Fischer im Klein-Prozess Eine Show für den Minister

Rund zweieinhalb Stunden hat Außenminister Fischer vor dem Frankfurter Landgericht im Prozess gegen seinen einstigen Mitkämpfer Hans-Joachim Klein ausgesagt. Der Vizekanzler enthüllte nichts, aber er nutzte die Vernehmung für seine eigene Botschaft. Mit Terrorismus habe er nie etwas zu tun gehabt.

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Fischer bei seiner Aussage vor dem Frankfurter Landgericht
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Fischer bei seiner Aussage vor dem Frankfurter Landgericht

Frankfurt/Main - Kälte kann echte Fans nicht abhalten. Nicht, wenn es um den, um ihren Star geht. Der hieß am Dienstag im Frankfurter Landgericht Joschka Fischer. Schon Stunden vor der Verhandlung sammelte sich vor der Tür des Gebäudes eine Traube von mehr als 50 Menschen, die geduldig bei vier Grad minus auf Einlass wartete, sorgsam beobachtet aus einem kreisenden Polizeihubschrauber. "Was tut man nicht alles, wenn man seinen Außenminister einmal vor Gericht sehen kann", begründete eine Zuhörerin ihr Ausharren unter widrigen Bedingungen.

Und die Fans bekamen das, was sie wollten. Zwar hatte der ehemalige Revoluzzer während der rund zweieinhalbstündigen Befragung durch den Vorsitzenden Richter Heinrich Gehrke zum Fall Klein wenig erhellendes zu sagen. Gleichwohl kamen die Zuschauer auf ihre Kosten. Denn Fischer nutzte die Vernehmung für eine Selbstdarstellungs-Show. Über den Joschka, bevor er in die seriöse Politik ging. Über den jungen, wilden Joschka, damals in der Siebzigern in Frankfurt. Und wie vernünftig der geworden ist. Noch einmal konnte er in aller Öffentlichkeit sein Verhältnis zum Terrorismus klarstellen: "Ich hatte mit dieser Gewalt gegen Personen oder Sachen nie etwas zu tun."

Als Fischer pünktlich um 9.30 Uhr in Begleitung seiner Bodyguards den überfüllten Saal betrat, wirkte er nicht angespannt. Lässig schlenderte der oberste Diplomat grinsend durch die Reihen der Fotografen. Seinem ehemaligen Weggefährten Hans-Joachim Klein nickte er kurz zu, bevor er im Zeugenstand Platz nahm.

Klein selbst wirkte wie schon an den vergangenen Prozesstagen fast schlafwandlerisch. Versunken in seiner schwarzen Daunenjacke, die Augen auf den Tisch gesenkt, folgte er den Ausführungen von Fischer, den er bei seiner eigenen Vernehmung zuvor als "Freund" tituliert hatte.

Richter Gehrke versuchte gleich zu Beginn, die Spannung mit Ironie zu lockern. "Herr Fischer, sehen Sie nicht auf das, was hinter ihnen, sondern auf das, was vor ihnen liegt", sagte er bezogen auf die anstehende Befragung, aber auch auf die hinter Fischer auf einem Zuhörerbalkon versammelte Presse. Fischer lächelte und nannte ganz förmlich seine Daten.

"Das ist mir nicht erinnerlich"

Doch Gehrkes Entspannungsübung schlug fehl. Schon bei der Frage nach seinem ersten Treffen mit Klein setzte beim ehemaligen "Sponti"-Kämpfer das Vergessen ein. "Das ist mir nicht mehr erinnerlich, das muss irgendwann Anfang der siebziger Jahre gewesen sein." Diese Antwort wurde im Laufe der Vernehmung Fischers Standard-Antwort.

Heraus kam, was bekannt war. Fischer und Klein kannten sich, hatten aber keine enge Beziehung. Mehrmals betonte Fischer, dass er niemals mit "Klein-Klein", wie sie ihn früher nannten, zusammen gewohnt habe. Klein sei den Diskussionen der Gruppe von Fischer intellektuell nicht gewachsen gewesen, doch gerade deshalb habe er ihn gemocht, auf "emotionaler Ebene", und das sei allen so gegangen.

Joschka Fischer bei einer Demonstration 1974: Entschlossen, "nicht mehr wegzulaufen"
DPA

Joschka Fischer bei einer Demonstration 1974: Entschlossen, "nicht mehr wegzulaufen"

Klein habe bei den wilden Debatten der linken Studentenszene ein "strukturelles Problem" gehabt, sagte Fischer und setzte schnell nach, dass er damit nicht der Einzige in der Szene war. Dabei sprach der Vizekanzler über Klein, als ob dieser gar nicht anwesend sei, gerade so, wie ein Lehrer, der den Eltern über die schlechten Leistungen der Kinder berichtet.

