Feuerwehr ohne Freiwillige Wehe, es brennt

Den Freiwilligen Feuerwehren in Mecklenburg-Vorpommern gehen die Leute aus. Das ist vor allem in kleinen Orten ein Problem, denn es gibt dort keine Berufswehren. Wenn sich die Lage weiter zuspitzt, sagt Landesinnenminister Caffier, könnten Bürger sogar zwangsverpflichtet werden.

Von Zacharias Zacharakis


Der Notruf kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Am 2. April, einem Donnerstagmorgen, 8.31 Uhr, wird ein Großbrand gemeldet. Es ist bereits der 26. Einsatz in diesem Jahr für Zug 1 der Freiwilligen Feuerwehr in Ribnitz an der Ostsee. Wehrführer Steffen Harder, 36 Jahre alt, selbständig mit einem Hausmeisterservice, eilt zum Gerätehaus und wartet auf seine Kameraden.

In Personalnot: Freiwillige Feuerwehr in Nordvorpommern
SPIEGEL ONLINE

In Personalnot: Freiwillige Feuerwehr in Nordvorpommern

Zehn Feuerwehrleute treffen ein, wieder zu wenige, falls sich der Brand in einem Geräteschuppen auch auf den Wohnbereich des Hauses ausbreiten sollte. Viel mehr Personal steht Harder aber ohnehin nicht zur Verfügung: "Wir haben etwa 20 Aktive im Dienst", sagt er. Alle ehrenamtlich. Denn Berufsfeuerwehren gibt es nur in großen Städten mit mehr als hunderttausend Einwohnern, nicht in Ribnitz-Damgarten. Hier wohnen 17.000 Menschen. Die schwache Besetzung kann da zum Problem werden.

An einem Werktag wie diesem im vergangenen April sind viele der Einsatzkräfte aus der kleinen Gemeinde schon bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin. Das war schon immer so bei den Freiwilligen Feuerwehren in ganz Deutschland. Doch geändert hat sich etwas Entscheidendes: Die meisten Mitglieder arbeiten nicht mehr im selben Ort, in dem sie auch als Brandbekämpfer tätig sind.

In der Gemeinde gibt es nur wenige Arbeitsplätze, viele Bürger müssen morgens und abends pendeln. Drei Viertel der Mitglieder aus Zug 1 in Ribnitz haben vor Ort keinen Job. Bei Notfällen unter der Woche können sie nicht anrücken. Da kann es bei einem aufwendigen Einsatz schon mal eng werden.

"Drei Stunden mit der Axt gekämpft"

So wie bei dem Feuer im Geräteschuppen. Die körperliche Belastung unter einem Atemschutzanzug ist hoch. Es können immer nur zwei Kollegen aus dem Zug mit der Pressluftflasche in das Gebäude eindringen, um den Brandherd zu bekämpfen. Die anderen müssen das Gelände sichern und die Wasserversorgung aufrechterhalten.

"Wir haben uns da drei Stunden mit der Axt vorwärtsgekämpft, wie in einem schlechten Film", erinnert sich Harder. Jetzt, zwei Monate später, sitzt er mit seinen Leuten im Gruppenraum der Wache. Die Wände sind holzgetäfelt, Pokale und Gruppenfotos schmücken den ansonsten kahlen Raum. Die Männer und auch eine Frau sitzen an einem langen Tisch in Hufeisenform und reden über den brenzligen Einsatz.

"Bei einem größeren Brand, etwa im Krankenhaus, mit vielen Personen, könnte es gefährlich werden", sagt Harders Kollege Nicolas Hübner. Der hauptberufliche Fotograf arbeitet im mehrere Kilometer entfernten Wustrow und könnte in einer solchen Situation ebenfalls nicht dazustoßen. Er ist meist nur nach Feierabend und am Wochenende verfügbar.

Einsatzzahl nach der Wende um das Dreifache gestiegen

Diese Probleme kennt man auch in Grimmen, einem benachbarten Ort ebenfalls im Landkreis Nordvorpommern. Olaf Clasen, 44, Angestellter bei der Kreisverwaltung, ist seit 30 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr. Der stämmige Mann steht in der Fahrzeughalle des Wehrhauses, greift mit beiden Händen an seine roten Hosenträger. 64 aktive Mitglieder müsse die Gemeinde mit den 11.000 Einwohnern nach Vorschrift bereithalten, erklärt er in seinem breiten norddeutschen Akzent und wird dabei immer ungehaltener. Zurzeit hat der Wehrmeister gerade einmal 50 Leute.

