Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die Mär vom armen Opfer Sarrazin

Machen Sie sich bereit für den neuen Sarrazin: Die Startauflage liegt bei 100.000 Exemplaren. Nicht schlecht für ein Buch mit der These, dass man in Deutschland seine Meinung nicht frei äußern dürfe.
Bestseller-Autor Sarrazin: "Wer bestimmt, was gesagt werden darf?"

Bestseller-Autor Sarrazin: "Wer bestimmt, was gesagt werden darf?"

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

Am 24. Februar erscheint das neue Buch von Thilo Sarrazin. Es heißt "Der neue Tugendterror" und behandelt die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. In der Ankündigung steht, dass jeder hierzulande als "Nestbeschmutzer" ausgegrenzt werde, der Dinge ausspreche, die nicht ins vorherrschende Weltbild passten. "Mit gewohntem Scharfsinn prangert Thilo Sarrazin diesen Missstand an", heißt es dazu in der Verlagsvorschau, weshalb der ehemalige Berliner Finanzsenator dort auch als "Querdenker" firmiert, "der sich nicht scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen".

Nun ist "Querdenker" als Verlagsempfehlung heute etwa so einfallsreich wie die Behauptung, jemand habe keine Scheu, "heiße Eisen anzupacken". Wirklich originell wäre zur Abwechslung mal der Hinweis, der Autor hege eine ausgeprägte Vorliebe für die bequeme Wahrheit. Bei der DVA, wo schon die ersten beiden Sarrazin-Bücher erschienen sind, setzt man gleichwohl große Hoffnungen auf das neue Werk.

Die Startauflage beträgt 100.000 Exemplare, auch sonst lässt sich der Verlag nicht lumpen. "Wir werben in 'Frankfurter Allgemeine Zeitung', 'Zeit', 'Welt', 'Zeit Online'", kündigt die DVA an, also da, wo man das Sarrazin-Publikum vermutet. Dazu kommen laut Prospekt: "Große Pressekonferenz", "Talkshow-Auftritte", "großes Medienecho". Was man eben so erwarten kann bei einem Buch, das zum Thema hat, dass man in Deutschland seine Meinung nicht frei äußern darf.

Sarrazin und das Meinungskartell

"Wer bestimmt, was gesagt werden darf - und worüber geschwiegen werden muss?", fragt Sarrazin in der Vorschau zu seinem neuen Buch. Schwer zu beantworten in einer entwickelten Demokratie, sollte man meinen. Die Zeitschrift "Cicero" veröffentlicht von Zeit zu Zeit eine Liste der 500 wichtigsten deutschsprachigen Meinungspersönlichkeiten, gewichtet nach öffentlichen Auftritten, Publikationen und Zitierungen. Nach diesen Kriterien gehört Sarrazin zu den Top-Meinungsbildnern in Deutschland.

Aber so ist die Frage selbstverständlich nicht gemeint. Sarrazin vermutet eine Art Meinungskartell, das darüber wacht, wer dazu gehören darf und wer nicht. Keine schlechte Idee für eine erfolgreiche Buchreihe, muss man sagen. Schon mit seinem Erstling saß er in jeder deutschen Talkshow. Sein Verlag hatte Vorabdrucke in "Bild"-Zeitung und SPIEGEL organisiert, es gab keine Zeitung, die nicht eine ausführliche Rezension im Blatt hatte. Wenn so Meinungsterror in Deutschland aussieht, wären viele Leute auch gerne mal betroffen. Dann wären sie heute Millionär.

Wann immer in Deutschland davon die Rede ist, dass man bestimmte Dinge nicht offen ansprechen könne, fällt unweigerlich der Name Sarrazin. Seit ihm die Bundeskanzlerin den Gefallen getan hat, sein Buch in einer Kurzrezension politisch zu bewerten, ist er so etwas wie das Aushängeschild der Bewegung, die sich unter dem Stichwort der "Politischen Korrektheit" zusammenfindet - beziehungsweise im Kampf dagegen. Dabei ist es völlig nebensächlich, dass die Kanzlerin nicht gerade eine typische Vertreterin des linken Meinungskartells ist. Auch die Frage, ob sie ein Buch hilfreich findet oder nicht, hat in einer Mediengesellschaft eher wenig Folgen.

Verführerische Opferidee

Es wäre unsinnig zu leugnen, dass es nicht den Versuch gäbe, Diskursgrenzen abzustecken. Diese Art der Erledigung unliebsamer Auffassungen durch Ausgrenzung oder Tabuisierung gehört seit Aristoteles zum politischen Geschäft. Nur weil jemand versucht, einem den Mund zu verbieten, heißt das allerdings noch lange nicht, dass man den Versuch auch hinnehmen muss. Es gibt viele Möglichkeiten, die Diskurshoheit zurückzuerobern. Man kann widersprechen oder seinerseits versuchen, Grenzen zu ziehen. Besonders wirksame Waffen im Kampf gegen Meinungsmonopole sind Ironie und Spott.

Das PC-Opfer ist die rechte Gegenfigur zum linken Minderheitendiskurs. Was in dem einen Fall das Patriarchat, die herrschenden Eliten oder ganz allgemein das System, sind im anderen die Wächter der Political Correctness. So tröstlich der Gedanke sein mag, dass einen höhere Kräfte niederhalten, so wenig hat dies in der Regel mit der Realität zu tun. Manchmal mangelt es einfach an Originalität oder dem Vermögen, seine Gedanken zu Papier zu bringen, wenn man nicht ausreichend Gehör findet. Diese Einsicht ist zugegebenermaßen weniger tröstlich als der Glaube an die Macht der Meinungswächter, deshalb ist die Opferidee ja auch so verführerisch.

Die Wahrheit ist, dass Sarrazin für sein Publikum nie viel übrig hatte. Die Bewunderung der Leser, die ihn groß gemacht haben, schmeichelt ihm, ihre Zustimmung aber zählt für ihn nicht wirklich. Sarrazin sehnt sich nach der Anerkennung der Kreise, in denen er sich bewegt hat, als er noch der etwas schrullige, aber geschätzte Finanzexperte war, und nicht der umstrittene Bestsellerautor. In diesem Milieu ist Sarrazin durch seine Bücher zum Außenseiter geworden. Das ist die Ausgrenzung, die ihn schmerzt und gegen die er eigentlich anschreibt.

Im Fall Sarrazin liegt eine Verwechslung vor. Nur weil einem eine bestimmte Elite die kalte Schulter zeigt, heißt das noch lange nicht, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet sei.

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Foto: SPIEGEL ONLINE