Feuerkatastrophe in Ludwigshafen Polizei entdeckt Nazi-Parolen an Brandruine

Wurde das Feuer in Ludwigshafen von Rechtsextremisten gelegt? An der Brandruine wurden Nazi-Schmierereien entdeckt. Bereits gestern hatten zwei Mädchen ausgesagt, ein deutsch aussehender Mann hätte im Flur einen Kinderwagen angezündet. Spürhunde suchen nun nach Brandbeschleunigern.


Ludwigshafen - Das bei der Brandkatastrophe weitgehend zerstörte Gebäude ist vor dem Feuer mit Nazi-Symbolen beschmiert worden. Neben dem Eingang zu dem türkischen Kulturverein im Erdgeschoss des Gebäudes findet sich zwei Mal die Aufschrift "Hass", wobei die beiden letzten Buchstaben jeweils im Stil der SS-Runen geschrieben sind.

Da das Gebäude seit dem Brand ringsum von Polizei und Feuerwehr abgesperrt worden sei, müssen die Schmierereien bereits vorher angebracht worden sein, sagte Polizeisprecher Michael Lindner. Wann genau das Haus beschmiert wurde, ist jedoch noch unklar.

Polizeiwache vor der Brandruine: Spezialisten suchen nach der Unglücksursache.
DDP

Polizeiwache vor der Brandruine: Spezialisten suchen nach der Unglücksursache.

Heute haben Brandexperten der Polizei mit der Suche nach der Ursache der Feuerkatastrophe vom Sonntag begonnen. Zwei Spürhunde der Polizei suchen in dem einsturzgefährdeten Haus nach Hinweisen. Die Polizei will herausfinden, ob Brandbeschleuniger eingesetzt wurden. Die Hunde wurden von einem Hundeführer begleitet, der sich aber nur in bereits abgesicherten Bereichen des Hauses bewegte. Die übrigen Ermittler sollen das Haus erst betreten, wenn Feuerwehr und Technisches Hilfswerk das Gebäude weiter abgesichert haben.

Insgesamt waren zehn Brandexperten am Einsatzort, je drei von Bundeskriminalamt, Landeskriminalamt und der Kriminalinspektion Ludwigshafen sowie ein externer Ermittler. Oberstaatsanwalt Lothar Liebig sagte bei einer Pressekonferenz am Nachmittag, es gebe noch keine genauen Erkenntnisse zur Brandursache.

Der Verdacht der Brandstiftung beruht vor allem auf den Aussagen von zwei Mädchen, die das Feuer überlebten. Sie wollen einen Mann im Hauseingang gesehen haben, der dort in einem Kinderwagen das Feuer gelegt hat. Danach sei er weggelaufen. Nach Aussagen der Mädchen soll der Mann wie ein Deutscher ausgesehen haben.

Die Mädchen wurden am Dienstag auch von der Polizei befragt und bestätigten den Ermittlern, dass sie einen Brandstifter gesehen haben wollen. Oberstaatsanwalt Liebig sagte dazu: "Wir müssen sehr sorgfältig auswerten, was uns die Kinder sagen können und das dann in die Ermittlungen einbinden." Die Kinder seien nach seinen Erkenntnissen traumatisiert, sollen aber in den nächsten Tagen weiter befragt werden. Noch heute will die Polizei mit einem Phantombild nach dem mutmaßlichen Brandstifter suchen. Es sei geplant, eine entsprechende Zeichnung zu erstellen, sagte ein Polizeisprecher. Ob es tatsächlich dazu komme, hänge aber von der Belastbarkeit der beiden Mädchen ab.

Feuerwehrmann niedergeschlagen

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, berichtete heute bei einem Besuch in Ludwigshafen, dass ein Feuerwehrmann von türkischen Jugendlichen zusammengeschlagen worden sei. "Das hat mich sehr schockiert", sagte die CDU-Politikerin am Unglücksort. Der Feuerwehrmann, der an dem Einsatz am Sonntag beteiligt gewesen war, ist in der vergangenen Nacht in einem Lokal von einem 37-jährigen, in der Türkei geborenen Mann geschlagen worden. Zuvor hatte der Mann ihm Vorhaltungen gemacht.

