Fischer auf dem "Blauen Sofa" Dalai Joschka

Im Theater gibt es ein untrügliches Indiz, ob die Aufführung mitreißend ist: Werden die obligatorischen Feuerwehrmänner interessiert lauschen oder dahindämmern? Heute waren sie ganz wach, als Joschka Fischer seine Memoiren präsentierte - als ganz entspannter Weltstaatsmann a.D.

Von Reinhard Mohr


Um kurz nach elf im gut gefüllten "Berliner Ensemble" am Schiffbauerdamm in Berlin: Der frühere Außenminister Joschka Fischer und "aspekte"-Chef Wolfgang Herles vom ZDF betreten die Bühne. Noch lehnen sich die beiden Uniformierten in der hintersten Loge etwas schläfrig zurück. Immerhin ist es Sonntagmorgen, bei dem schönen Herbstwetter draußen könnte man sich durchaus was Schöneres vorstellen. Doch es dauert nicht lange, bis auch die Brandschützer wach werden und dem Zwiegespräch über Fischers Memoiren erster Teil ("Die rot-grünen Jahre") aufmerksam folgen.

Leser und Autor Fischer: "Joschka, what's happening?"
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Leser und Autor Fischer: "Joschka, what's happening?"

Dabei war der Talk auf dem "Blauen Sofa", den seit Jahren ZDF, Bertelsmann, "Süddeutsche Zeitung" und Deutschlandradio Kultur gemeinsam veranstalten, kein hartes Frage-Antwort-Duell. Und bei einer offiziellen Buchpremiere wird dem Autoren gewöhnlich ohnehin der rote Teppich ausgerollt, Autogrammstunde inklusive. Stolz begrüßt Helge Malchow, Verlagschef von "Kiepenheuer & Witsch", Fischers Frau Minu Barati, Autor Benjamin von Stuckrad-Barre und den israelischen Botschafter Shimon Stein. Und wie zur Erinnerung an die guten alten Zeiten sitzt Kerstin Müller, einst Fraktionschefin der Grünen im Bundestag und später Staatsministerin im Auswärtigen Amt, weit hinten, ihre kleine blonde Tochter auf dem Schoß.

Wolfgang Herles spricht routiniert und angenehm unaufgeregt die wichtigsten Themen an. Er versucht erst gar nicht, Joschka Fischer private Bekenntnisse oder gar bislang verborgen gebliebene Staatsgeheimnisse zu entlocken. Auch ist das meiste in den letzten Tagen schon gesagt und veröffentlicht worden - über die rot-grüne Koalition als merkwürdig verspätetes Generationenprojekt der 68er etwa oder über den afghanisch-pakistanisch-irakischen Krisenbogen. Und auch über Fischers häuslichen Jubelausbruch beim Tor der Bayern im Champions-League-Finale gegen Manchester United, während gerade eine Telefonkonferenz der Außenminister lief und Madeleine Albright erschreckt von der anderen Seite des Atlantiks ausrief: "Joschka, what’s happening?!"

Wichtiger ist der Eindruck, der sich nach den jüngsten Auftritten verfestigt: Einst galt der Weltstaatsmann Fischer als ruppig, autoritär, unnahbar und arrogant. Seine Launen waren bei seinen Mitarbeitern wie bei Journalisten gefürchtet; von linken Parteifreunden bei den Grünen schlug ihm nicht selten blanker Hass entgegen. Allmählich aber wandelt er sich zum Dalai Joschka.

"Emotionaler Knacks" durch den Farbbeuteltreffer

So entspannt, konzentriert und in sich ruhend hat man ihn lange nicht gesehen. Er hat wieder deutlich abgenommen und wirkt wie jemand, der dabei ist, mit sich ins Reine zu kommen, buchstäblich: seine Form zu finden. Dennoch wird Katholik Fischer, der im nächsten April seinen 60. Geburtstag feiert, gewiss nicht zum Buddhismus übertreten, auch wenn ihm ein halbes Leben lang Konvertitentum, vulgo: Verrat - natürlich an der revolutionären Sache der Linken - vorgeworfen wurde.

Seine im Buch einige Seiten umfassende anschauliche Beschreibung des legendären Bielefelder Parteitags im Frühjahr 1999 zum Kosovokrieg, bei dem ihn ein roter Farbbeutel am rechten Ohr traf, beschwört diese Konstellation noch einmal herauf. "Mörder! Mörder! und "Kriegshetzer!", schallte es ihm aus vielen Kehlen entgegen. Dass die Grünen insgesamt damals nicht angemessen reagiert hätten, habe ihm einen "emotionalen Knacks" versetzt. Der, so scheint es, ist nicht geheilt.