"Die Einsatzzahlen sind hier nach der Wende um das Dreifache gestiegen", sagt er. 150-mal läutete allein 2008 die Alarmglocke. Besonders die vielen Autounfälle mit eingeklemmten Personen machten den Feuerwehrleuten zu schaffen. Der Ort liegt an der Autobahn 20 zwischen Rostock und Stralsund, einer besonders zur Badesaison im Sommer stark befahrenen Strecke.

Zwangswehr als allerletztes Mittel

Sollte sich die Lage in Mecklenburg-Vorpommern weiter zuspitzen, könnten die Kommunen ihre Bürger zum Dienst bei der Feuerwehr zwangsverpflichten. Diese Möglichkeit räumt das Brandschutzgesetz des Landes ein, um die Sicherheit aufrechterhalten zu können. "Wir haben dies noch nicht in Anspruch genommen", sagt Landesinnenminister Lorenz Caffier. "Aber wir können diese Option ziehen. Es sollte dennoch wirklich das aller, allerletzte Mittel sein."

Um solche Zwangsverpflichtungen zu vermeiden, hat der Innenminister nun eine Kampagne gestartet, in der um mehr Engagement bei den Freiwilligen Feuerwehren geworben wird. "Die allgemeine demografische Entwicklung, die anhaltende Abwanderung besonders der jungen Menschen bringt mittelfristig ein Nachwuchsproblem", erklärt Caffier. In der Bevölkerung müsste das Bewusstsein für ein freiwilliges Engagement und die Funktion der Feuerwehren gestärkt werden.

Auch bei den Arbeitgebern sieht der Minister ein Problem. Viele Feuerwehrleute befürchten, dass sie in einer wirtschaftlich schwierigen Situation Probleme mit ihrem Chef bekommen, wenn sie den Arbeitsplatz häufig zu Einsätzen verlassen müssen. "Außerdem wird eine zunehmende Mobilität von den Arbeitnehmern gefordert. An Werktagen kann da die Einsatzbereitschaft nur schwer aufrechterhalten werden", sagt Caffier.

Ähnliche Probleme auch in den alten Bundesländern

Für Feuerwehrmann Clasen aus Grimmen ist es mit der Kampagne des Ministeriums lange nicht getan. Der Wehrführer wünscht sich, dass Anreize für den freiwilligen Dienst geschaffen würden. "Es könnte steuerliche Erleichterungen oder eine Altersrente geben oder eine Bevorzugung für Stellen im Öffentlichen Dienst", sagt er. Bisher erhalten die Mitglieder lediglich Spritgeld für die Einsätze. Im Schadensfall sind sie zudem versichert.

Doch bei der Landesregierung stoßen solche Vorschläge auf wenig Gegenliebe, denn das Engagement lässt bei allen Ehrenämtern stark nach. Ob Technisches Hilfswerk oder Sportvereine, viele könnten Ansprüche auf Sonderleistungen anmelden.

Alte Männer an die Schläuche

"In vielen Flächenländern auch im Westen, etwa in Bayern, Niedersachsen und Hessen, gibt es ähnliche Probleme wie in Mecklenburg-Vorpommern", sagt Silvia Darmstätter vom Deutschen Feuerwehrverband. Sie plädiert dafür, Arbeitslose, Einwanderer und Frauen stärker für den Dienst zu gewinnen.

Die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern hat nun die Altersgrenze für ein Engagement bei den Freiwilligen Feuerwehren heraufgesetzt - von 62 auf 67 Jahren. Sie hofft, dadurch den Personalmangel zu mildern. "Die psychische und physische Belastung ist hoch, wenn man immer wieder mitten in der Nacht vom Alarm rausgerufen wird", sagt Wehrführer Olaf Clasen zu dieser Initiative. Mit alten Männern Brände löschen, davon hält der Feuerwehrmann nichts.