Böhmer hat heute gemeinsam mit dem eigens angereisten türkischen Staatsminister Mustafa Sait Yazicioglu den Brandort in Ludwigshafen besichtigt. Sie legte auch im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Brandruine einen Kranz für die Opfer nieder. "Die Bundeskanzlerin hat ihr tiefes Mitgefühl ausgedrückt", sagte Böhmer.

Die CDU-Politikerin rief die türkischen Medien in der Berichterstattung über die Brandkatastrophe zu Zurückhaltung auf. Deutsche und türkische Ermittler würden das Unglück so schnell wie möglich aufklären, sagte Böhmer. Niemand solle mit Blick auf die Brandursache voreilige Schlussfolgerungen ziehen. Die Worte des türkischen Ministers wurden nicht übersetzt.

Vorwürfe gegen die Feuerwehr

Böhmer wies Berichte zurück, die Feuerwehr habe bei dem tödlichen Brand zu langsam reagiert: "Die Feuerwehr war binnen weniger Minuten am Brandort." Sie forderte die türkischen Medien auf, deutlich zu machen, wie hoch der Einsatz der Rettungskräfte war. Die Ministerin betonte, das Zusammenleben von Deutschen und Türken in Ludwigshafen sei gut: "Das trägt auch in einer solch bitteren Situation."

Auch der Leiter der Staatsanwaltschaft betonte, die Einsatzkräfte seien nicht zu spät am Brandort gewesen und verurteilte den Angriff auf den Feuerwehrmann. Polizeipäsident Fromm sagte, die Polizei müsse inzwischen Personenschutz für die Feuerwehrleute bereitstellen. "Das dürfen wir nicht hinnehmen." Die Kritik an der Feuerwehr sei tendenziös und falsch: "Es geht nicht an, dass diese Menschen beleidigt, bedroht und bespuckt werden." In der Debatte würden "Retter zu Tätern" gemacht.

In der Öffentlichkeit war der Vorwurf geäußert worden, die Brandbekämpfer seien zu spät am Ort des Geschehens gewesen. Der Ludwigshafener Bürgermeister Wilhelm Zeiser sagte, der erste Notruf sei bei der Leitstelle der Feuerwehr um 16.22 Uhr eingegangen. Nur zwei Minuten später seien die ersten beiden Löschzüge vor Ort gewesen, weitere drei Minuten später seien weitere sechs Feuerwehrfahrzeuge eingetroffen, die unter anderem mit Drehleitern ausgerüstet gewesen seien. Durch den beherzten Einsatz von Polizei und Feuerwehr seien insgesamt 47 Menschen von den Fenstern und Balkonen gerettet worden.

Zehntausende Euro gespendet

Nach Angaben der Stadt Ludwigshafen sind auf einem Spendenkonto aus der Bevölkerung bislang 32.000 Euro eingegangen. Dazu kämen weitere jeweils 5000 Euro von der Stadt und dem Land Rheinland-Pfalz.

Inzwischen befasst sich auch die Bundesanwaltschaft mit dem Fall. Eine Sprecherin der Behörde sagte in Karlsruhe, es werde geprüft, "ob es einen Anfangsverdacht für eine Straftat gibt, die in die Zuständigkeit des Generalbundesanwalts fällt". Seit Dienstag sei ein sogenannter Beobachtungsvorgang eingeleitet, allerdings noch kein Ermittlungsverfahren.

Die Bundesanwaltschaft sei dann zuständig, wenn durch eine Straftat der Bestand der inneren Sicherheit Deutschlands beeinträchtigt werde und zudem eine besondere Bedeutung des Falles vorliege, erläuterte die Sprecherin. Falls es sich bei dem Wohnhausbrand um Brandstiftung mit einem fremdenfeindlichen Hintergrund handeln sollte, könnte der Fall somit in die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft fallen.

ler/han/AP/ddp/dpa



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