Umso weniger, als die wilde Wut auf den ebenso Geschmähten wie Bewunderten anhält, der sich dennoch unverdrossen als Teil der demokratischen Linken betrachtet.

Wüste Leserbriefe, flammende Artikel oder gewundene Bücher handeln vorgeblich von persönlich erlebten, ja erlittenen "Jahren mit Joschka". Bis heute wird der "Verräter" Fischer als wohlfeile Projektionsfläche eigener Schwächen und Ängste, Wünsche und Sehnsüchte missbraucht.

"Sie küssten und sie schlugen ihn" - so war es immer, seit er die Turnschuhe an den Nagel gehängt hat. Nun aber scheint er seinen persönlichen Pilgerweg des Lebens gefunden zu haben. Nicht in Form einer religiös inspirierten inneren Reinigung und Läuterung auf Wanderschaft, sondern als kritischer Flaneur der eigenen Biografie, die zu großen Teilen die Geschichte einer Generation ist - und der Bundesrepublik Deutschland insgesamt: eher Reflexion als Religion. Welterkenntnis als Selbsterkenntnis.

Kleines Politikseminar im Plauderton

"Vielleicht bin ich da zu rational", sagte er heute mehrmals auf jener Bühne, die Bertolt Brecht und Helene Weigel zu einer Weihestätte des revolutionär-epischen Welttheaters machten. Fast im Plauderton hält er ein kleines Politikseminar über das Verhältnis von Wunsch und Wirklichkeit, Utopie und Politik. Plastisch erzählte er von jenem informellen Treffen im Kanzleramt 1998, als der noch amtierende Bundeskanzler Helmut Kohl den Spitzen der künftigen rot-grünen Regierung, Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine und Fischer, schweren Herzens eröffnete, Deutschland könne nicht abseits stehen, wenn die Nato dem serbischen Diktator Slobodan Milosevic mit dem Einsatz von Bomben aus der Luft droht.

Ob bei den Kriegen auf dem Balkan, Hartz IV oder der Rente mit 67 - stets gehe es weniger um das, was man im tiefsten Herzensgrunde wolle, als um das, was in einer konkreten Situation getan werden müsse, sagt Fischer. Auch wenn er sich nach wie vor weigerte, in die aktuelle Innenpolitik einzugreifen (schon gar bei "seinen" Grünen), sind die historischen Anspielungen deutlich genug - etwa bei der "unvermeidlichen Durststrecke" zwischen dem Beginn von Reformen und dem Moment, in dem sie ihre Wirkung entfalteten. Im gegenwärtigen Machtkampf zwischen SPD-Chef Kurt Beck und Arbeitsminister Franz Müntefering in Sachen Agenda 2010, so viel ist herauszuhören, wäre er auf Seiten des letzteren zu finden.

Doch er wird einen Teufel tun, sich da noch einzumischen.

Dass er jetzt einfach gemütlich zurück in sein neues Haus in Grunewald fahren kann, ohne von Peter Hahne oder Ulrich Deppendorf im strengen Vier-Minuten-Interview gelöchert zu werden, genießt er sichtlich. Es macht ja auch viel mehr Spaß, sich Lafontaine als Finanzminister und Gregor Gysi als Wirtschaftsminister einer künftigen rot-rot-grünen Bundesregierung, zum Beispiel unter Klaus Wowereit, vorzustellen. Und dann auf die Uhr zu schauen: Wie lange wird es wohl dauern, bis die beiden Helden der "Linken" ihre Ämter wieder geschmissen haben?

Sein eigenes Amt, sagt Joschka Fischer zum Schluss, habe ihn weniger verändert als die Jahre zuvor. Und die "Einschränkung der intellektuellen Freiheit"? Sie sei "eben der Preis". Der Preis der Macht.

Den zahlt Fischer nun nicht mehr, und im Augenblick ist er auf die nächste Überweisung wohl nicht besonders scharf. Schon sitzt er an Teil zwei seiner Memoiren, hält Vorträge in aller Welt, schreibt Zeitungskolumnen und führt Gespräche auf dem Blauen Sofa. "Der Unvollendete" - so hieß der Titel einer Biografie des damaligen Außenministers, die vor ein paar Jahren erschien.

Heute weiß Lebenspilger Joschka mehr denn je: Die Vollendung braucht einfach ihre Zeit.

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