insgesamt 102 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Niamey 14.06.2009
1. Was ist wenn es brennt?
Zitat von sysopDen Freiwilligen Feuerwehren in Mecklenburg-Vorpommern gehen die Leute aus. Das ist vor allem in kleinen Orten ein Problem, denn es gibt dort keine Berufswehren. Was kann gegen den Schwund bei den Freiwilligen Feuerwehren getan werden? Diskutieren Sie mit!
In Deutschland brennt es eh schoh an allen Ecken und Enden! Da kommt es auf einen Bauernhof o.ä. nicht so sehr an. Klar, dass es keine Freiwilligen mehr gibt. Abschaffung der Wehrpflicht, Ersatzdienste nur noch im Ausland (-man will ja schließlich auf steuerzahlers Kosten was erleben und natürlich helfen und damit das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland stärken-)!!!! Was interessiert einen da noch die Altenpflege (Rotes Kreuz, Johanniter etc.) wenn es die Möglichkeit gibt das alles zu umgehen und den recht bequemen Weg zu gehen??? Tja, da sieht man mal wieder wie kurzsichtig unsere Politik doch ist. Hoffentlich trifft es mal einen, oder deren Verwandschaft!! Dann geht eine Gesetzesänderung die das rückgängig macht, gaaaaanz schnell. Haben wir doch in den letzen 30 Jahren beim Scheidungs- und Kindschafts- und Unterhaltsrecht auch beobachten können, oder etwa nicht?! ;-)
systemfeind 14.06.2009
2. Kirchensteuern einsacken !
Zitat von sysopDen Freiwilligen Feuerwehren in Mecklenburg-Vorpommern gehen die Leute aus. Das ist vor allem in kleinen Orten ein Problem, denn es gibt dort keine Berufswehren. Was kann gegen den Schwund bei den Freiwilligen Feuerwehren getan werden? Diskutieren Sie mit!
jeder arbeitslose Bursche wird dienstverpflichtet und bekommt 1200 € / Monat , netto ( dafür verzichten wir auf den Pfarrer , diesen Alkoholiker )
vhe 14.06.2009
3.
Zitat von sysopDen Freiwilligen Feuerwehren in Mecklenburg-Vorpommern gehen die Leute aus. Das ist vor allem in kleinen Orten ein Problem, denn es gibt dort keine Berufswehren. Was kann gegen den Schwund bei den Freiwilligen Feuerwehren getan werden? Diskutieren Sie mit!
Mecklenburg-Vorpommern? Ich dachte, dort sind immer alle arbeitslos? Wieso gibt's da nicht genug Leute, die daheim sitzen und Zeit zum Löschen haben? Abgesehen davon müßten doch die Versicherungen ein finanzielles Interesse an einer funktionierenden Feuerwehr haben. Die könnten doch was zahlen, zumindest so Zivi-Sold.
MarkusKrawehl, 14.06.2009
4.
Zitat von NiameyIn Deutschland brennt es eh schoh an allen Ecken und Enden! Da kommt es auf einen Bauernhof o.ä. nicht so sehr an. Klar, dass es keine Freiwilligen mehr gibt. Abschaffung der Wehrpflicht, Ersatzdienste nur noch im Ausland (-man will ja schließlich auf steuerzahlers Kosten was erleben und natürlich helfen und damit das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland stärken-)!!!! Was interessiert einen da noch die Altenpflege (Rotes Kreuz, Johanniter etc.) wenn es die Möglichkeit gibt das alles zu umgehen und den recht bequemen Weg zu gehen??? Tja, da sieht man mal wieder wie kurzsichtig unsere Politik doch ist. Hoffentlich trifft es mal einen, oder deren Verwandschaft!! Dann geht eine Gesetzesänderung die das rückgängig macht, gaaaaanz schnell. Haben wir doch in den letzen 30 Jahren beim Scheidungs- und Kindschafts- und Unterhaltsrecht auch beobachten können, oder etwa nicht?! ;-)
Sie meinen was interssiert da einen noch die Bereicherung der örtlichen Geschäftsführer dieser Organisationen, welche teils über 120.000 Euro/a verdienen, auf Basis von staatlichen Zwangsdiensten, welche nach nicht nachvollziehbaren Kriterien verteilt werden.
sticki 14.06.2009
5.
Zitat von systemfeindjeder arbeitslose Bursche wird dienstverpflichtet und bekommt 1200 € / Monat , netto ( dafür verzichten wir auf den Pfarrer , diesen Alkoholiker )
Ich kann auch nicht so recht glauben, was ich da lese. Weil die keine Lust haben, das Geld für ein paar Berufsfeuerwehrleute auszugeben, soll hier per Zwangsarbeit in die elmentarsten Freiheitsrechte eingegriffen werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.