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19. Juni 2011, 13:26 Uhr

Festnahme in Wien

Berliner Dschihadist bat um Geld für Waffen

Von Yassin Musharbash

Er nannte sich "Ajub, der Deutsche", lernte in Afghanistan das Kriegshandwerk und protzte mit Anschlägen auf die "Ungläubigen". Nun sitzt der Berliner Jusuf O. in Österreich in Haft. War er im Auftrag seiner Organisation in Europa - oder wollte er dem kargen Leben am Hindukusch entfliehen?

Berlin - Es war an Weihnachten 2009, als Jusuf O. alias "Ajub, der Deutsche" seinen vermutlich ersten Kampfeinsatz in Afghanistan hatte - jedenfalls den ersten, den seine Mitstreiter von den "Deutschen Taliban Mudschahidin" (DTM) filmten.

"Heute ist der 25.", sagt Jusuf O. in die Kamera. "Gestern haben die Kuffar ihre dreckigen Geschenke ausgepackt an ihrem dreckigen Fest. Und jetzt empfangen sie etwas von uns!" Die wackligen Bilder zeigen, wie DTM-Kämpfer Raketen abschießen. Das Ziel: ein Lager der US-Armee in Afghanistan.

Insgesamt drei Mal trat Jusuf O. in Propagandavideos der DTM auf - mal an der Seite von Eric Breininger, dem mittlerweile getöteten Mitbegründer der Terrorgruppe; mal zusammen mit dessen Nachfolger im Amt des "Amirs", dem ebenfalls aus Berlin stammenden Fatih T. alias "Abd al-Fattah". Mit Fatih T. zusammen war Jusuf O. im Mai 2009 aus Deutschland ausgereist.

Fast genau zwei Jahre später, am 31. Mai dieses Jahres, wurde O. in Wien festgenommen. Die deutschen Behörden hatten darum gebeten. Jetzt läuft ein Auslieferungsverfahren.

War Jusuf O. enttäuscht - oder hatte er einen Auftrag?

Wann genau, und vor allem warum, Jusuf O. Afghanistan verlassen hat und nach Österreich gereist ist, steht noch nicht fest. Angeblich hatte er vor, nach Deutschland weiterzureisen. Auch ob er einfach nur desillusioniert von seinem Kampfeinsatz war, oder Deutschland im Auftrag der DTM besuchen sollte, ist unbekannt.

Beides wäre plausibel. Jusuf O., der 1985 in Norddeutschland geboren wurde, aber einen türkischen Pass hat, war vermutlich eines der wichtigeren DTM-Mitglieder. Sein Freund Fatih T. war der Chef, er selbst durfte in Videos vor Anschlägen in Deutschland warnen.

Ermittler wissen aus anderen Terrorverfahren zudem, dass er zumindest zeitweise regelmäßig per Chat die Unterstützer in Deutschland auf Linie zu halten mithalf. Die DTM bräuchten dringend "Munition und Geld". Wer nicht dazustoßen könne, solle Geld schicken, mahnte er.

Andererseits könnte Jusuf O. aber auch zu jenen Dschihadisten aus Deutschland gehören, die dem Schlachtfeld am Hindukusch enttäuscht den Rücken kehren wollten. Mehrere Fälle dieser Art gab es bereits - ein Berliner Ehepaar aus dem Umfeld der DTM gehört ebenso dazu wie ein junger Hamburger, der bei der "Islamischen Bewegung Usbekistans" gewesen war.

Denn das Leben an der Front ist hart, und die deutschen Kämpfer sind darauf meist nicht vorbereitet. Aus den Aussagen Festgenommener und aus anderen Quellen ergibt sich ein wenig attraktives Bild. Wenig zu essen, mangelnde Hygiene, Misstrauen unter den Brüdern und Schwestern gehören ebenso dazu wie die ständige Angst, zu sterben.

Das harte Leben an der Front

DTM-Kader haben in Chats mit deutschen Unterstützern immer wieder von Streit berichtet, mal ging es um Frauen, mal um Gehorsam. Nach Außen mögen sich die DTM als eingeschworene Gemeinschaft präsentieren, im Inneren sieht es vermutlich anders aus.

Die DTM traten erstmals im Herbst 2009 öffentlich in Erscheinung. Lange rätselten die Behörden, was es mit dieser Brigade auf sich hatte, deren bekanntestes Gesicht Eric Breininger war, der eigentlich zum Umfeld der Sauerland-Zelle gehört hatte und deshalb der "Islamischen Dschihad-Union" (IJU) zugerechnet wurde.

Doch als Breininger im Frühjahr 2010 von pakistanischen Soldaten erschossen wurde und posthum seine Memoiren erschienen, klärte sich das Bild: Die DTM sind eine Gründung Breiningers; er und einige andere Kämpfer aus Deutschland wollten lieber eine eigene Truppe bilden als weiter mit den Usbeken der IJU zu kämpfen. Sie baten die afghanischen Taliban um Erlaubnis, eine eigene Brigade formen zu dürfen. Seitdem kämpfen sie "unter der Flagge der Taliban", wie es im DTM-Sprech heißt. Gelegentlich nehmen die Afghanen die Deutschen wohl mit ins Gefecht. Außer Breininger sind mindestens ein weiterer Berliner und ein Deutsch-Türke in Gefechten ums Leben gekommen.

DTM-Drehscheibe Wien?

Wie viele Mitglieder die DTM derzeit haben, ist unklar. Die deutschen Behörden konnten über ein halbes Dutzend identifizieren, aber es gibt womöglich mehr. Nicht immer werden Ausreisen Dschihad-Williger sofort bemerkt.

In Berlin haben die DTM ein Unterstützernetzwerk gehabt. Die Ehefrau des Sauerland-Terroristen Fritz G. und ein Berliner Islamist wurden wegen Geldspenden und sonstiger Unterstützungshandlungen kürzlich verurteilt. Auch in der Türkei gibt es nach Einschätzung der Behörden Mittelsmänner - und womöglich gibt es auch eine Österreich-Connection.

Darauf deuten jedenfalls weitere Festnahmen in Wien hin. Erst am vergangenen Mittwoch nahmen die österreichischen Behörden vier Personen fest; einer, der 25-jährige Thomas al-J., werde den DTM zugerechnet, heißt es. Ein Boulevardblatt berichtete, er habe auf einem Flugsimulator trainiert, wie man einen Jet in den Reichstag in Berlin steuern könnte. Dieser Bericht ist aber nicht bestätigt.

Drei weitere Personen wurden auf dem Flughafen Schwechat festgenommen - sie sollen versucht haben, sich ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet abzusetzen. Offenbar steht hier ebenfalls der Verdacht der finanziellen Unterstützung der DTM im Raum.

Bereits Mitte Mai war in Berlin der Österreicher Maqsood L. festgenommen worden - auch ihm wird die Unterstützung der DTM vorgeworfen.

In welchem Umfang Wien als DTM-Drehscheibe fungiert, könnte nun in den womöglich folgenden Prozessen herauskommen. Die DTM selbst haben sich noch nicht geäußert. Aber ihr Propaganda-Ausstoß ist in den vergangenen Monaten ohnehin massiv gesunken.

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