Festnahmen Österreich stellt Bin Ladens Lautsprecher ab

Sie übersetzten und verbreiteten Terrorvideos, Bekennerschreiben und Qaida-Propaganda im Internet. Doch jetzt legten Österreichs Behörden der "Globalen Islamischen Medienfront" das Handwerk - unter den Festgenommenen ist angeblich auch der Kopf des Netzwerks.

Von Yassin Musharbash


Berlin – Es ist gerade einmal drei Wochen her, da suchte die "Globale Islamische Medienfront" (GIMF) noch Übersetzer, um mit dem täglichen Pensum an Terror-News Schritt halten zu können. "Besonders gefragt sind Geschwister mit Englischkenntnissen", schrieb einer der GIMF-Brüder. "Wer also ein wenig von seiner Zeit Allah opfern will und dabei den Dschihad unterstützt", der solle eine E-Mail schicken - er bekomme dann "eine kleine Arbeit" zurückgeschickt.

Homepage der GIMF: Im Forum ging es zur Sache

Homepage der GIMF: Im Forum ging es zur Sache

Dschihad in Heimarbeit - das hätte das offizielle Motto der GIMF sein können. Fast zwei Jahre lang betrieb sie zwei deutschsprachige Internetseiten, eine davon inklusive Diskussionsforum, um den Terror von Bin Laden und Gefährten zu verbreiten. Niemand im deutschsprachigen Raum war darin effektiver als die GIMF.

Doch heute fand der ganz private Medien-Dschihad der Qaida-Lautsprecher ein zumindest vorläufiges Ende. Die österreichische Polizei nahm zwei Männer, jeweils 26, und eine Frau, 21, fest. Der Vorwurf: Sie sollen an der Produktion eines Videos beteiligt gewesen sein, das am 11. März auf der GIMF-Homepage veröffentlicht wurde. Darin drohte ein vermummter Sprecher auf Arabisch mit Anschlägen in Deutschland und Österreich, falls die beiden Länder ihre Soldaten nicht aus Afghanistan abzögen.

Kontakt zur englischen GIMF

Allzu viel ist noch nicht bekannt über die Truppe. Die Frau und einer der Männer sollen ein Ehepaar sein, hieß es heute in Wien. Alle drei seien Muslime und österreichische Bürger - aber keine Konvertiten. Sie gehörten der "zweiten Generation" von Einwanderern aus der arabischen Welt an, sagte der österreichische Innenminister Günther Platter am späten Mittwochnachmittag auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist einer der Verhafteten der mutmaßliche Kopf der deutschsprachigen GIMF, die sich im Herbst 2005 gründete. Vorbild war die internationale GIMF, die ab ungefähr 2002 in Erscheinung trat - ursprünglich nur auf Arabisch, mit dem Ziel, Qaida-Material im Internet weiterzuverbreiten.

Später gründete sich ein englischsprachiger GIMF-Ableger. Diese Seite hat offenbar den mutmaßlichen deutschen GIMF-Chef inspiriert, noch eine Filiale zu eröffnen. Indiz für eine Kooperation ist unter anderem, dass die erste deutsche GIMF-Seite technisch gesehen ein Blog war, der bei einem Gratis-Einrichter eingestellt wurde - genau so handhabte es die englische GIMF, die wiederum auf die deutsche verlinkte.

Der Mann, dessen Netz-Identität SPIEGEL ONLINE bekannt ist, tat sich auch immer wieder mal auf arabischsprachigen Dschihadisten-Websites um. Er postete zum Beispiel im Namen der GIMF Beiträge in einem islamistischen Diskussionsforum, das fast alle Terrororganisationen nutzen, um ihre Bekennerschreiben zu veröffentlichen.

Virtueller Kontakt zu al-Qaida?

Der österreichische Innenminister teilte heute mit, die Verhafteten hätten Kontakt zu al-Qaida gehabt. Deutsche Beamte, die den Fall in den vergangenen Monaten verfolgten, halten einen persönlichen, physischen Kontakt aber für unwahrscheinlich. Vorstellbar ist aber, dass der deutsche GIMF-Gründer per E-Mail und über die Foren Kontakt aufgenommen haben könnte. Das ist auf diesen Seiten immer wieder zu beobachten. Wer zum Beispiel die irakische Qaida-Filiale bittet, sich bei ihm zu melden, der kann auch auf eine Antwort hoffen. So soll es bei dem in Großbritannien inhaftierten Internet-Dschihadisten "Irhabi007" alias Younis T. gewesen sein.

Deutsche Terrorfahnder hatten die deutschen GIMF-Seiten, die im Herbst 2005 entstanden ist, sehr genau im Blick. "Hier kann man Radikalisierung in Echtzeit nachvollziehen", sagte sorgenvoll ein Beamter vor wenigen Monaten. Auf dem GIMF-Diskussionsforum ging es mitunter hart zur Sache: Bilder der Leichen von US-Soldaten wurden gezeigt, aber auch die Frage diskutiert, ob man vom Glauben abgefallene Muslime töten müsse.

Seit einigen Wochen schon sind die beiden Seiten der deutschen GIMF offline. Das hat jedoch nichts mit den seit Monaten laufenden Ermittlungen zu tun, sondern ist Teil eines generellen Blackouts, von dem derzeit viele Dschihad-Seiten betroffen sind. Auslöser war eine Kampagne von Qaida-Gegnern in den USA, die massenhaft Protest-Mails an die Provider und Hoster dieser Seiten gesendet hatten.

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