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29. August 2013, 14:39 Uhr

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

"Nazis, verpisst euch!"

Eine Kolumne von

Linke Schläger gehen auf Wahlkämpfer der Alternative für Deutschland los - und kaum jemand empört sich. Anders herum, bei einer Attacke von rechts gegen links, funktionieren die Reflexe tadellos.

Nehmen wir einmal an, bei der Wahlkampfveranstaltung einer jungen Partei, die für ihren Einzug in den Bundestag kämpft, würde eine Gruppe Rechtsradikaler auftauchen, um die Zuhörer einzuschüchtern. Der Vorsitzende, der gerade spricht, würde von zwei Schlägern attackiert und von der Bühne gestoßen. Eine Reihe von Umstehenden, darunter zwei Kinder, müssten sich anschließend wegen des Einsatzes von Pfefferspray behandeln lassen. Ein Parteimitglied, das dem bedrängten Redner zur Hilfe eilen wollte, würde mit einem Messer bedrängt.

Auf das Echo müsste man nicht lange warten: Eine Reihe von Politikern würde erklären, wie erschüttert sie über den Angriff seien, und versprechen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit sich ein solcher feiger Anschlag nicht wiederhole. Im Landtag würden ein paar aufrechte Abgeordnete eine aktuelle Stunde beantragen, um über die wachsende Gefahr von Rechts zu beraten. In den Medien gäbe es besorgte Kommentare zur Wehrhaftigkeit der Demokratie, und das Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung wäre mit einer Studie über Motive und Hintergrund rechter Gewalttäter zur Stelle.

Der Vorfall ist real. Der Angriff hat sich am vergangenen Samstag bei einem Wahlkampfauftritt in Bremen zugetragen, die betroffene Partei heißt "Alternative für Deutschland" (AfD). Doch außer ein paar Zeitungsartikeln, in denen der Polizeibericht referiert wurde, hat man sich in diesem Fall jede weitere Diskussion erspart. Nur der wackere Johannes Kahrs von der SPD hielt es für notwendig, eindringlich an das Recht aller Parteien zu erinnern, "ungestört Wahlkampf zu machen".

Attacken aus dem linksradikalen Spektrum

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die AfD Attacken aus dem linksradikalen Spektrum erwehren muss. Seit Wochen werden regelmäßig Plakate zerstört oder mit "Nazis verpisst euch"-Aufklebern überklebt. Immer wieder kommt es an Infoständen zu Auseinandersetzungen, bei denen Parteimitglieder beschimpft oder körperlich angegangen werden. In Nürnberg erlitt der dortige Direktkandidat Schläge und Tritte gegen Kopf und Schulter, als er seinen Stand schützen wollte. Am vergangenen Sonntag, nur wenige Stunden nach dem Angriff auf Parteichef Bernd Lucke, musste sich eine AfD-Aktivistin in Schwerin nach einem Schlag auf den Kopf in ärztliche Behandlung begeben.

Ich hege keine besonderen Sympathien für die AfD. Wenn es eine Lehre aus der Finanzkrise zu ziehen gibt, dann doch wohl die, dass man nicht zu viel auf die Prognosefähigkeit von Ökonomen geben sollte. Mir ist es ein Rätsel, warum die Leute ihre Hoffnung nun auf einen Hamburger Wirtschaftsprofessor setzen, der ihnen sagt, dass ein Euro-Austritt schon gutgehen wird. Ich weiß nicht, wie hoch Herr Lucke das Risiko einschätzt, dass es entgegen seinen Berechnungen doch schief läuft: Ich jedenfalls möchte mich ungern auf seine Rechenkünste verlassen.

Aber man muss schon ziemlich vernagelt sein, um in dieser Partei eine Gefahr für die Demokratie zu sehen. Offenbar reicht es, dass man sich Gedanken um den Verbleib deutscher Steuergelder macht, um als Verfassungsfeind oder Schlimmeres zu gelten. "Wir wollen nicht, dass solche und andere rechte Parteien ihr nationalistisches, rassistisches, antisemitisches und islamfeindliches Gedankengut verbreiten können, auch nicht im Wahlkampf", heißt es bei der Grünen Jugend, die auch 68 Jahre nach Kriegsende noch unverdrossen mit deutschen Nazis aufräumt. Man kann nicht nur in der vierten Generation Vertriebener sein, wie sich zeigt, sondern auch Widerstandskämpfer.

Zwei Sorten Gewalt

Es hat in Deutschland Tradition, zwischen linker und rechter Gewalt einen Unterschied zu machen. Sobald man sich eine der umlaufenden "Anti"-Losungen ans Revers heften kann - gegen Sexismus, Rassismus und Krieg -, ist auch der offene Terror fashionable. Schon die Achtundsechziger fanden es lustig, ihnen Missliebige aus dem Fenster zu hängen oder anderweitig zu malträtieren. Heute sprengt man eben die nächste Veranstaltung, die einem nicht passt, oder tritt einen Infostand zusammen.

Es war übrigens kein rechter Scharfmacher, sondern der später heilig gesprochene Jürgen Habermas, der 1967, im ersten Erschrecken über die wieder zutage tretende Radikalität, vom "linken Faschismus" sprach und diesem Verdikt, kaum einschränkend, hinzufügte: "Jedenfalls glaube ich Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen." Habermas blieb mit seiner Einschätzung im akademischen Milieu allerdings alleine, wie die weitere Entwicklung zeigte. Er hat sich dann auch bald für seine Wortwahl entschuldigt, womit ihn die Studenten wieder lieb hatten.

Die Unduldsamkeit mit abweichenden Meinung entspringt nicht besonderem Scharfsinn, sondern im Gegenteil eher Gedankenfaulheit: Wer andere niederbrüllt oder sonstwie zum Schweigen bringt, muss sich nicht die Mühe machen, ihre Argumente zu widerlegen. Tatsächlich bringt es die Erregungswilligen in arge Verlegenheit, wenn sie begründen sollen, was sie so schlimm finden, dass es ihnen die Sprache verschlägt. Auch darin sind sich linke und rechte Krawallbrüder gleich, aller Vorbildung, die Erstere von Letzteren trennen mag, zum Trotz.

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