Nikolaus Blome

Fleischindustrie Billig ist nicht böse

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Nach den Corona-Ausbrüchen in Fleischfabriken wird "billig" zum neuen Schimpfwort. Dahinter stecken ökonomische Unkenntnis oder sinistre Erziehungsfantasien.
Abgepacktes Fleisch in einem Kühlregal

Abgepacktes Fleisch in einem Kühlregal

Foto: Patrick Pleul/ DPA

Selbst als mitfühlender Konservativer habe ich kein Mitleid mit Herrn Tönnies, er tut mir wirklich nicht leid, der Mann ist Boss von Schalke 04. Für die Debatte hier ist natürlich wichtiger, dass er in jüngerer Vergangenheit mit rassistischen Sprüchen über Afrikaner auffällig wurde und verantwortlich ist für finsterste Arbeitsbedingungen in seinen gigantischen Schlachthöfen. So weit, so schlecht, man möge ihn zur Rechenschaft ziehen.

Was mich jedoch stört an der heiß laufenden Debatte ist die Fokussierung auf das Attribut "billig". Billig-Reisen, Billig-Kleidung, Billig-Fleisch: Billig ist die neue Todsünde unserer Zeit, Quell' alles Bösen, schuld an Klimakollaps und jetzt auch an Corona. Noch ein bisschen weiter in diesem Furor, und nach dem N-Wort und dem R-Wort gerät selbst das B-Wort auf die Liste der nicht mehr sagbaren Dinge.

Ein CDU/CSU-Fraktionsvize namens Nüsslein will Werbung mit B-Preisen für Fleisch untersagen. "Der wöchentliche Preiskampf der Supermärkte (…) ist unanständig und muss aufhören." Landwirtschaftsministerin Klöckner twittert: "Fleisch ist zu billig. Ramschpreise an der Theke geben nicht den Wert wieder." Grünenchef Habeck forderte bereits vor einem Monat Mindestpreise für Fleisch, um B-Preise zu unterbinden.

Neben ihrer manifesten Unkenntnis ökonomischer Zusammenhänge haben alle drei eines gemeinsam: Sie wollen über den Preis die Leute im Land erziehen. Warum? Weil sie es für eine publikumswirksame Tat halten. Weil sie das Konzept von Sünde, Fegefeuer und Ablasshandel für ihre politischen Ziele gängig machen wollen. Weil sie vom "gerechten Preis" träumen, obwohl sich Gelehrte aller Fakultäten seit Aristoteles' Zeiten nicht einigen können, was das genau ist. Immerhin: Herr Habeck guckt für Fotos schon fast so klug wie Aristoteles.

Doch Werbeverbote und Mindestpreise verbessern weder die Lage der Arbeiter noch die der Tiere. Ein zwangsweise erhöhter Ladenpreis für Schlachtware macht bei ansonsten identischen Bedingungen vor allem Herrn Tönnies ein bisschen reicher und finanziert womöglich noch den x-ten Fehleinkauf bei den Schalke-Tretern. Zum anderen aber, wichtiger, ist die Diffamierung von Preiswettbewerb und die Ächtung des Wortes "billig" ein Schlag ins Gesicht derer, die ihr Leben am unteren Ende der Sozialskala auf die Reihe kriegen müssen. Womöglich steht hinter der Fleischtheke mit den sündigen B-Preisen eine Frau (oder ein Mann), der auf eben diese Preise angewiesen ist: Billig ist für Millionen Menschen auch in diesem Land eine zentrale Alltagskategorie. Billig oder nicht billig entscheidet für sie darüber, ob am Monatsende noch Geld übrig ist, oder am Geldende noch unangenehm viel Monat.

Gerade diesen Personenkreis haben wir in der Coronakrise als "systemrelevant" gefeiert, trotzdem werden sie in ihren einfachen Jobs nie dicke Gehälter bekommen. Umso weniger haben sie es also verdient, dass sie sich bei Essen, Reisen oder Kleiden für "billig" auch noch schämen sollen. Stattdessen hätten sie Politiker verdient, die zu ihrem Teil der deutschen Lebenswelt Kontakt halten, gern auch nachhaltigen. Sie hätten Politiker verdient, die etwas von Wirtschaft verstehen und einen gesetzlichen Rahmen schaffen, in dem Arbeiter nicht ausgebeutet, Tiere nicht gequält und Preise nicht staatlich fixiert werden. Falls nicht (mehr) bekannt: Diesen Rahmen, in dem es Wettbewerb natürlich auch um den niedrigsten Preis geben soll, nennt man soziale Marktwirtschaft. Der Billig-Discounter Aldi ist laut "SZ" übrigens der größte Anbieter von Biowaren in Deutschland.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich verteidige nicht die unwürdigen Bedingungen in den Schlachthöfen, sie erinnern mich an Upton Sinclairs "Dschungel", ein sozialkritisches Buch über Chicagos Schlachthöfe aus dem Jahr - 1906. Ausbeuterische Werkverträge gehören in Deutschland verboten, in der Bauwirtschaft geschah Vergleichbares schon Anfang der Achtzigerjahre. Es geht also, und wenn das am Ende die Preise im Laden wirklich erhöht, ist es in Ordnung. Andere Ziele oder Motive jedoch würde ich bis auf Weiteres nicht gelten lassen - auch nicht den Klimaschutz. Den unbestreitbar klimaschädlichen Fleischkonsum der Deutschen zu senken, muss anders gelingen als mithilfe stark steigender Preise, die als erste die sozial Schwachen nicht mehr bezahlen können.

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Die Bundesregierung wird derzeit nicht müde, ihr Konjunkturprogramm zu bejubeln. Von "Wumms" spricht der Finanzminister, der offenkundig einen Clown gefrühstückt hat. "Wir können auch anders", sagte er weiter, nicht immer nur klein und langsam, sondern jetzt auch mal groß und schnell. Schließlich zitierte er aus seiner Jugend ein knapp 40 Jahre altes Lied, nun werde wieder in die Hände gespuckt, alle steigern das Bruttosozialprodukt. Seine Heiterkeits- und Optimismusausbrüche knüpft der Minister u. a. an die Erwartung, dass die Deutschen in Scharen auf die Mehrwertsteuersenkung von drei Prozentpunkten reagieren.

Ich bin skeptisch, ob das wirklich so klappen wird, aber ich sage das nicht laut, weil ich VWL nur im Nebenfach hatte. Klar ist jedoch: Alle, die sich von 2,52 Euro Ersparnis pro hundert Euro Verkaufspreis jetzt einen Konsumenten-Ansturm versprechen, sollten gefälligst nicht die Nase rümpfen über Menschen, die beim Preis genau hinschauen und bei "Billig"-Angeboten zugreifen.

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