Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Sag das T-Wort nicht!

Sie dachten, Toleranz sei eine gute Sache? Da haben Sie die neueste Entwicklung verschlafen. Zum Glück gibt es jetzt ein Glossar, was man über Einwanderer sagen kann und was nicht: "Migrationshintergrund" ist schon wieder out.

Eine Warnung an alle, die bislang glaubten, Toleranz sei eine gute Sache: Passen Sie in Zukunft auf, was Sie sagen. Toleranz ist nicht so harmlos, wie Sie vielleicht dachten. Wenn Sie Pech haben, sitzen Sie damit ganz schnell in den Nesseln. Seit die ARD vergangene Woche ihre Toleranzwoche startete, kann man jetzt überall lesen, warum Toleranz eine Idee von gestern ist. Wer sich tolerant zeigt, demonstriert dem anderen damit, dass er auf ihn herabsieht, weil jede Toleranz immer auch ein Ende hat.

Ich gebe zu, das ist etwas verwirrend. Jahrelang hat man uns eingeredet, wie wichtig es ist, sich anderen Kulturen und Lebensformen gegenüber aufgeschlossen zu zeigen. Und nun das: Wer stolz auf seine Toleranz ist, beweist damit nur, wie wenig er in Wahrheit von anderen hält. "Toleranz ist ein Wort mit einem hässlichen Unterton", las ich in der "SZ", der ich in solchen Dingen blind vertraue. Toleranz sei in Europa "eine Frage der Macht, auch der Demütigung", also gewissermaßen eine Fortführung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Genauso gut können Sie gleich von Eingeborenen oder Mohren reden.

Ich bin sofort bereit, auf Toleranz zu verzichten. Die Frage ist, was die Alternative wäre. Intoleranz ist ja auf Dauer auch keine Antwort. Akzeptanz klingt gut, aber führt nicht wirklich weiter, weil Akzeptanz ebenfalls an Grenzen stößt. Auf einem Podium, auf dem ich am Wochenende saß, schlug jemand stattdessen Respekt vor. Das wiederum erschien mir etwas wenig. Nur weil ich jemand anderen respektiere, heißt das ja noch lange nicht, dass ich ihn willkommen heiße. Außerdem löst es das eigentliche Problem nicht, nämlich wie man die Trennung in wir und sie überwindet.

Menschen mit Migrationsgeschichte

Der richtige Umgang mit dem Fremden ist ein schwieriges Feld, wie sich wieder einmal zeigt. Bei der Veranstaltung, zu der ich eingeladen war, ging es darum, wie man in den Medien für mehr Vielfalt sorgen kann. Organisiert wurde sie von einem Verein, der sich "Neue deutsche Medienmacher" nennt und gegründet wurde, um mehr Nachwuchs aus Einwandererfamilien in den Redaktionen unterzubringen.

Für mich war die Veranstaltung ein Gewinn. Ich habe bei der Gelegenheit zum Beispiel gelernt, dass man als fortschrittlich gesinnter Mensch auch nicht mehr von Menschen mit Migrationshintergrund redet, wenn man über Leute spricht, deren Eltern außerhalb von Deutschland geboren wurden. Es heißt ab sofort Menschen mit Migrationsgeschichte. Hintergrund klinge irgendwie dunkel, wurde mir erklärt, so als hätte sich jemand in der Vergangenheit etwas zu Schulden kommen lassen.

Die "Neuen deutschen Medienmacher" haben jetzt ein Glossar erstellt, das sie an alle Chefredakteure verteilen wollen, damit diese bei der Berichterstattung keine Fehler mehr machen. Ich halte das für eine verdienstvolle Sache, schließlich gibt es viele Leute, die wie ich unsicher sind, was man sagen soll und was nicht. Die Schwierigkeit beginnt schon bei der korrekten Bezeichnung für Deutsche, die schon immer in Deutschland leben.

"Deutsche ohne Migrationshintergrund"

"Einheimische" erzeugt ein schiefes Bild, da viele Eingewanderte und ihre Kinder hier längst heimisch sind, wie es in den Formulierungshilfen des Vereins zu Recht heißt. Auch "Herkunftsdeutsche" und "Deutsche ohne Migrationshintergrund" sind umstritten: Bei beiden Bezeichnungen schwingt die Vorstellung mit, es gäbe eine Zuordnung in echte und nicht echte Deutsche. Eine Zeit lang hat man es mit "Bio-Deutschen" versucht, bis jemand fand, das klinge zu sehr nach Genetik.

Ein Vorschlag lautet jetzt "Standard-Deutsche" beziehungsweise "Copyright-Deutsche", um auf die "Norm-Vorstellungen" aufmerksam zu machen, von der Deutsche mit Migrationsgeschichte vermeintlich abweichen. Keine Ahnung, ob sich das durchsetzen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Chefredakteure erst einmal zurückzucken, weil sie Angst haben, die Leser denken, die Klon-Debatte habe jetzt die Integrationspolitik erreicht.

Ich persönlich bin ein großer Fan von mehr Vielfalt. Ich bin nur nicht sicher, ob der Weg, mehr Menschen einzustellen, die einen ausländischen Namen tragen, automatisch zum Ziel führt. Wer sich unter Leuten umhört, die Veranstaltungen wie die der "Neuen deutschen Medienmacher" besuchen, stellt schnell fest, dass sich die "unterschiedlichen kulturellen Kompetenzen", von denen immer die Rede ist, in der Regel auf ein paar Besuche in der Heimat der Eltern beschränken. Was die Lebensweise oder die politischen Vorstellungen angeht, ist kein Unterschied festzustellen zu den Deutschen mit deutschem Hintergrund, die ansonsten die Redaktionen bevölkern.

"Eine praktizierende Muslimin könnte die Toleranz einer Redaktion ziemlich schnell auf die Probe stellen", hat Bernd Ulrich von der "Zeit" angemerkt, der auf dem Podium neben mir saß. Abgesehen davon, dass Ulrich bei der Neudefinition des Toleranz-Begriffs offenbar ebenfalls etwas hinterherhinkt, hat er in der Sache absolut recht.

Wer es mit der Vielfalt ernst meint, müsste zur Abwechslung mal jemanden einstellen, der in seinen Artikeln zum Ausdruck bringt, was in vielen arabischen Einwandererfamilien von einer Reihe liberaler Grundüberzeugungen gehalten wird. Die Frage ist nur, ob das dann noch unter kultureller Bereicherung läuft.