Fischers Memoiren Lehrstunde mit Joschka

"Ich habe das alles selbst gemacht." Bei der Vorstellung des zweiten Bandes seiner Memoiren stichelt Joschka Fischer gegen den von Plagiatsvorwürfen geplagten CSU-Mann Guttenberg. Der frühere Außenminister gibt danach aber ganz den Weltpolitiker - und weiß mal wieder vieles besser.

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Berlin - Sie kennen sich. Karl-Theodor zu Guttenberg und Joschka Fischer. Sie haben gemeinsam schon mal in München auf einem Podium diskutiert. "Das außenpolitische Geschäft in Berlin ist bedeutend langweiliger geworden", schmeichelte der CSU-Mann damals im Herbst 2006 dem Ex-Außenminister und Grünen.

Fünf Jahre ist das her. Heute ist Guttenberg Verteidigungsminister. Mit ihm ist es gerade gar nicht langweilig in Berlin, er muss sich nach Bundeswehr-Pannen nun auch noch mit Plagiatsvorwürfen wegen seiner Doktorarbeit herumschlagen.

Ausgerechnet an diesem trüben Wintertag stellt Joschka Fischer in Berlin den zweiten Band seiner Memoiren vor. Den Namen Guttenberg nimmt er dabei nicht in den Mund. Aber eines will er gleich zu Beginn, ganz der ausgebuffte Politprofi, schon mal klarstellen: "Ich habe das alles selbst gemacht, keine Hilfe, keine Mitarbeiter, nix".

Die Journalisten im Saal lachen, der Verleger von Kiepenheuer&Witsch auch. Fischer grinst in die ersten Stuhlreihen der Akademie der Künste hinab. "Fußnoten", sagt er, "gibt es allerdings keine, darauf habe ich verzichtet - weil es die Lesbarkeit erschwert hätte." Am Ende lobt er auch noch seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, der Daten und Fakten überprüft hat.

Es ist, mal wieder, eine kleine Fischer-Lehrstunde.

Ein bisschen sticheln, dann aber geht es zügig in die Weltpolitik. Um das große Ganze, Visionen. Der Aufstieg Chinas - "ein Epochen-Vorgang!" Man sehe die "amerikanische Dominanz" in unseren Tagen zu Ende gehen, Deutschlands Anteil an der Weltwirtschaft nehme ab. Die Demokratiebewegungen in der arabischen Welt müsse man unterstützen, auch wenn es völlig offen sei, in welche Richtung das gehe.

Fischer, der Weltpolitiker: Das Cover seines zweiten Memoirenbandes ziert das Foto eines denkwürdigen Auftritts - der Deutsche neben US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Damals im Februar 2003 auf der Münchener Sicherheitskonferenz, schleuderte er ihm den Satz entgegen: "I am not convinced."

Es ist auch der Titel seines Buches. Es ist die Chiffre für die wahrscheinlich im Rückblick größte Leistung von Rot-Grün: Das Nein zum Irakkrieg. Die längst erschienenen Memoiren der anderen großen Mitspieler, die in jenen entscheidenden Monaten rund um dem Irakkrieg entscheidende Akteure waren - US-Präsident George W. Bush, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Großbritanniens Premier Tony Blair - hat Fischer alle nicht gelesen. Es habe ihm die Lust verschlagen, "weil ich die Verdrehung von Tatsachen und Lügen einfach satt bin", sagt er.

Rot-Grüne Leistungsbilanz

Fischer hat in diesen Tagen eine Menge Interviews gegeben. Auch bei seinem Auftritt in der Akademie am Pariser Platz geht es nicht nur um den Irakkrieg. Es geht um mehr - letztlich um die Verteidigung der rot-grünen Ära, eigentlich um zwei Männer: Joschka Fischer und Gerhard Schröder. Zum Ex-Kanzler gibt es im Anhang seines Buches folglich auch die meisten Einträge. Zwei Alphatiere, die sich gelegentlich kräftig beharkten, vor allem, als um die richtige Strategie im Uno-Sicherheitsrat ging. "Robuste Charaktere" seien sie beide, "ein Stück weit egomanisch". Auf jeden Fall aber: "Eine großer Kanzler", sagt er und gibt den Demütigen: "Ich darf sagen, ich war dabei."

