Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Mehr als Hitler geht nicht

Glaubt man der Kritik, ist mit dem Skandalbuch "Deutschland von Sinnen" eine Neuauflage von "Mein Kampf" erschienen. Ist der Autor Akif Pirinçci also der neue GröFaZ? Eine genaue Lektüre gibt Aufschluss.

Schock für alle Manufactum-Kunden: Eben haben sie noch überlegt, was von dem Gurkenhobel zu halten ist, der das Gemüse in eine einzigartige Wellenform bringt - nun müssen sie lesen, dass sie sich wegen des Unternehmensgründers im Dunstkreis einer Zeit bewegen, von der sie dachten, dass sie für immer vergangen sei.

89 Jahre ist es her, dass Adolf Hitlers "Mein Kampf" erschien. Seit 1945 ist das Buch in Deutschland verboten. Doch wenn man dem Feuilleton glauben darf, ist gerade eine Art Neuauflage auf den Markt gekommen, und zwar in dem Verlag des Manufactum-Vaters Thomas Hoof. Der Verleger bezieht den Werbespruch "Es gibt sie noch, die guten Dinge" nicht nur auf Tiroler Filzpantoffeln und englische Minzcremepralinen, sondern demnach offenbar auch auf politische Bekenntnistexte.

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass die nächste nationale Revolution in einem Versand für Haushaltswaren beginnen könnte. Ich war dieser Tage in einem der Geschäfte, um mir die Anhänger der neuen Bewegung anzusehen. Es fällt nicht ganz leicht, in dem 45-jährigen W2-Professor in Fjällräven-Jacke oder der Kurzhaarfrau mit Riemensandale die künftige Herren- und Damenrasse der Welt zu sehen. Aber wer weiß: Mit ein wenig Ausdauertraining und Hilfe der "Turnkeule Buchenholz" (Bestellnummer 6065 9671, 79,00 Euro), lässt sich sicher einiges bewerkstelligen.

Man will ja wissen, was auf einen zukommt

"Deutschland von Sinnen - Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer" heißt das Skandalbuch von Akif Pirinçci, das den Kritikern die Haare zu Berge stehen lässt und den Literaturchef der "Zeit" dazu veranlasste, den Autor mit Hitler zu vergleichen . Ich gebe zu, ich habe mir das Buch erst aufgrund der Rezensionen besorgt. Wenn ein Buch als Nachfolger von "Mein Kampf" gilt, ist man irgendwie verpflichtet, einen Blick hineinzuwerfen. Man will ja wissen, was auf einen zukommt.

Ist Pirinçci der neue Hitler? Wie so oft beim Schreiben zeigt sich die Unfähigkeit zur Werktreue schon im ersten Satz. "Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir im Alter von zehn Jahren als Wohnsitz gerade Ulmen in der Eifel zuwies": Das wäre ein ordentlicher Anfang für ein Buch gewesen, das dem Vorbild nacheifert. Doch wie beginnt unser deutschtürkischer Autor? "Deutschland, o du goldenes Elysium! Du kraftvoller Stier!" So schreibt man vielleicht im Osmanischen Reich. Auch was die biografischen Details angeht, bleibt der neue "Mein Kampf" weit hinter dem Original zurück: Statt Fronterfahrung und Gefängnis hat Pirinçci als Leidenserlebnis nur eine gescheiterte Beziehung zu bieten.

Man kann alles sehr ernst nehmen, was Pirinçci schreibt, man kann es aber auch als Aufstand gegen die Dauerindigniertheit lesen, die in bestimmten Kreisen den Umgangston ausmacht. Tatsächlich steht Pirinçci in einer Schmäh- und Beleidigungstradition, die über Heine bis Henscheid reicht. Was für den Betroffenen eine furchtbare Zumutung ist, liest sich für den emotional Unbeteiligten streckenweise sehr komisch. Kaum etwas ist unterhaltsamer als eine phantasievoll vorgetragene Invektive.

Über die AfD kann Pirinçci nur lachen

Interessanter als der Inhalt sind die nahezu hysterischen Reaktionen. "Zynisch", "roh", "brutal", "enthemmt", "vulgär", "volksverhetzend", "obszön", "bizarr", "menschenverachtend", "xenophob", "gefährlich" sind die Adjektive, mit denen "Deutschland von Sinnen" belegt wird, als gelte es, einen Bannkreis abzustecken. Das Buch verkauft sich nach allem, was man hört, prima; aber dass deshalb die politische Landschaft in Deutschland bald anders aussehen würde, ist nicht zu erwarten. Was will man eigentlich schreiben, wenn es wirklich ernst wird? Mehr als Hitler geht nicht.

Die meisten Leser werden mit dem Text weniger anfangen können, als ihnen die Kritik verspricht. Für das klassische Sarrazin-Publikum ist er zu wüst und sexbesessen, und für die Zoten-Gemeinde wiederum, die sich normalerweise von Leuten wie Mario Barth unterhalten lässt, zu überdreht und anspielungsreich. Über die AfD, die ihn ständig einlädt, kann Pirinçci nur lachen. Anders als Sarrazin, der alles dafür tut, seinem Publikum zu gefallen, ist der Mann ein Anarchist, von dem man nicht weiß, ob er nicht im nächsten Moment auf die Leute losgeht, die ihn zu ihrem Helden erkoren haben.

Die andere Frage ist, warum das Buch ausgerechnet bei Manuscriptum erschienen ist. Das Versandhaus Manufactum hat darauf hingewiesen, dass Firmengründer Hoof seine Anteile schon vor Jahren verkauft hat, was allerdings nichts daran ändert, dass sein Geist in dem Unternehmen bis heute wach ist. Ein Einkauf bei Manufactum ist immer auch ein Statement für eine einfachere, nachhaltigere, irgendwie bessere Welt. Wo Trappistinnen ihr Puddingpulver im tiefsten Schweigen mit Algenextrakten anreichern, sind die Zumutungen der Moderne in großer Entfernung.

Genau gesehen passt Pirinçci gar nicht in diese Welt zwischen Kräutergarten und Heimwerkertümelei. Dazu ist er viel zu irre und, man mag es kaum schreiben: zu kosmopolitisch.

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