Fischer im Klein-Prozess "Kandidat für den Untergrund"

Außenminister Fischer hat vor dem Frankfurter Landgericht im Prozess um seinen einstigen Weggefährten Hans-Joachim Klein ausgesagt. Dabei gab er erneut seinen Angriff auf einen Polizisten im Jahr 1973 zu.


Fischer bei seiner Aussage vor dem Frankfurter Landgericht
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Fischer bei seiner Aussage vor dem Frankfurter Landgericht

Frankfurt am Main - Fischer sagte vor dem Frankfurter Landgericht, ihm sei klar gewesen, dass Klein ein "Kandidat für den Untergrund" gewesen sei. Er habe aber erst im Nachhinein erfahren, dass der spätere Terrorist in den Teil der linken Szene gegangen sei, der den falschen Weg gewählt habe. Klein sei mehr emotional und weniger intellektuell gewesen, sagte Fischer. "In der Szene hieß er liebevoll, aber auch ironisch Klein-Klein." Er wisse nicht, ob man rückblickend bei Klein von einer besonderen Gewaltbereitschaft reden könne, sagte Fischer. "Er hat sehr aktionistisch argumentiert, aber da war er nicht der Einzige."

Fischer wirkte vor Gericht sehr entspannt. Gut gelaunt beantwortete er dem Richter Fragen nach seiner Person. Fischer erzählte auf Fragen des Richters sehr ausführlich über seine Vergangenheit, schilderte Szenen aus dem damaligen Häuserkampf in Frankfurt. Er kenne Klein aus der Frankfurter Sponti-Szene der siebziger Jahre, sagte Fischer vor Gericht. Wann er ihn zum letzten Mal gesehen habe, wisse er nicht mehr.

Fischer erzählte aus der Zeit der Szene. "Man fühlte sich wie Fremde im eigenen Land", sagte er. Viele hätten den Demonstranten gesagt, sie sollten "nach drüben" gehen, also in die DDR. Fischers eigene Vergangenheit spielt bei dem Prozess keine Rolle. Er wurde vom Gericht vorgeladen, weil ihn mit dem angeklagten Ex-Terroristen Hans-Joachim Klein eine gemeinsame Vergangenheit als militanter Straßenkämpfer verbindet.

Bei seiner Zeugenaussage gestand Fischer erneut den Angriff auf einen Frankfurter Polizisten im Jahre 1973 ein. Er sei Situation erstmals nicht weggelaufen, sondern habe angegriffen, sagte Fischer. Gewalt sei damals in der linken Sponti-Szene bis zu einem gewissen Maß als legitim empfunden worden. "Wir haben uns als Revolutionäre definiert."

Klein blieb regungslos

Hans-Joachim Klein saß bei der Zeugenaussage von Fischer völlig regungslos auf seinem Platz. Er blickte kaum auf, sondern starrte die meiste Zeit vor sich hin. Fischer hatte Klein beim Betreten des Gerichtssaals mit einem kurzen Nicken begrüßt.

Der 53-jährige Klein muss sich seit Oktober wegen Mordes und Geiselnahme vor Gericht verantworten. Er hatte am 21. Dezember 1975 an dem Überfall auf die Wiener Opec-Konferenz teilgenommen, bei dem drei Menschen getötet worden waren.

Großer Andrang vor dem Gerichtsgebäude

Bereits Stunden vor der Aussage von Fischer hatten Dutzende von Menschen vor dem Eingang des Gerichtsgebäudes auf Einlass gewartet. "Ich stehe seit kurz nach sieben Uhr hier", sagte eine Zuschauerin. Für Aufregung sorgte die Aufforderung des Gerichtes, spezielle Einlasskarten vorzuweisen. "Das kann doch nicht wahr sein. Die müssen mich doch reinlassen", sagte eine Jura- Studentin, die ebenfalls knapp zwei Stunden in der eisigen Kälte gewartet hatte. Für die Zeugenaussage waren 81 Pressekarten vergeben worden. Die restlichen 84 Plätze wurden an Zuschauer vergeben. Vor dem Eingang, durch den Fischer kommen sollte, standen Dutzende von Kamerateams.



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