Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Wir Super-Journalisten

Lange hat sich der Journalismus nicht mehr so blamiert wie bei der Niedersachsen-Wahl. Nahezu alle Vorhersagen lagen daneben. Aber stört das die Beteiligten? Iwo. Die Verblüffungsresistenz gehört zum Mediengeschäft.
ARD-Mann Schönenborn mit Wahlsiegern Wenzel (Grüne), Weil (SPD): Verblüffungsresistent

ARD-Mann Schönenborn mit Wahlsiegern Wenzel (Grüne), Weil (SPD): Verblüffungsresistent

Foto: dapd

Journalisten haben es auch nicht leicht. Den ganzen Tag am Schreibtisch, um sich einen Reim auf die Welt zu machen. Und dann weigert sich die Wirklichkeit, so zu werden, wie man es vorausgesagt hat. Frustrierend.

Zum Beispiel Niedersachsen. Wenn eines unumstößlich feststand, dann doch wohl, dass der vergangene Sonntag zum Schicksalstag werden würde, und zwar entweder für Philipp Rösler oder für Peer Steinbrück. Nach der Wahl sollte einer der beiden tödlich verletzt auf der Walstatt liegen, so hatten es die Spatzen von den Studiodächern gepfiffen, so stand es in allen Zeitungen. Und nun? Nun rennen beide pumperlgesund durch Berlin, und ausgerechnet die eiserne Kanzlerin muss sich fragen lassen, was in ihrer Partei falsch gelaufen ist.

Es ist nicht schön, sich zu irren. Das passiert auch anderen. Der Klempner verlegt seinen Abfluss falsch, der Internist übersieht einen eitrigen Blinddarm. Keine Profession hat allerdings eine solche Fertigkeit darin entwickelt, noch auf dem Fuße, der gerade kehrt macht, einen Grund zu finden, warum die neue Wirklichkeitsbeurteilung diejenige ist, die man schon immer im Sinn hatte.

Die FDP liegt bundesweit bei zwei Prozent? Kein Wunder: Bei einem solchen Programm müssen die Wähler ja davon laufen. Oha, sie holt knapp zwei Wochen später in Niedersachsen das Fünffache? Ist doch sonnenklar: Die CDU hat dem Koalitionspartner ihre Wähler ausgeborgt und ihm so über die Hürde geholfen.

Sinneswandel in letzter Minute

Zur Not tauscht man einfach den Slogan aus wie die Kollegen bei "Hart aber fair". Am Sonntag hieß es dort noch: "Letzte Chance Niedersachsen - Steinbrück am Abgrund, Rösler schon weiter?" Dann lag Rot-grün 0,4 Prozentpunkte vorne und Frank Plasberg fragte am Montag: "Chaostruppe FDP - Steinbrücks beste Wahlhelfer?" "Was 0,4 Prozentpunkte doch für einen Unterschied machen", kommentierte der unbestechliche Michael Hanfeld von der "FAZ" den Sinneswandel.

Hanfeld verdanken wir auch den Hinweis auf die Pirouetten des unentwegten "Quotenerklärers" Jörg Schönenborn, der am Wahlabend zu jeder Lage die entsprechende Wählerbefragung parat hat. Kaum stand in Hannover der Regierungswechsel fest, also gegen 23 Uhr, zog der WDR-Chefredakteur ein "Schaubild aus der Tasche, das die CDU als Katastrophenpartei schlechthin" ausgewiesen habe, wie der tapfere TV-Beobachter Hanfeld rapportierte: "Kurz zuvor war das die FDP, und Peer Steinbrück schien dem Untergang geweiht."

Okay, seien wir nicht so streng. Vermutlich darf man von Leuten, die ihr Gehalt nicht wie andere Menschen als Lohn für eine geleistete Arbeit, sondern vielmehr als Demokratieabgabe verstehen, auch nichts anderes erwarten. Wer sich für eine so unentbehrliche Stütze der Gesellschaft hält, dass er sein zwangsweise eingetriebenes Salär als deren Bringschuld ansieht, der hat vor langem aufgehört, so etwas wie Selbstzweifel zu empfinden. So jemanden kann nichts aus der Fassung bringen, schon gar nicht ein Regierungswechsel in letzter Sekunde.

Kontrast zur Wahrnehmung im Publikum

Wenn man nach einer Erklärung sucht, warum Journalisten einen eher zweifelhaften Ruf genießen, dann liegt sie möglicherweise in diesem Hang zur Überraschungsresistenz. Die Selbsteinschätzung in meinem Gewerbe steht jedenfalls in auffälligem Kontrast zur Wahrnehmung im Publikum. In Umfragen zum Sozialprestige rangiert der Journalist irgendwo zwischen Anwalt und Steuerbeamten - immerhin Banker und Politiker haben ein noch schlechteres Ansehen.

Wem es ein Trost ist: Vor einem Jahrhundert war es nicht viel besser. Der Journalist "gehört zu einer Art von Pariakaste, die in der Gesellschaft stets nach ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt wird", hielt Max Weber 1919 vor Münchner Studenten in seinem berühmten Vortrag über Politik als Beruf fest.

Fairerweise muss man sagen, dass sich der Wichtigkeitsjournalismus nicht auf die Öffentlich-Rechtlichen Sender beschränkt. Auch in Print-Redaktionen findet man in ausreichender Anzahl Leute, die so von der eigenen Bedeutung durchdrungen sind, dass sie auf Konferenzen mit ganz leiser Stimme sprechen. Besonders beliebt ist in diesen Kreisen der "Was-die-Kanzlerin-jetzt-tun muss"-Kommentar, in dem mit ein paar Federstrichen die soziale Ungerechtigkeit aus Deutschland vertrieben und der Klimawandel unter Kontrolle gebracht wird. Wenn es in Deutschland gerade mal nichts zu tun gibt, löst man wahlweise den Syrien-Konflikt oder die Spannungslage im Südchinesischen Meer.

Einmischung von außen stört nur

Im Handbuch der Kommunikationswissenschaft übt der Journalist Kontrolle über die Herrschenden aus, wo immer sie auch stecken. In Wirklichkeit ist die Rollenverteilung komplizierter, als es das Wort von der "vierten Gewalt" erwarten lässt. Tatsächlich bilden Kontrolleure und Kontrollierte zusammen das, was man den journalistisch-politischen Komplex nennen könnte: Der eine besetzt die politischen Posten und schreibt die Gesetze; der andere sagt, wie der politische Einfluss ausgeübt werden und was in den Gesetzen drin stehen sollte. So können sich beide wichtig fühlen, der Journalist sogar ein bisschen mehr, weil er im Zweifel nie verantwortlich ist, wenn etwas schiefgeht. Dafür ist er darauf angewiesen, dass ihn der Politiker ernst nimmt. Das versucht er sicher zu stellen, indem er ihm ab und zu in seinen Kommentaren heimleuchtet.

Man sieht schon: Politiker und Journalisten haben genug miteinander zu tun, Einmischung von außen stört da nur. Dass das Volk dennoch ständig vorkommt, liegt in der Natur der Sache. Beide Berufsgruppen brauchen die Masse, um ihrer Meinung Gewicht zu verleihen, aber eben nur als Abstraktion, als schöne Idee. Wehe der Bürger kommt ihnen wirklich in die Quere, indem er sich abwendet, nicht mehr wählen geht oder gar seinen Fernsehapparat abmeldet. Dann ist sofort die Demokratie in Gefahr. So schließt sich wieder der Kreis.

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