Doch die wichtigen Fragen blieben unbeantwortet. Zwar erinnerte das Gericht immer wieder daran, dass die Beziehung von Klein und Fischer das Thema der Befragung sei, doch es nutzte wenig. Auf konkrete Fragen kamen nur bescheidene Antworten: Ob Klein ein Waffennarr gewesen sei? "Ich habe davon nichts mitbekommen." Wann Klein in den bewaffneten Terrorismus abgewandert sei? Fischer weiß es nicht. Nur das: "Man konnte sich schon vorstellen, nachdem er Sartre nach Stammheim gefahren hat, dass er ein Kandidat für Gewalt war", erinnerte sich der Minister an die Episode, als der französische Schriftsteller Jean-Paul Sartre die Terroristin Ulrike Meinhof im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim besuchte. Aber von den Revolutionären Zellen (RZ) habe man damals noch gar nichts gewusst, beteuerte Fischer, und stets sprach er von "man" und nie von ich oder wir - eine Distanzierungsübung mittels Verzicht auf das handelnde Subjekt.

Erst als er den Angeklagten auf dem Foto aus Wien gesehen habe, auf dem Klein schwer verletzt durch einen Bauchschuss aus dem Opec-Gebäude getragen wird, habe "die Szene" und auch er begriffen, dass er abgewandert sei, bekannte Fischer. Was er da gefühlt habe, wollte der Richter wissen. "Blankes Entsetzen", antwortete der Zeuge. Die Befragung zu Kleins Terroristen-Karriere endete sodann, wie sie begann: Auch das letzte Treffen war dem Außenminister "nicht mehr erinnerlich".

Der Staatsanwalt ließ nicht locker

Mehr hatte Fischer zum Angeklagten nicht zu sagen, dafür um so mehr über sich selbst: "Ich kann nicht ausschließen, dass ich eine Vorbildrolle hatte", entgegnete er der Frage nach seiner eigenen Rolle. Aber eine einheitliche Szene sei all das nicht gewesen, deshalb könne er auch nicht Führer der Bewegung genannt werden. "Hinterher wusste jeder, dass ich gegen Gewalt war, und deshalb kamen Pläne zu Gewaltaktionen bei mir gar nicht mehr an", erinnerte sich Fischer.

Klein vor Gericht
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Klein vor Gericht

So redete sich der grüne Politiker in Form. Nun stimmte, anders als zuvor, die Betonung in seinen Sätzen. Nun lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und erzählte einfach. Und von da an gab es auch wieder ein "wir" oder "ich" in seinen Erzählungen. Die Gewalt der "Putzgruppe" sei gerechtfertigt gewesen, da man gegen ein System angekämpft habe, das die Szene ständig durch die Polizei gegängelt habe. "Windelweich" habe man ihn auf einer Demo geschlagen, da habe er sich entschlossen, "nicht mehr wegzulaufen".

Als er seinen Einfluss und die Schlagkraft der militanten Schlägertruppe betont herunterspielte, keilte Staatsanwalt Volker Rath aus: "Sie haben hier den Eindruck geweckt, dass Sie so eine Art Sozialarbeiter in der Putzgruppe waren." So etwa muss sich Fischer den Verlauf von Anfang an erhofft haben: Das Publikum lachte, der Minister durfte sich launig geben, die Provokation hatte gewirkt.

Rath ließ gleichwohl nicht locker. Er habe von Bettina Röhl - der selbsternannten Anti-Fischer-Ermittlerin - neue Unterlagen erhalten, setzte er an, aber Fischer fiel ihm gleich ins Wort: "Aus welcher Haftanstalt kommen die denn wieder?", schleuderte er dem Ankläger entgegen. In Fischers Wohngemeinschaft seien RAF-Mitglieder ein- und ausgegangen, heiße es in den Unterlagen, berichtete Rath, nur um sich ein barsches "Quatsch" aus dem Ministermund einzufangen.

Auch die weiteren Röhl-Zeugen stempelte Fischer ab. "Jeder will sich jetzt an irgendwas erinnern, aber, wie wir wissen, geht die Kampagne ja nur gegen meine Person." Wenn das so weitergehe, werde ihm und Daniel Cohn-Bendit noch vorgeworfen, "in der Wohngemeinschaft den dritten Weltkrieg geplant zu haben". Er habe nicht zu Gewalt aufgerufen, und jeder der das behaupte, müsse ein Lügner sein.

Damit waren die Verdächtigungen abgeschlossen, und für das Gericht blieb wenig Verwertbares. Die Fischer-Show endete ergebnislos, aber mit einer letzten Geste: Hastig schüttelte Fischer dem Angeklagten die Hand und lächelte ihn an, Klein lächelte wortlos zurück. Der Gewinner und der Verlierer der revolutionären Bewegung von einst haben sich nichts mehr zu sagen.



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