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20. Dezember 2011, 13:46 Uhr

Finanzierte Anzeigenkampagne

Wulff-Verleger verteidigt Maschmeyers Geldspritze

Der Unternehmer Carsten Maschmeyer hat Anzeigenkosten für ein Wulff-Buch übernommen, es geht um gut 40.000 Euro aus eigener Tasche. Die VIP-Geldspritze könnte den Bundespräsidenten weiter unter Druck setzen. Sein Verleger verteidigt Wulff - doch in der Branche wundert man sich.

Berlin - Der Verleger eines Interview-Buchs mit Christian Wulff hat die Finanzierung einer Anzeigenkampagne durch den Versicherungsunternehmer Carsten Maschmeyer verteidigt. "Anzeigen und Buch erschienen zu einer Zeit, in der Christian Wulff als Ministerpräsident gefragt und interessant war", sagte der frühere Geschäftsführer Corporate Publishing vom Verlag Hoffmann und Campe, Manfred Bissinger, SPIEGEL ONLINE.

"Wir haben damals verschiedene Unternehmer, unter anderem Carsten Maschmeyer angesprochen, ob sie sich an der Vermarktung des Buchs beteiligen würden. Das ist in der Verlagsbranche üblich und ein absolut normaler Vorgang", so Bissinger weiter.

In dem Interview-Buch mit dem Titel "Besser die Wahrheit" beschreibt der heutige Bundespräsident sein privates und politisches Leben. Ein Sprecher Maschmeyers hatte einen Bericht der "Bild"-Zeitung bestätigt, wonach der Gründer des Finanzdienstleister AWD für Werbung zugunsten des Buches rund 42.700 Euro aus seinem Privatvermögen ausgegeben hat. Die Annoncen warben im Herbst 2007 während des niedersächsischen Landtagswahlkampfs für das Buch.

Maschmeyer sagte der "Bild"-Zeitung, er habe "die Anzeigen privat bezahlt", sie jedoch nicht steuerlich geltend gemacht. Mit Wulff habe er darüber nicht gesprochen. Rechtsanwalt Gernot Lehr erklärte, Wulff sei von den Zahlungen Maschmeyers nichts bekanntgewesen.

"Warum sollte das interessieren?"

Die Finanzierung von Anzeigen durch Privatpersonen sei "kein Geheimnisgeschäft, da gab es nichts zu verbergen", sagte Bissinger weiter. Weil Maschmeyer unter anderem die Rechte an der Biografie von Gerhard Schröder gekauft habe, habe man gewusst, "dass er sich für Wulffs Buch und die Thematik interessieren würde".

Von Seiten Wulffs sei danach nicht gefragt worden. "Warum sollte ihn das auch interessieren? Der branchenübliche Buchvertrag wurde mit Wulffs Interviewer Hugo Müller-Vogg geschlossen, Christian Wulff hat nicht einmal ein Honorar erhalten. Die Frage nach der Anzeigenfinanzierung ist da irrelevant."

Zum jetzigen Bekanntwerden der Hintergründe sagte Bissinger: "Ich habe mich schon gewundert, wie die Unterlagen an die Öffentlichkeit kamen". Eine undichte Stelle im Verlagshaus schloss er jedoch aus.

"Ich halte das für einen absurden Vorgang"

Bissingers Beteuerungen, der Vorgang sei vollkommen alltäglich, rufen in der Verlagsbranche Misstrauen hervor. Eine Sprecherin des Herder-Verlags, bei dem kürzlich das Interview-Buch mit Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erschien, sagte SPIEGEL ONLINE, dass eine Geldspritze von außen "ohne Rücksprache mit den Autoren kaum vorstellbar" sei. "Die Anzeigen sind teuer, sie fallen nicht einfach so vom Himmel. Große Annoncen fallen normalerweise allen am Buch beteiligten Personen auf."

"Ich halte das für einen absurden Vorgang", sagt der Lektor eines anderen renommierten Verlages zu der Maschmeyer-Finanzierung. Auf jeden Fall würde man Autoren darüber informieren, wenn ein Dritter Anzeigen für ihr Buch finanzieren wolle. "Da gibt es schließlich eine Fürsorgepflicht des Verlages. Natürlich fragt man da den Autor."

Der niedersächsische Landtag befasst sich seit Dienstagnachmittag mit den Vorwürfen gegen das Staatsoberhaupt. In einer Sondersitzung prüft der Ältestenrat prüfen, ob Wulff gegen das niedersächsische Ministergesetz verstoßen hat, als er 2008 das 500.000-Euro-Darlehen von der Ehefrau des Unternehmers Egon Geerkens annahm. Zugleich sollen seine Verbindungen auch zu anderen Geschäftsleuten durchleuchtet werden, bei denen Wulff als Regierungschef Urlaub gemacht hatte.

Ein Großteil der Deutschen ist einer Umfrage zufolge gegen einen Rücktritt des Bundespräsidenten. Nach dem am Montag erhobenen ARD-Deutschlandtrend plädieren 70 Prozent dafür, dass Wulff weiter im Amt bleiben soll. Allerdings finden es weniger als die Hälfte - 49 Prozent der Befragten - in Ordnung, wenn ein Ministerpräsident von einem befreundeten Unternehmer einen privaten Kredit annimmt.

Anmerkung der Redaktion: Bissinger ist heute nicht mehr Geschäftsführer Corporate Publishing bei Hoffmann und Campe. Wir bitten um Entschuldigung.

amz/vme/Reuters/dpa

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