortablen Vorsprung von sechs Prozentpunkten. Und einen wahlentscheidenden Patzer hat sich in diesem Duell der Netten keiner geleistet.



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