Es ist, wer wollte es dem Vollblutpolitiker verdenken, auch eine Leistungsbilanz. Rot-Grün habe Weichenstellungen vorgenommen, "die über den Tag hinaus gelten". Fischer zählt auf: Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, die Zuwanderungdebatte, die Staatsbürgerschaftsreform, auch wenn diese nur halb gelungen sei, die Energiepolitik. Und, ja, auch die Hartz IV-Reform.

Über Schwarz-Gelb muss Fischer gar nicht lästern. So wie er Rot-Grün in der Akademie ausschmückt, klingt es wie das leuchtende Gegenbeispiel zu Angela Merkel und Guido Westerwelle. Das rot-grüne Bündnis habe "in erster Linie auf Gestaltung und nicht Verwaltung gesetzt." Das damalige Kabinett? "Das war kein schwaches Kabinett, das waren keine schwachen Figuren." Die Schlachten der Vergangenheit sind längst vorbei. Selbst die frühere SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, mit der er sich einst Kompetenzstreitigkeiten lieferte, bezieht er in sein Lob mit ein. Und die Grünen? "Meine Zeit war zu Ende", jetzt seien die Jüngeren dran.

Schäuble kommt glimpflich davon

Dagegen heute?

Der Ex-Vizekanzler ist schwer enttäuscht, was die Definition der Rolle Deutschlands angeht.

Nur acht Kanzler habe die Bundesrepublik bis heute gestellt. Da gehe es immer auch um die Frage: "Was sind die strategischen Interessen unseres Landes?" Ein Land mit einer gebrochenen Geschichte wie Deutschland müsse sich fragen: "Wohin geht es?" Darauf gebe es nicht nur keine Antworten, sondern auch mangelndes Interesse, rüffelt Fischer - "nicht nur in der Regierung - tut mir leid es sagen zu müssen - auch in der Opposition."

Fischer hat Helmut Kohl in diesen Tagen wiederholt als großen Europäer gelobt. Über Merkel sagt er lediglich einen Satz: Er sei froh, dass sie in der Europapolitik endlich auf eine gemeinsame Wirtschaftsregierung dränge.

Nur der Bundesfinanzminister kommt glimpflich davon. Vor Jahren hat Fischer einmal ein Buch von Wolfgang Schäuble vorgestellt. Dessen europapolitische Rolle ehre ihn, "aber die Einsamkeit gibt mir gleich wieder zu denken." So verteilt der Ex-Vizekanzler munter Noten. Auch die neue EU-Außenministerin Lady Ashton fällt in Ungnade, stattdessen lobt er einen sozialdemokratischen Bekannten - mit Frank-Walter Steinmeier wäre man besser aufgestellt. Nur über Guido Westerwelle, den liberalen Nachnachfolger im Auswärtigen Amt, fällt kein Wort. Auch das ist ein Statement.

Am Ende wird Fischer gefragt, ob es eigentlich irgendjemanden gebe, der neben ihm bestehen könne. Dem Ex-Minister fällt da ein anderer Tadelmeister der Republik ein, einen bejahrten Altkanzler. "Sollte ich mich tatsächlich zum Enkel von Helmut Schmidt entwickeln,", schmunzelt er über das ganze Gesicht, "täte mir das leid."

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Seite 1
mackeldei 17.02.2011
1. Der Staatsmann
Zitat von sysop"Ich habe das alles selbst gemacht." Bei der Vorstellung des zweiten Bandes seiner Memoiren stichelt Joschka Fischer gegen*den von Plagiatsvorwürfen geplagten*CSU-Mann Guttenberg.*Der frühere Außenminister gibt danach aber ganz den Weltpolitiker - und weiß mal wieder vieles besser. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746143,00.html
Ja, er hat alles selbst gemacht. Bei Studentenkrawallen mitgemacht ,obwohl er kein Abitur geschafft hat. Einen liegenden Polizisten in den Bauch getreten, fünf Meter weggegangen ,wieder zurückgekommen und den Polizisten nochmals in den Bauch getreten. Die Bilder konnte man im Fernsehen genau betrachten. Was er im Palestinenserlager suchte, weiss ich nicht genau.Dann hat er aber den großen Staatsmann und zuletzt den Professor gespielt. Die Presse blieb aber schon unheimlich still, ganz im Gegensatz zu Guttenberg ,der vielleicht bei seiner Doktorarbeit einige Zitate aus nicht gekennzeichnet hat.
biobanane 17.02.2011
2. .
Zitat von mackeldeiJa, er hat alles selbst gemacht. Bei Studentenkrawallen mitgemacht ,obwohl er kein Abitur geschafft hat. Einen liegenden Polizisten in den Bauch getreten, fünf Meter weggegangen ,wieder zurückgekommen und den Polizisten nochmals in den Bauch getreten. Die Bilder konnte man im Fernsehen genau betrachten. Was er im Palestinenserlager suchte, weiss ich nicht genau.Dann hat er aber den großen Staatsmann und zuletzt den Professor gespielt. Die Presse blieb aber schon unheimlich still, ganz im Gegensatz zu Guttenberg ,der vielleicht bei seiner Doktorarbeit einige Zitate aus nicht gekennzeichnet hat.
Ach, 68 musste man das Abi zum demonstrieren haben? Leider habe Sie keinerlei Ahnung von den damaligen Diskussionen, ist aber jetzt auch nicht das Thema. Ja, die Bilder gab es in den rechten Medien. Ob sie stimmen,, das mag Joschka alleine wissen. Mir ist übrigen ein Politiker lieber, der sich in seiner Jungen voll und ganz für seine Ideen eingesetzt hat, als jemand, der von dem Familienvermögen lebt und irgendwann mal auf die Idee kommt, er könne Politiker werden.
sukowsky, 17.02.2011
3. Genug schöngeredet
Dieser Herr hat schon genug schöngeredet. Oh hätte er doch nur geschwiegen.
localpatriot 17.02.2011
4. Ein selbstgemachter Mann - ein deutscher Traum
Zitat Fischer, der Weltpolitiker: Das Cover seines zweiten Memoirenbandes ziert das Foto eines denkwürdigen Auftritts - der Deutsche neben US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Damals im Februar 2003 auf der Münchener Sicherheitskonferenz, schleuderte er ihm den Satz entgegen: "I am not convinced." Rafid Ahmed Alwan al-Janabi war laut einem Artikel von Martin Chulov und Helen Pidd im Gardian News and Media der kuerzlich in Karlsruhe der Weltoeffentlichkeit seine Luegen ueber Saddam Hussein Massenvernichtungsmittel gestanden hat. Ohne Abitur und ohne Universitaetsstudium hat Herr Fischer den unwahrscheinlichen Bloedsinn den dieser Mann den Sicherheitsorganen seinerzeit angedrreht hatte erkannt und dafuer stehr er als Staatsmann an einsamer Spitze. Dass er den Mut hatte Donald Rumsfeld seine Meinung zu sagen erhoehte seinen Ruf zu dieser Zeit erheblich. Herr Fischer ist die grosse Ausnahme in Deutschland: ein Self made Man, ein selbstgemachter Mann. Man sollte auf ihn stolz sein, auch diejenigen die sich hinter Titeln und Privileg verstecken. Good on you - Joschka. Herr Fi
onkel hape 17.02.2011
5. Respekt.
Fischer hat aus seinem Leben etwas gemacht, war ein intelligenter, fähiger, selbstbewusster und weltweit geachteter Außenminister, Respekt. Er hat aber auch einen erkennbaren Hang zur Selbstüberschätzung, Arroganz und hält sich für einen der größten Politiker, den dieses Land je hervorgebracht hat, was nicht zutrifft. Sein Buch "Der lange Lauf zu mir selbst" habe ich damals gelesen u. ihn für seine Disziplin bewundert, mit der er es geschafft hat, durch stundenlanges Laufen 40 Kilo abzunehmen. Danach sah er fast aus wie ein Konfirmand oder ein Ghandi für Arme. Mit seiner Glaubwürdigkeit ist es nicht weit her, denn Alles, was er damals über sich geschrieben hat, scheint er vergessen zu haben. Heute ist er ein aufgeblasener, schwer übergewichtiger Polit-Rentner, dem man sein Wohlleben als Vertreter der hedonistischen "Toskana-Fraktion", die keinen Rotwein unter 50 Euro trinkt, ansieht. Möge er trotzdem noch nach dem Motto "dem Staat einen gesunden Pensionär zu erhalten" lange leben u. seine üppigen Altersbezüge und die Tantiemen aus seinen Büchern, die durchaus lesenswert sind, genießen.
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